Nach Bluttat mit elf Toten

Hanau-Debatte bei Lanz: Kriminalbeamter gibt beunruhigenden Einblick - „Ganz offenkundig ist, ...“

Kriminalkommissar Fiedler (rechts) debattiert bei Markus Lanz (links) zum Amoklauf in Hanau.
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Kriminalkommissar Fiedler (rechts) debattiert bei Markus Lanz (links) zum Amoklauf in Hanau.

Das ZDF sendet nach der Gewalttat in Hanau eine Sondersendung - was ein hoher Kriminalbeamter sagt, lässt aufhorchen.

  • Kriminalkommissar Sebastian Fiedler war am Donnerstagabend bei „Markus Lanz“ zu Gast.
  • In der ZDF-Talkshow ging es um die Bluttat in Hanau. 
  • Fiedler gab in der Runde eine düstere Einschätzung ab - und einen dringenden Appell.

Hamburg - Haben wir nicht genug hingesehen? Wie kann es sein, dass die Gesellschaft immer sensibler gegenüber Gewalt wird - und gleichzeitig Verrohung und Rücksichtslosigkeit derart steige? Fragen, die sich nach der blutigen Attacke in Hanau mit elf Toten aufdrängen, und die ZDF-Moderator Markus Lanz am Donnerstag in seinem TV-Talk stellte. 

Zu Gast waren - kurz nach dem „Maybrit Illner“-Spezial zum Thema - unter anderem Olaf Sundermeyer (Investigativ-Journalist und Extremismus-Experte), Nahlah Saimeh (Psychiaterin und Forensikerin) und Sebastian Fiedler (Chef des Bundes Deutscher Kriminalbeamter).

Hanau-Talk bei Lanz (ZDF): Warum kam der Täter an eine Waffe?

Jemand, der in Deutschland eine Waffe besitzen will, müsse dazu „volljährig, zuverlässig und persönlich geeignet sein“, leitete Lanz seine Frage an Kriminalkommissar Fiedler ein. Waffenbesitzer dürften weder drogenabhängig noch psychisch krank sein. Ist es erklärbar, dass der Täter von Hanau eine Waffe besaß? „Für mich derzeit gar nicht!“, antwortete Fiedler. „Weil ja ganz offenkundig ist, dass er sie nicht hat haben dürfen.“

Fiedler fuhr fort: Nach aktueller Erkenntnislage war der Täter von Hanau den Behörden wegen seiner diversen Strafanzeigen, die auf „Verfolgungsvorstellungen“ schließen ließen, bekannt - „ob er nun an der richtigen Stelle bekannt geworden ist, das wird eine der Fragen sein, denen man nun nachgehen muss“, fügte Fiedler bitter hinzu.

Lanz (ZDF) zu Schießerei in Hanau: Kriminalkommissar schießt gegen Facebook & Co.

Der Täter von Hanau befand habe sich offenbar nicht nur in einer „demokratiefeindlichen“, sondern sogar in einer „strafrechtlich relevanten Filterblase“ befunden, meinte der Ermittler - und machte auch die Internet-Konzerne als Teil des Problems aus: „Wir müssen wir uns vergegenwärtigen, dass das ein Diskussionsraum ist, der durch ein Wirtschaftsunternehmen betrieben wird.“

Jeder, der etwa bei einer Bank ein Konto eröffnen will, müsse dafür seinen Personalausweis zeigen. Ihm sei daher völlig unverständlich, warum es solche Regularien bei einem Konto in den sozialen Medien nicht gebe. „Wenn ich als Sicherheitsbehörde zum Beispiel anfrage, wer einem Politiker mit dem Tod gedroht hat, dann habe ich schon die Erwartung, dass mir gesagt werden kann, wer das jetzt gewesen ist.“ „Es ist ein Unding, dass wir da keinen politischen Konsens erreichen.“ Das Studio-Publikum applaudierte an dieser Stelle heftig. 

Ereignisse in Hanau Thema bei Markus Lanz (ZDF): „Schwer gestörte Persönlichkeit“

Psychiaterin Nahla Saimeh wies darauf hin, dass es sich in Hanau um eine „Tat im öffentlichen Raum durch eine komplex schwer gestörte Persönlichkeit“ gehandelt habe. Sie glaubt, dass jemand wie der Schütze von Hanau irgendwann auffliegt: „Spätestens, wenn er im rechtsradikalen Forum mit seiner ‚Zeitreise‘ anfängt, kapieren auch die anderen, dass da noch etwas anderes nebenherläuft“, sagte sie.

Dieses Argument macht Fiedler sichtlich unzufrieden: „Mag sein - aber offenbar hat es keinen gegeben, der damit ein Problem gehabt hat und nach außen getreten ist.“ Was Fiedler dringend will: drastisch mehr Vorsorge gegen Taten wie die in Hanau. Gewalt von rechter Seite ist schließlich kein neues Phänomen, wie auch eine Chronologie von Merkur.de* zeigt. Auch die politische Debatte über Konsequenzen aus der Tat läuft bereits auf Hochtouren.

Sicherheitsexperte zu Amokprävention bei Lanz (ZDF): „Die beunruhigende Nachricht ist...“

Fiedler verwies auf das Beratungsnetzwerk zum Thema Amokprävention an der Uni Gießen, das über „Netzwerke in die Sicherheitsbehörden“ verfüge. „Die bekommen so vier bis fünf Anrufe pro Woche“, von besorgten Lehrern, Eltern oder Arbeitskollegen. „Die beunruhigende Nachricht von deren Seite ist, dass da viele dabei sind, die sagen: ‚Ich war schon einmal bei der Polizei und bin hier nicht ernst genommen worden‘“, fügte er hinzu. 

Das könne man der Polizei auch nicht vorwerfen, da sie „für solche Sachverhalte“ nicht qualifiziert sei. Deshalb müsse man „niederschwellige Angebote“ wie das der Uni Gießen als wirksames Instrument außerhalb der Sicherheitsbehörden ausbauen und unterstützen. Ein Punkt, in dem ihm auch Investigativ-Journalist Sundermeyer und Psychiaterin Saimeh zustimmen: „Wenn wir glauben, dass wir alleine mit den Instrumenten der staatlichen Sicherheitsbehörden solche Probleme in den Griff kriegen, würden wir eine falsche Sicherheit erzeugen“, so der Tenor.

Mehr zu Hanau im Video: Anwohner filmen Tatort mit dem Handy

Hintergründe der Tat von Hanau erklärte auch ein Extremismus-Experte im Gespräch mit dem Münchner Merkur*.

Eine Amokfahrt auf dem Berliner Stadtring forderte sechs Verletzte - wir haben die Chronologie der dramatischen Ereignisse* zusammengefasst.
 
Unterdessen wird die nordrhein-westfälische Polizei von einem Rechtsextremismus-Skandal erschüttert.

*Merkur.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

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