"Helikopter-Geld": Denkmodelle der Europäischen Zentralbank

Hubschrauber, Kaserne, Fritzlar
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Hubschrauber, Kaserne, Fritzlar

Soll die EZB jedem Bürger 1.300 Euro schenken? Banker der Region bezweifeln Sinnhaftigkeit einer solchen geldpolitischen Maßnahme.

Fulda. Kein verspäteter Aprilscherz. Und "EZB"-Chef Mario Draghi lachte auch nicht, fand das Thema vielmehr "sehr interessant", als er schon am 10. März im Rahmen einer Pressekonferenz auf das "Helikoptergeld" angesprochen wurde. Zuletzt hat die schwedische Bank "Nordea" einen Betrag von 1.300 Euro ins Spiel gebracht,  ein Summe, die "einfach mal eben so" an die Bürger Europas verschenkt werden könnte oder sollte. Die Idee hat jedoch viele Gegner, denn es ist ja überhaupt nicht gesagt, dass die Menschen das so geschenkte Geld zur Ankurbelung der Wirtschaft überhaupt ausgeben würden. Doch nun ist der "Geist aus der Flasche" – und nicht nur Manfred Gerhard, Vorstand der "VRGenobank Fulda" sieht dieses "extreme Instrument" durchaus kritisch.

Mit "Helikoptergeld" bezeichnet man die direkte Bereitstellung von Zentralbankliquidität an private Haushalte. Man erhofft sich mit dieser geldpolitischen Maßnahme – also der Schenkung frisch gedruckten Geldes an den privaten Endverbraucher – eine Erhöhung der Teuerungsraten in der Erwartung, dass dieses Geld zum großen Teil direkt in die Konsumausgaben fließen wird. So gelangt Zentralbankliquidität ohne den Umweg über den Bankensektor und damit über die Kreditvergabe in den Wirtschaftskreislauf. Gleichzeitig würde der Wert der Staatsschulden durch erwartete stärkere Preissteigerungen abnehmen.

Zumindest ist so die Idee hinter dem Konzept, das der amerikanische Nationalökonom und Nobelpreisträger Milton Friedman 1969 in seinem Papier "The Optimum Quantity of money" vorgestellt hat. "Erprobt ist diese Idee indes real noch nicht", sagt Gerhard.

In den vergangenen Jahren hat die "EZB", die "Europäische Zentralbank" mit Sitz in Frankfurt/Main ein ums andere Mal Maßnahmen ergriffen, die zunächst nicht vorstellbar waren. "Die erhofften Wirkungen sind nicht eingetreten. Gleichwohl befürchten nun die Marktteilnehmer, dass die ,EZB’ am Ende ihrer Weisheit angelangt sein könnte und ,Helikoptergeld’ nicht mehr grundsätzlich ausgeschlossen erscheint", ist Gerhard skeptisch.

Die technische Umsetzbarkeit, unabhängig davon, ob eine solche Maßnahme überhaupt mit dem Mandat der "EZB" vereinbar ist, ist ohne Zweifel schwierig, da private Verbraucher kein Konto bei der Notenbank unterhalten. Daher müssten dann doch wieder die Banken eingeschaltet werden. Problem hierbei: Personen unterhalten oftmals mehrere Konten bei verschiedenen Geschäftsbanken. Der Aufwand einer sauberenUmsetzung dürfte schwierig werden.

"Problematisch wäre auch", so der Fuldaer Banker weiter, "dass ,Helikoptergeld’ keine Gegenposition in der ,EZB’-Bilanz hat. Dadurch wird das Eigenkapital der Notenbank aufgebraucht, beziehungsweise kann diese Politik je nach Ausmaß zu einem Ausweis von negativem Eigenkapital führen." Eine Möglichkeit wäre, die "Geldgeschenke" in Form von direkten Steuersenkungen oder Steuerschecks an jeden einzelnen Haushalt weiterzugeben. Die Refinanzierung könnte in Form von Staatsanleihen, die an die "EZB" weiterverkauft würden, erfolgen. "Das wäre eine verbotene Staatsfinanzierung durch die ,EZB’ und im Hinblick auf verschuldete Staatshaushalte problematisch. Auch eine Form, auf den der Begriff ,Helikoptergeld’ zutreffen würde", sagt Gerhard.

Über Risiken und Nebenwirkungen dieser riskanten Überlegung gibt es bis dato keine praktischen Vorbilder. Würde die "EZB" tatsächlich diese Grenze überschreiten, würde eine Umsetzung des "Helikoptergeldkonzepts" ohne Banken und/oder ohne Staaten nicht möglich sein. Bevor die Notenbank den aufwändigen direkten Weg zum Verbraucher sucht, würde sie sich wahrscheinlich an die Regierungen wenden, um die Geldgeschenke verteilen zu können.

