News-Ticker zur Berlin-Gedenkfeier

Diese Schlüsse will Merkel aus dem Streit mit den Opfer-Angehörigen ziehen

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In Berlin ist zum ersten Jahrestag des Terroranschlags auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz der Opfer gedacht worden. Kanzlerin Angela Merkel zeigte sich selbstkritisch.

  • Am Jahrestag des Anschlags auf den Berliner Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz findet eine Gedenkveranstaltung statt. Elf Menschen starben, den polnischen Lastwagenfahrer hatte der IS-Terrorist Anis Amri zuvor erschossen.
  • Angela Merkel und ihre Regierung hatten schon im Vorfeld großes Bedauern über den Umgang mit den Hinterbliebenen der Opfer geäußert.
  • Ein Mahnmal für die Opfer wurde mittags eingeweiht. Der Tag soll um 20.02 Uhr mit dem läuten der Glocken der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis- Kirche abgerundet werden. Im Gedenken an die Opfer sollen sie zwölf Minuten lang erklingen.
  • Der Weihnachtsmarkt bleibt an diesem Tag geschlossen.

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+++ Berührende Stille am Ort des Terroranschlags von vor einem Jahr: Zwölf Minuten lauschten an die 1000 Menschen am Dienstagabend auf dem Berliner Breitscheidplatz den Klängen einer Glocke der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche.

Während des Geläuts bildeten Dutzende Menschen mit Kerzen eine Lichterkette um die Kirche. Am neuen Mahnmal für die Opfer des Anschlags standen mehrere Hundert Menschen vor einem Lichter- und Blumenmeer. Zuvor war in der Gedächtniskirche ein für alle offenes Friedensgebet gehalten worden, an dem rund 900 Menschen teilnahmen. Auch der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck und der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) waren gekommen. Anschließend sang die US-amerikanische Sängerin Jocelyn B. Smith den Song „Amazing Grace“.

+++ Regierungssprecher Steffen Seibert hat am Dienstagabend die Statements von Kanzlerin Merkel und Berlins Regierendem Bürgermeister Michael Müller in einem Video auf Twitter veröffentlicht:

+++ Aktivisten der rechtsextremen „Identitären Bewegung“ haben vor dem Brandenburger Tor in Berlin fünf große Betonsteine aufgestellt. Die Steine mit Inschriften wie „den Opfern des Islamistischen Terrors“ seien am Dienstagvormittag abgeladen worden, teilte eine Polizeisprecherin mit. Die „Identitäre Bewegung“ bekannte sich auf Facebook zu der Aktion. Die Steine sollen ein „europäisches Denkmal für die Opfer von Multikulti und islamistischen Terrorismus“ darstellen.

Die Gegenstände wurden wenige Stunden später von der Polizei entfernt. Es werde geprüft, ob gegen das Versammlungsrecht verstoßen wurde, sagte die Sprecherin. Auf Flugblättern und auf den Steinen seien politische Botschaften verbreitet worden. Die „Identitäre Bewegung“ wird vom Verfassungsschutz beobachtet.

Die „Identitäre Bewegung“ stellte Steine vors Brandenburger Tor.

+++ Am Jahrestag des Berliner Terroranschlags hat der Opferbeauftragte der Bundesregierung, Kurt Beck, erneut einen besseren Umgang mit Betroffenen angemahnt. „Wir waren, das muss man konstatieren, in Deutschland nicht ausreichend vorbereitet“, sagte Beck am Dienstag bei einer Gedenkstunde im Abgeordnetenhaus. In vielen formalen Dingen sehr wohl, aber nicht dabei anzunehmen, dass Terrorismus auch „mitten in unsere Gesellschaft“ hineinwirken könnte.

+++ Berlins Regierungschef Müller bittet die Betroffenen nun um Verzeihung: Manches lasse sich - wenn überhaupt - nur mit einer nie dagewesenen Ausnahmesituation für alle Beteiligten in den Tagen nach dem Anschlag erklären, aber nicht entschuldigen. „Und dennoch: Als Regierender Bürgermeister bitte ich Sie, die Angehörigen und Verletzten, für diese Fehler um Verzeihung“, sagte Müller. „Wir können nun ahnen, wie tief Ihr Schmerz sitzt und dass das auch Wut auslöst.“ Umso mehr bewundere er ihre Kraft, sich dem Leben zuzuwenden.

+++ Der evangelische Landesbischof Martin Dröge rief die Menschen auf, sich nicht von Hass und Gewalt spalten zu lassen: "Wo Menschen zusammenstehen, sich gegenseitig trösten, nicht zulassen, dass die Taten der Gewalt Hass in die Herzen säen, da ist heute schon das Licht zu spüren, das die Dunkelheit besiegt."

Gedenkfeier in Berlin: Merkel hofft auf Lehren aus dem Umgang mit dem Anschlag

+++ Bundeskanzlerin Angela Merkel hat den Opfern und Hinterbliebenen des Terroranschlags von Berlin zugesagt, Lehren aus den Erfahrungen im Umgang mit den Betroffenen ziehen zu wollen. Gespräche mit den Hinterbliebenen hätten ihr gezeigt, welche Schwächen der Staat in dieser Situation gezeigt habe, sagte Merkel am Dienstag am Rande des Gedenkveranstaltungen anlässlich des ersten Jahrestages des Anschlags.

