Vermerk von Interpol

Kölner Schriftsteller Akhanli auf Betreiben Ankaras in Spanien festgenommen

+
Der Kölner Schriftsteller Dogan Akhanli ist nach Angaben des Bundestagsabgeordneten Volker Beck am Samstag auf Betreiben Ankaras in Spanien festgenommen worden.

Der Kölner Schriftsteller Dogan Akhanli ist nach Angaben des Bundestagsabgeordneten Volker Beck am Samstag auf Betreiben Ankaras in Spanien festgenommen worden.

Update vom 19.08., 20.00 Uhr:  Das Auswärtige Amt hat die spanische Regierung gebeten, den auf türkischen Antrag hin festgenommenen Schriftsteller Dogan Akhanli nicht an die Türkei auszuliefern. Diese Bitte sei der spanischen Regierung am Samstag "hochrangig" von der deutschen Botschaft überbracht worden, hieß es am Abend aus dem Auswärtigen Amt in Berlin. Zudem habe Deutschland darum gebeten, an einem möglichen Auslieferungsverfahren für den deutschen Staatsbürger Akhanli beteiligt zu werden. Nach der Festnahme des deutschen Schriftstellers Dogan Akhanli in Spanien muss die EU aus Sicht von Grünen-Chef Cem Özdemir ihre polizeiliche Zusammenarbeit mit der Türkei auf den Prüfstand stellen. „Es gilt jetzt, jeden Hinweis, der vom Erdogan-Regime kommt, genauestens zu prüfen, denn offensichtlich arbeitet die türkische Justiz nicht nach rechtsstaatlichen Prinzipien“, sagte Özdemir dem Tagesspiegel.

Granada - "Ich habe das Auswärtige Amt gebeten, gegenüber den spanischen Behörden unverzüglich alles zu unternehmen, um eine Auslieferung an die Türkei zu verhindern", teilte der Grünen-Politiker Beck in Berlin mit. Der Kölner Stadtanzeiger berichtete, das Auswärtige Amt prüfe den Vorfall. Akhanli ist deutscher Staatsbürger, die Festnahme halten Beck und Akhanlis Anwalt für politisch motiviert. Die Zeitung berichtete unter Berufung auf den Anwalt des Schriftstellers, Ilias Uyar, die Festnahme sei um 08.30 Uhr in Akhanlis Feriendomizil in der südspanischen Provinz Granada erfolgt.

Dringlichkeitsvermerk von Interpol

Demnach habe bei der internationalen Polizeibehörde Interpol wegen eines Strafverfahrens in der Türkei ein "Dringlichkeitsvermerk" (Red Notice) gegen den Schriftsteller vorgelegen. "Der Haftbefehl ist eindeutig rechtsmissbräuchlich", erklärte Beck. Die Festnahme zeige den Versuch des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, "seine Macht über die Grenzen seines Landes hinaus auszudehnen, seine Kritiker einzuschüchtern und weltweit gegen sie vorzugehen". Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) solle "sich in Spanien unverzüglich für die Freiheit von Dogan Akhanli einsetzen". Gabriel war wegen des Anschlags in Barcelona am Freitag nach Spanien gereist. Nach Angaben des Kölner Stadtanzeigers haben bislang weder die deutsche Botschaft in Madrid, noch sein Anwalt Zugang zu Akhanli.

„Gezielte Jagd auf kritische Köpfer im Ausland“

Akhanlis Anwalt Uyar sagte dem Spiegel, der Vorfall sei eine "gezielte Jagd der türkischen Regierung auf kritische Köpfe im Ausland". Akhanli war schon einmal im August 2010 bei der Einreise in Istanbul festgenommen worden. In dem Prozess, in dem die Staatsanwaltschaft dem Schriftsteller einen bewaffneten Raubüberfall im Jahr 1989 vorwarf, wurde Akhanli gleich zu Beginn im Dezember 2010 auf freien Fuß gesetzt und kehrte nach Deutschland zurück. Doch der türkische Berufungsgerichtshof hatte in Akhanlis Abwesenheit den Freispruch anschließend aufgehoben und ein neues Verfahren angeordnet.

SPD-Kanzlerkandidat Schulz zeigt sich empört

Aus dem Auswärtigen Amt ist zu hören, dass der Fall dort bekannt sei. Man bemühe sich um konsularische Betreuung und werde auf die zuständigen spanischen Behörden zugehen.

SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz bezeichnete die Verhaftung Akhanlis als einen „ungeheuerlichen Vorgang“ und forderte die Bundesregierung sowie die Europäische Union zu einer deutlichen Reaktion auf. Sie müssten darauf dringen, dass Akhanli „nicht in die Türkei ausgeliefert wird und stattdessen möglichst schnell freigelassen wird“, sagte er in Berlin.

Schulz verurteilte das Verhalten des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan scharf. Es sei ein Skandal, dass in der Türkei willkürlich Menschenrechtsaktivisten und Journalisten verhaftet würden. Wenn Erdogan „dies nun auch außerhalb des Territoriums der Türkei versucht, müssen wir uns als Europäer dem entschlossen entgegenstellen“.

Der religionspolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, Volker Beck, forderte Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) auf, sich unverzüglich für die Freiheit Akhanlis einzusetzen. „Der Haftbefehl ist eindeutig rechtsmissbräuchlich“, erklärte er in Berlin.

Journalisten sorgen sich um Freiheit im Ausland

Akhanli, der seit 25 Jahren in Köln lebt und Mitglied der internationalen Schriftstellervereinigung PEN ist, hatte sich wiederholt kritisch gegenüber der türkischen Regierung geäußert. In seinem literarischen Werk thematisiert er den Völkermord an den Armeniern sowie die Ablehnung der Anerkennung dieses Völkermords in der Türkei. Er setzt sich für Aufarbeitung von historischer Gewalt und die Achtung der Menschenrechte ein. 2009 wurde er vom Bündnis für Demokratie und Toleranz ausgezeichnet.

Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) riet unterdessen türkeikritischen Journalisten, vor dem Antritt einer Auslandsreise beim Bundeskriminalamt (BKA) einen Antrag auf Selbstauskunft zu stellen. Akhanli habe sich „unseren Erkenntnissen nach nichts zuschulden kommen lassen“ und müsse sofort freigelassen werden, mahnte der DJV-Bundesvorsitzende Frank Überall. Journalisten bräuchten Klarheit darüber, „ob ein unbeschwerter Urlaubstrip ins Ausland im Knast endet“.

dpa

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene Artikel

Jamaika-Sondierungen derzeit unterbrochen - Lindner mit Spitze gegen Grüne

Die Jamaika-Sondierungsgespräche gehen am Samstag in eine weitere Runde. Einzelgespräche sollen helfen, um bis Sonntag fertig zu werden. Im News-Ticker bekommen Sie alle …
Jamaika-Sondierungen derzeit unterbrochen - Lindner mit Spitze gegen Grüne

Libanons Regierungschef Hariri in Frankreich

Nach tagelangen Spekulationen ist der libanesische Regierungschef von Saudi-Arabien aus nach Frankreich gereist. Öffnet das einen Ausweg aus der politischen Krise im …
Libanons Regierungschef Hariri in Frankreich

Niedersachsen-SPD stimmt Koalitionsvertrag mit CDU zu

Die SPD in Niedersachsen hat der Koalitionsvereinbarung mit der CDU auf einem Parteitag mit großer Mehrheit zugestimmt. Am Montag soll die letzte Hürde auf dem Weg zum …
Niedersachsen-SPD stimmt Koalitionsvertrag mit CDU zu

Niedersachsen-SPD stimmt Koalitionsvertrag mit CDU zu

Hannover (dpa) - Die SPD in Niedersachsen hat der Koalitionsvereinbarung mit der CDU auf einem Parteitag mit großer Mehrheit zugestimmt. "Ich empfinde dieses Ergebnis …
Niedersachsen-SPD stimmt Koalitionsvertrag mit CDU zu

Kommentare

Hinweise für das Kommentieren

Von Mo. bis Fr. in der Zeit von 18 bis 9 Uhr und am Wochenende werden keine neuen Kommentare freigeschaltet.
Bitte bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht.