Kommunale Top-Einnahmequelle

Grundsteuer auf der Kippe - Karlsruhe prüft Einheitswerte

+
Der Erste Senat beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe mit dem Vorsitzenden Ferdinand Kirchhof (4.v.r.). Foto: Uli Deck

Kippt die Grundsteuer, weil die Einheitswerte als Berechnungsgrundlage gegen das Grundgesetz verstoßen? Eine Reform ist längst geplant. Wichtig für Tempo und Umfang der Reform ist, was das Bundesverfassungsgericht entscheidet.

Karlsruhe (dpa) - Das Bundesverfassungsgericht stellt die Grundlage der für Kommunen wichtigen Grundsteuer infrage. Der Erste Senat hat am Dienstag in Karlsruhe über drei Vorlagen des Bundesfinanzhofs und zwei Verfassungsbeschwerden verhandelt.

Nach Überzeugung des Bundesfinanzhofs verstoßen die Einheitswerte für die mehr als 35 Millionen Grundstücke und Immobilien in Deutschland gegen den Gleichheitssatz des Grundgesetzes. Der Ausgang der Verfahren hat große Bedeutung für Immobilieneigentümer, Mieter und Kommunen. Bis zu einem Urteil dauert es in der Regel mehrere Monate.

Die Grundsteuer trifft die Eigentümer und wird an Mieter weitergegeben. Insgesamt fließen fast 14 Milliarden Euro im Jahr in die Kassen von Städten und Gemeinden. Sie ist ihre wichtigste Einnahmequelle nach Gewerbesteuer und dem Anteil an der Einkommenssteuer.

Im Mittelpunkt der Verhandlung stand die Frage, ob die einmal festgestellten Einheitswerte - im Jahr 1964 in den westlichen und 1935 in den neuen Bundesländern - heute noch eine gerechte Steuererhebung zulassen. Vertreter der Bundesregierung und der Kläger äußerten gegensätzliche Überzeugungen.

Die Verfassungsrichter bohrten mehrfach nach, ob sich die mehr als ein halbes Jahrhundert alten Zahlen heute noch rechtfertigen lassen. Vertreter von Bund und Ländern begründeten die Untätigkeit unter anderem mit dem hohen Aufwand und anderen Prioritäten bei der Modernisierung der Steuerverwaltung.

Wegen fehlender Neubewertungen kann es sein, dass vergleichbare Grundstücke und Gebäude verschiedener Baujahre völlig unterschiedlich bewertet werden. Besonders ausgeprägt sei das in Berlin, wo sich zum Beispiel ehemalige Randlagen an der Mauer zu Top-Quartieren entwickelt hätten, berichtete ein Rechtsanwalt. Nach Angaben der Berliner Finanzstaatssekretärin Margaretha Sudhof (SPD) werden Immobilien bei gravierenden Veränderungen wie Sanierungen aber auch neu bewertet.

Vertreter von Bund und Ländern erklärten, dass eine Verfassungswidrigkeit der Einheitswerte zum totalen Ausfall der Grundsteuer führen könnte. Das wäre für Städte und Gemeinden nicht tragbar, weil sie mehr als zehn Prozent ihrer Steuereinnahmen ausmache.

Der Hamburger Finanzsenator Peter Tschentscher (SPD) warnte vor einer massiven Mehrbelastung für Mieter durch eine Reform. Eine Neufestlegung der Einheitswerte würde Millionen Mieter treffen, deren Immobilien in den vergangenen Jahren ohne eigenes Zutun eine erhebliche Wertsteigerung erfahren hätten, sagte er. Seiner Meinung nach sollte sich die Grundsteuer an den Boden- und Gebäudeflächen orientieren.

Der Deutsche Mieterbund fordert, die Grundsteuer künftig als reine Bodensteuer zu erheben. Das würde der Spekulation entgegenwirken. Die kommunalen Spitzenverbände unterstützen die Reformpläne der Bundesländer. Ein Reformvorschlag des Bundesrats, zu dem eine Neubewertung der Grundstücke gehört, war im vergangenen Jahr im Bundestag hängen geblieben. Alle Beteiligten streben an, das Gesamtsteueraufkommen nicht wesentlich zu verändern.

Der Einheitswert ist nur die Rechengrundlage für die Grundsteuer. Er wird mit zwei Faktoren multipliziert: Der Messzahl, die nach Art des Objekts und Größe der Kommune variiert und dem Hebesatz, den jede Stadt oder Gemeinde selbst festsetzt.

Der Vorsitzende des Ersten Senats, Ferdinand Kirchhof, wies gleich zu Beginn der Verhandlung, darauf hin, dass das Gericht, sollte es einen Verstoß gegen das Grundgesetz feststellen, entscheiden müsse, wie mit der Zeit bis zu einer Neuregelung und bereits erlassenen Steuerbescheiden umgegangen werden soll. Vertreter von Bund und Ländern kündigten an, dass ein Gesetzgebungsverfahren und die Neubewertung der Grundstücke und Immobilien mehrere Jahre dauern werde.

Mehr zum Thema

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene Artikel

Bamf-Affäre: Innenministerium hält an Behördenchefin fest

Kann sich Bamf-Chefin Cordt im Amt halten? Und braucht es wirklich einen Untersuchungsausschuss des Bundestages, um die Unregelmäßigkeiten in der Bremer …
Bamf-Affäre: Innenministerium hält an Behördenchefin fest

Trump sagt Nordkorea-Gipfel ab und droht mit Atomwaffen

Der historische Gipfel zwischen Nordkorea und den USA kommt nicht zustande. Donald Trump zieht den Stecker, Nordkorea sei Schuld. Kurz darauf rasselt der Amerikaner …
Trump sagt Nordkorea-Gipfel ab und droht mit Atomwaffen

Erneut israelischer Angriff auf Militärflughafen in Syrien

Seit Monaten bombardiert Israel immer wieder Ziele im Bürgerkriegsland Syrien. Die Angriffe richten sich vor allem gegen Truppen, die von Teheran unterstützt werden.
Erneut israelischer Angriff auf Militärflughafen in Syrien

Nach Seehofers Einschreiten: Skurrile Zustände in Bremer Bamf-Außenstelle

Innenminister Horst Seehofer hat gesprochen: Asylbescheide dürfen in Bremen nicht mehr erstellt werden. Die Situation in der Bamf-Außenstelle ist dadurch nur noch …
Nach Seehofers Einschreiten: Skurrile Zustände in Bremer Bamf-Außenstelle

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.

Hinweise für das Kommentieren

Von Mo. bis Fr. in der Zeit von 18 bis 9 Uhr und am Wochenende werden keine neuen Kommentare freigeschaltet.
Bitte bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht.