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Armutsbericht: Die Not in Deutschland ist so groß wie nie – Expertin attackiert Bundesregierung

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Von: Fabian Hartmann

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Flaschensammeln im Alter: Bei Rentnerinnen und Rentnern liegt die Armutsquote bei knapp 18 Prozent.
Flaschensammeln im Alter: Bei Rentnerinnen und Rentnern liegt die Armutsquote bei knapp 18 Prozent. © Michael Gstettenbauer/imago

Die Armut in Deutschland hat einen neuen Höchststand erreicht. Sozialverbände schlagen Alarm. Die Inflation erfordere neue Entlastungspakete – und mindestens 100 Euro mehr Hartz IV.

Berlin – Es sind Zahlen, die schockieren – zumindest aus Sicht des Paritätischen Wohlfahrtsverbands. Die Armutsquote in Deutschland ist auf einen neuen Höchststand gestiegen. Im Jahr 2021 hatten 16,6 Prozent der Bevölkerung kein sicheres Auskommen. Das entspricht knapp 14 Millionen Menschen. Im Vergleich zum Vor-Pandemie-Zeitraum ist das ein Plus von 600000 Personen. Das geht aus dem „Armutsbericht 2022“ hervor, den der Verband am Mittwoch in Berlin vorgestellt hat.

„Die Befunde sind erschütternd, die wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie schlagen inzwischen voll durch“, sagte Hauptgeschäftsführer Ulrich Schneider vor Journalisten. Noch nie habe sich die Armut in jüngerer Zeit so rasant ausgebreitet wie in der Pandemie. In reichen Industrieländern wie Deutschland gilt als armutsgefährdet, wer mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens auskommen muss.

Ungewöhnlich stark nahm demnach die Armut unter Erwerbstätigen zu, bei Selbstständigen stieg die Armutsquote von neun auf 13 Prozent. Höchststände wurden auch bei Rentnerinnen und Rentnern mit einer Armutsquote von knapp 18 Prozent und bei Kindern und Jugendlichen mit rund 21 Prozent registriert.

Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer vom Paritätischen Gesamtverband, stellt im Haus der Bundespressekonferenz den Paritätischen Armutsbericht für das Jahr 2021 vor.
Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätitschen Gesamtverbands, stellt in Berlin den neuen Armutsbericht vor. © Jörg Carstensen/dpa

Armut in Deutschland: Sozialverbände schlagen Alarm

Was den Daten zusätzlich Sprengkraft verleiht: Die aktuell dynamische Preisentwicklung spiegelt sich in den Zahlen noch nicht wider. Es droht eine weitere Verschärfung der Lage. Sozialverbände schlagen schon jetzt Alarm. „Die Politik muss aufhören, das Geld mit der Gießkanne zu verteilen und da gezielt unterstützen, wo die Not am größten ist“, sagte VdK-Armutsexpertin Margret Böwe FR.de von IPPEN.MEDIA. Der VdK ist Deutschlands größter Sozialverband.

Bisher habe die Ampel-Koalition zwar entlastet: Allerdings profitierten davon – Stichwort Energiepreispauschale oder Tankrabatt – auch Haushalte mit hohen Einkommen. Zu wenig werde getan für Menschen in der Grundsicherung. „Bei Hartz IV müsste es mindestens einen monatlichen Krisenaufschlag von 100 Euro“ geben, sagte Böwe.

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In eine ähnliche Richtung gehen auch die Vorstellungen des Paritätischen Wohlfahrtsverbands. Hauptgeschäftsführer Schneider fordert von der Bundesregierung ein zielgerichtetes Entlastungspaket für einkommensarme Haushalte. Fakt ist: Die aktuell hohe Inflation trifft vor allem Menschen mit wenig Geld. Wie das Statistische Bundesamt am Mittwoch mitteilte, hat sich die Preisdynamik in Deutschland im Juni zwar etwas abgeschwächt – sie liegt mit einem Plus von 7,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr aber noch immer auf einem sehr hohen Niveau.

Armut in Deutschland - und Millionen Haushalten drohen hohe Nachzahlungen

Es sind vor allem die Preise für Energie und Lebensmittel, die die Inflation antreiben. Allein bei Strom und Gas droht Millionen Haushalten in diesem Jahr eine hohe Nachzahlung. VdK-Expertin Böwe fordert die Politik auf, die steigenden Energiekosten in der Grundsicherung und bei Hartz IV komplett zu übernehmen. Außerdem müsste das Wohngeld entsprechend angehoben werden, um auch die Menschen zu unterstützen, die ein Einkommen haben, damit aber nicht über die Runden kommen.

Und die Finanzierung? „Am Geld darf es nicht scheitern“, sagte Böwe FR.de von IPPEN.MEDIA. Es gebe auch Gewinner der Krise, die stärker besteuert werden könnten. Eine weitere Idee: die Vermögensabgabe. Doch die wehrt die Ampel-Koalition ab – auf Druck der FDP.

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