Nach acht Jahren und zwei Schuldenschnitten

Griechenland verlässt Rettungsschirm und kehrt an Finanzmärkte zurück

Griechenland - EU.
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Griechenland - EU.

Nach acht Jahren am Tropf der internationalen Geldgeber verlässt Griechenland am Montag den Euro-Rettungsschirm und kehrt an die Finanzmärkte zurück.

Doch Experten sehen keinen Anlass für Erleichterung: "Die Griechenland-Krise ist nicht beigelegt, sie ist nur auf später vertagt worden", sagt der Wirtschaftsprofessor Charles Wyplosz. Und nicht nur Griechenland bleibt ein Sorgenkind: Auch andere Euro-Staaten, allen voran Italien, beunruhigen die Experten.

Griechenland ist durch die Euro-Partner und den Internationalen Währungsfonds (IWF) seit 2010 vor dem Staatsbankrott gerettet worden, die Gläubiger gewährten dem Mittelmeerstaat insgesamt Kredite in Höhe von insgesamt fast 274 Milliarden Euro. Im Gegenzug musste Athen hunderte und vielfach schmerzhafte Reformen umsetzen.

Zwar ist das Land inzwischen wieder auf Wachstumskurs und weist Haushaltsüberschüsse aus. Aber es sitzt auf einem riesigen Schuldenberg in Höhe von etwa 180 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP). Erst ab 2032 muss Athen mit der Tilgung der Schulden beginnen. Völlig unklar ist, wohin sich das Land bis dahin politisch und wirtschaftlich entwickelt.

"Auf irgendeine Weise wird es explodieren", prophezeit Wyplosz, der am Genfer Institut für Internationale und Entwicklungs-Studien forscht. Griechenland werde bereits "deutlich vor 2032 wieder in der Krise stecken". Die EU habe beim Umgang mit der Griechenland-Krise einen "spektakulären Zynismus" an den Tag gelegt", kritisiert Wyplosz: Sie habe so getan, als sei das Probem gelöst - nach dem Motto "nach mir die Sintflut."

Dass in der Griechenland-Krise nicht alles richtig gemacht wurde, räumte vor wenigen Tagen sogar der Chef des Euro-Rettungsfonds ESM, Klaus Regling, ein. Für diese schlimmste Krise seit der großen Depression von 1929 habe es schließlich "kein Drehbuch" gegeben, sagte er dem "Spiegel".

Auch Anne-Laure Delatte, Vizedirektorin des französischen Wirtschaftsforschungsinstitut CEPII, sieht grundsätzliche Probleme: "Wir haben nicht das Problem der öffentlichen Verschuldung gelöst, das in Italien, Griechenland und Portugal trotz deren Anstrengungen weiterhin groß ist", sagt sie. Die EU-Schwergewichte Spanien und Frankreich ächzen ebenfalls unter einer hohen Schuldenlast.

Ihnen gegenüber stehen in der Eurozone diejenigen Länder, die ihre Hausaufgaben in Sachen Staatsverschuldung gemacht haben. Und zwischen diesen beiden Blöcken wachsen die Interessengegensätze: Während die Musterschüler Haushaltsdisziplin verlangen, fordern die hoch verschuldeten Staaten mehr Solidarität.

Italien stelle eine "eindeutige Bedrohung" dar, glaubt Wyplosz. "Wir haben da ein Land mit Schulden in Höhe von 130 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, ernsthaften inneren Problemen, einem schmutzigen Bankensystem - und jetzt wird es von Leuten gelenkt, die nicht wissen, was sie tun", sagt der Wirtschaftsexperte.

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Bislang hat die erst seit Juni amtierende italienische Regierung keinen klaren wirtschaftspolitischen Kurs aufgezeigt. Nach dem Einsturz der Autobahnbrücke in Genua am 14. August stellte sie unmissverständlich klar, dass sie die europäischen Stabilitäts- und Schuldenregeln für unvereinbar mit den nötigen Investitionen in die Infrastruktur ansieht. Er wolle "die Sicherheit der Italiener an die erste Stelle stellen", sagte der rechtspopulistische Innenminister Matteo Salvini.

Philippe Martin von der Pariser Universität Sciences Po sieht die Eurozone schlecht gewappnet für eine drohende neue Krise: Sie verfüge "nicht über angemessene Werkzeuge oder Institutionen, um mit einer ernsten italienischen Schuldenkrise fertig zu werden".

Während der Griechenland-Krise hatte die Währungsunion den Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) geschaffen sowie eine Stärkung der Bankenunion vereinbart. Aber weitergehende Reformen, etwa der von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron geforderte Eurozonen-Haushalt, scheiterten bislang an den gegensätzlichen Interessen der Mitgliedstaaten.

"Ich bin mir nicht sicher, ob es eine Einigung darüber geben wird, was der Euro sein soll", sagt Nathalie Janson von der Neoma-Wirtschaftshochschule im französischen Rouen. Der Euro sei "inzwischen zu einer chaotischen Währung mit ständigen Turbulenzen geworden - obwohl er ursprünglich für Stabilität sorgen sollte".

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