Studie des Leibniz-Instituts

Harter Brexit: 100.000 Arbeitsplätze in Deutschland in Gefahr?

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Flaggen von Großbritannien, der EU und von Deutschland hängen zusammen: Wenn der harte Brexit kommt, dann hat das auch negative Folgen für Deutschland.

Läuft es auf einen Brexit ohne Vertrag hinaus, dürfte das schwere Folgen für den deutschen Arbeitsmarkt haben – zumindest, wenn man einer Simulation deutscher Wissenschaftler folgt.

Halle – In gut sechs Wochen könnte Großbritannien Ende März 2019 ohne Vertrag aus der Europäischen Union austreten – mit gravierenden Folgen für die Unternehmen in der Europäischen Union, weil der Außenhandel zurückgehen könnte. Anhand eines Rechenmodells hat das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Halle (IWH) simuliert, dass bei einem harten Brexit weltweit 600.000 Arbeitsplätze betroffen sein könnten - davon mehr als 100.000 allein in Deutschland, stellt Oliver Holtemöller fest. Der Autor ist stellvertretender Präsident und Leiter der Abteilung Makroökonomik am IWH. Aufgeschlüsselt nach Industriezweigen und Regionen wären Autoindustrie, Zulieferer und Medizintechnik am stärksten betroffen - das berichtet die HNA*.

Harter Brexit trifft besonders deutsche Autoindustrie

Ein harter Brexit würde in Deutschland insbesondere die Autoindustrie und darum vor allem die Regionen Wolfsburg und Salzgitter (VW), Ingolstadt (Audi), den Wartburgkeis (Opel) und Dingolfing-Landau (BMW) treffen. In der deutschen Autoindustrie (Produktion und Handel) insgesamt könnten 15.000 Beschäftige von den Absatzeinbußen betroffen sein, heißt es in der Studie. Doch wenn sich die fahrzeugbauenden Werke des Volkswagen-Konzerns – wie Wolfsburg und Ingolstadt – eine Grippe einfangen, dann kommt der Standort VW-Kassel in Baunatal, der Komponenten wie Getriebe an die einzelnen Marken im Konzern liefert, um einen Schnupfen nicht herum. Betroffen wären auch weitere Autozulieferer, wie etwa ZF im Bodenseekreis.

In Böblingen könnte es Siemens und IBM treffen, im Märkischen Kreis im Sauerland wären es die landwirtschaftlichen Betriebe. Und in Tuttlingen in Baden-Württemberg wären es die Medizintechniker. Rund 600 Betriebe dieser Branche stellen dort chirurgische und medizintechnische Erzeugnisse her. Eines von ihnen ist Aesculap, ein Tochterunternehmen der B. Braun Melsungen AG. Das Unternehmen produziert neben Chirurgie-Bedarf unter anderem auch orthopädischen Gelenkersatz.

Die IWH-Studie basiert auf der Annahme, dass in Großbritannien nach einem harten Brexit die Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen aus der EU um ein Viertel zurückgeht. Der Grund dafür wären höhere Preise, denn die Einfuhren aus den verbleibenden EU-Staaten würden wegen neuer Zölle für die Briten deutlich teurer.

Harter Brexit: Handel würde nur noch nach WTO-Regeln verlaufen

Denn der Handel würde ohne Brexitvertrag nur noch nach den WTO-Regeln ablaufen. Das heißt, es würden Importzölle auf beiden Seiten erhoben – „durchschnittlich im mittleren einstelligen Bereich, sofern die WTO für die Produkte überhaupt Regeln aufweist“, stellt Christian Apelt von der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba) fest.

Noch wichtiger als die Zollsätze wären aber ganz andere Handelshemmnisse, etwa wenn bestimmte Standards für bestimmte Produkte nicht mehr anerkannt würden. Das könnte bedeuten, dass Chemikalien nicht mehr eingeführt werden dürften oder Medikamente aus Großbritannien keine Zulassung mehr innerhalb der EU hätten.

Weil die Märkte derart global vernetzt sind, wären auch Zulieferer außerhalb der EU betroffen: In China etwa wären knapp 60.000 Arbeitsplätze in Gefahr. Holtemöller ist sich sicher: „Ein harter Brexit würde die globalen Wertschöpfungsketten durcheinanderwirbeln.“

Lesen Sie auch: May erklärt Parlament Stand der Brexit-Verhandlungen

Brexit: Folgen aktuell

Nicht nur für Deutschland wären die Auswirkungen eines harten Brexits deutlich spürbar. Hier eine Übersicht:

  • Einschränkungen im Flugverkehr: Britische Airlines dürften ohne Luftverkehrsabkommen nicht mehr in die EU und Fluglinien aus der EU nicht mehr von Großbritannien aus ins Ausland fliegen.
  • Britische Banken verlieren schlagartig den direkten Zugang zum europäischen Binnenmarkt, da die geplanten Übergangsfristen entfallen. EU-Banken werden vermutlich aus Sorge um den Finanzplatz London unter keinen Einschränkungen leiden – zumindest in einer Übergangsphase von bis zu drei Jahren. Aber: Rechtliche Unsicherheiten bei vor dem Referendum in Großbritannien abgeschlossenen Finanztermingeschäften (Finanzderivate) sind nicht ausgeschlossen.
  • Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigungen: Für die EU-Ausländer, die in London leben, gibt es Übergangslösungen, für die in der EU lebenden Briten sind die Regeln weniger klar.
  • Der Euro-Pfund-Kurs: Das Pfund Sterling steht derzeit unter Druck, dürfte sich aber nach einem kurzfristigen Überschießen wieder um die Parität einpendeln.

Von Martina Hummel

*HNA.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

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