Die nächste Klippe, die dann umschifft werden müsste, wäre der Vorwurf der monetären Staatsfinanzierung und wie die Notenbank diese geldpolitische Maßnahme buchhalterisch umsetzt. Ließe die EZB auch diese Herausforderung hinter sich, müsste darüber diskutiert werden, wie hoch die Geldgeschenke ausfallen und wie lange sie gewährt werden. Dabei müsse sie sehr transparent vorgehen, um die Öffentlichkeit auf ihrer Seite zu haben. Daher sollte die Notenbank gleichzeitig mit der Einführung von "Helikoptergeld" idealerweise schon eine Exit-Strategie parat haben, um mögliche negative Auswirkungen durch Unsicherheit über die Beendigung der Geldzufuhr zu vermeiden. "Die technischen, ideologischen und legalen Hürden sind insgesamt enorm", so der Fuldaer  "VRGenobank"-Chef.  Die derzeitigen niedrigen nominellen Preissteigerungsraten sind maßgeblich durch die niedrigen Mineralölpreise, das schwache Wirtschaftswachstum im EU-Raum als Folge fehlender Wettbewerbsfähigkeit (wegen ausbleibender Reformen), fehlender Preiserhöhungsspielräume der Produzenten (totale Preistransparenz des Internets) und Sparsamkeit bei Verbrauchern und Gewerbe (in Südeuropa) verursacht. Auch überproportionale Preissteigerungen im vergangenen Jahrzehnt in Südeuropa befinden sich in einer gewissen Redimensionierung."Das Thema Deflation wird offensichtlich in der Argumentation überstrapaziert", sagt Gerhard. Unseres Erachtens wäre es vorrangig wichtiger, dass die Regierungen dringend notwendige Reformen angehen. Geldpolitik kann strukturelle Wirtschaftspolitik nicht ersetzen. Solange die Staaten keine Strukturreformen durchführen, wird es für die Notenbank immer schwieriger, die Wachstumsaussichten in der Eurozone zu stärken. Geldpolitik funktioniert nur dann richtig, wenn die Staaten mitziehen. Dieser Grundgedanke wird – auch dank der aktuellen ,EZB’-Politik – in der Eurozone derzeit kaum verfolgt", kritisiert der Fuldaer Bankvorstand abschließend.

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"Das letzte Mittel"

Interview mit Fuldas Sparkassen-Chef Alois Früchtl zum "Helikopter-Geld"

Fulda aktuell (FA): Was versteht man genau unter dem Begriff "Helikopter-Geld"?

Alois Früchtl: Hinter diesem Begriff steckt die Idee, zusätzliches Zentralbankgeld nicht – wie üblich – über die Banken und die Finanzmärkte in Umlauf zu bringen, sondern mehr oder weniger direkt an die Bürgerinnen und Bürger auszuschütten. Befürworter des "Helikopter-Gelds" hoffen damit Konsum und Investitionen anzuregen und das Wirtschaftswachstum anzukurbeln. "Helikopter-Geld" ist so etwas wie das letzte Mittel, wenn alle anderen geldpolitischen Maßnahmen keinen Erfolg gehabt haben.

FA: Wer hat den Begriff geprägt?

Früchtl: Milton Friedman, ein US-amerikanischer Wirtschaftswissenschaftler und späterer Nobelpreisträger, hat die Idee erstmals Ende der 1960er-Jahr zu Papier gebracht. Das Konzept des "Helikopter-Gelds" war von ihm aber ursprünglich als rein akademisches Gedankenspiel gedacht.

FA:  Was dürften die Motive von "EZB"-Chef Draghi sein, dieses "Helikopter-Geld" eventuell einführen zu wollen?

Früchtl: Zentralbanken haben einen klaren Auftrag: die Geldwertstabilität. Sie versuchen deshalb nicht nur schnell steigende Preise (Inflation), sondern auch einen allmählichen Rückgang des Preisniveaus (Deflation) zu verhindern. Sinkende Preise sind unerwünscht, weil dann immer mehr Unternehmen und Konsumenten ihre Ausgaben in die Zukunft verschieben. Derzeit sieht vor allem die "Europäische Zentralbank" (EZB) die Gefahr deflatorischer Tendenzen. Für die wachstumsschwachen Staaten Südeuropas wäre das natürlich problematisch. Die "EZB" hat deshalb zahlreiche – teilweise sehr umstrittene – Maßnahmen ergriffen, um das Zinsniveau herunterzuschleusen und die Kreditvergabe zu stimulieren. Durchschlagende Wirkung hat das alles bisher noch nicht gehabt. Deshalb scheint "Helikopter-Geld" in den Überlegungen der "EZB" zumindest kein Tabu zu sein. Denn sie wäre damit theoretisch nicht mehr darauf angewiesen, dass die Banken billiges Zentralbankgeld tatsächlich als Kredite an Unternehmen und Konsumenten weitergeben. Allerdings kann man Kreditvergabe mit günstigen Zinssätzen erfahrungsgemäß nicht "erzwingen". Kredite müssen auch nachgefragt werden – und das setzt vor allem positive Zukunftserwartungen bei Unternehmen und Verbrauchern voraus.

FA: Wer wäre berechtigt, wem stünde das "Helikopter-Geld" zu?

Früchtl: Es gibt in der Theorie verschiedene Varianten.  Denkbar wäre eine direkte Überweisung an alle Einwohner. Statt direkt an die Bürger könnte eine Notenbank das Geld aber auch an die Regierung(en) überweisen. Diese würde(n) das Geld dann in Straßen oder andere Großprojekte investieren beziehungsweise damit Krankenkassenbeiträge oder Steuern senken und so die Wirtschaft ankurbeln.

FA: Was halten Sie persönlich von der Einführung einer solchen Maßnahme zur Ankurbelung der Wirtschaft und zur Abwehr einer möglichen Deflation?

Früchtl: Gar nichts! Mit "Helikopter-Geld" holt man sich Geister ins Haus, die man nicht mehr los wird. Es ist eine Illusion, Notenbanken könnten für die Bürger und Regierungen einfach immer mehr Geld drucken und damit wirtschaftspolitische Probleme lösen. Geldpolitik kann und soll nun einmal nicht notwendige Reformen ersetzen und die Wachstumsdefizite in Teilen Europas aus dem Weg räumen. Die Bürger könnten sich mit "Helikopter-Geld" daran gewöhnen, Geld nicht mehr durch Arbeit verdienen zu müssen. Bei jeder Krise würden Wähler oder Politiker aufs Neue fordern, dass die Zentralbank weiteres "Helikopter-Geld" herausrückt. Mit der Zeit ginge das Vertrauen der Bürger in die Geldordnung und die Notenbank vollends verloren.

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