„Und für mich, und das sage ich für die ganze Bundesregierung, heißt es, daran zu arbeiten, dass wir die Dinge, die nicht gut gelaufen sind, besser machen, dass wir alles Menschenmögliche tun, nicht nur die Sicherheit zu gewährleisten, sondern den Menschen, deren Leben zerstört oder deren Leben getroffen wurde, auch die Möglichkeit zu geben, möglichst gut wieder in das Leben hineinzukommen.“

Zum Gespräch mit den Hinterbliebenen am Montag im Kanzleramt sagte Merkel: "Es war ein sehr offenes, auch von Seiten der Menschen, die betroffen sind, sehr schonungsloses Gespräch", sagte Merkel. Das Gespräch habe gezeigt, "welche Schwächen unser Staat in so einer Situation auch gezeigt hat". Merkel kündigte ein erneutes Treffen an. Dabei gehe es um die Fragen: "Was haben wir gelernt? Was werden wir in Zukunft anders machen?"

Einweihung der Gedenkstätte mit einem aus Bronze nachempfundenen Riss im Boden an der Gedächtniskirche auf dem Breitscheidplatz in Berlin.

+++ "Heute halten wir alle inne", sagt Berlins Bürgermeister Müller. Das Attentat habe "Spuren in den Herzen der Menschen hinterlassen". Daher sei auch entschieden worden, eine Stätte des Gedenkens direkt am Anschlagsort zu schaffen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) nahm ebenso an der schlichten Zeremonie teil wie Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) und der Opferbeauftragte der Bundesregierung, Kurt Beck (SPD). Sie entzündeten Kerzen und stellten diese an dem Gedenkort ab, der aus einem symbolische Riss aus Metall und den auf Treppen geschriebenen Namen der zwölf Todesopfer besteht.

Gedenkfeier in Berlin: Merkel regt zweites Treffen an

+++ Zum ersten Jahrestag des Attentats stellte Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) in einer nicht öffentlichen Zusammenkunft Betroffenen das Mahnmal für das Attentat vor. Ein goldener Riss im Boden symbolisiert nun die tiefe Wunde, die das Attentat im Leben der Betroffenen hinterließ. Entlang des Risses und auf Stufen mit den Namen der Opfer vor der Kirche legten Betroffene weiße Rosen nieder.

Zu einer interreligiösen Andacht versammelten sich anschließend Hinterbliebene, Verletzte und ihre Angehörige sowie Helfer in der Gedächtniskirche. Um dorthin zu gelangen, mussten Teilnehmer eine Sicherheitsschleuse passieren. Auf den umliegenden Dächern hatten sich Scharfschützen postiert

Bei der Vorstellung des Mahnmals war mit einem symbolischen Akt das letzte Stück eines knapp 17 Meter langen, goldenen Risses im Boden vervollständigt worden. Dafür schoben Opfer Metallblöckchen in einen Ofen, das flüssige Metall wurde von einem Fachmann in den Riss eingefügt.

+++ Die Sicherheitsbehörden haben nach den Worten von Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) Konsequenzen aus dem Terroranschlag auf dem Berliner Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz gezogen. Man habe aus dem Fall Amri gelernt und in den vergangenen 365 Tagen sei viel dafür getan worden, „damit so etwas nicht noch einmal passiert“, twitterte der CDU-Politiker am Dienstag anlässlich des ersten Jahrestages des Anschlags. „So bitter es auch ist: Es gibt keine absolute Garantie gegen Terroranschläge“, räumte der Minister zugleich ein. „Heute ist ein trauriger Jahrestag.“ Er fügte hinzu: „Ich werde den Abend des 19. Dezember 2016 nie vergessen.“

+++ Bei ihrem Treffen mit Opfern des Berliner Weihnachtsmarktanschlags am Montag hat Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) eine weitere Zusammenkunft angeregt. Das sagte der Opferbeauftragte der Bundesregierung, Kurt Beck, am Dienstag im Sender SWR. "Ja, das hat die Kanzlerin angeboten."

Ein solches Treffen könne eine Gelegenheit sein, "Bilanz" zu ziehen und "Dinge aufzuarbeiten", ergänzte der ehemalige rheinland-pfälzische Ministerpräsident, der nach dem Anschlag von der Regierung als Ansprechpartner für Hinterbliebene und Opfer eingesetzt worden war. Es gehe darum, den Betroffenen zu zeigen: "Wir haben zugehört, wir haben euer Leid aufgenommen."

+++ Zu den Gedenkveranstaltungen für die Opfer des Berliner Terroranschlages am Dienstag hatte der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) Angehörige und Überlebende mit einem persönlichen Brief eingeladen. Allerdings sorgte der für großen Unmut, weil den Opfern keine Taxikosten erstattet werden sollten.

Scharfschützen sichern die Gedenkfeier in Berlin von Dächern aus.

Gedenkfeier in Berlin: Steinmeier bedauert erste Reaktion nach Anschlag

+++ Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier lässt noch vor der Veranstaltung durchblicken: „Viele Hinterbliebene und Verletzte - viele von Ihnen - haben sich nach dem Anschlag vom Staat im Stich gelassen gefühlt.“

Steinmeier sagte, es stelle sich die Frage, wie die Gesellschaft mit dem Attentat umgegangen sei. Direkt danach habe sich die Einstellung verbreitet, man wolle sich nicht einschüchtern lassen und weiterleben wie bisher. Diese Sätze seien stark und richtig. „Aber so kurz nach dem Anschlag, als die unfassbare Gewalt gerade in unseren Alltag eingebrochen war, klangen sie nicht mehr nur trotzig und selbstbewusst, sondern auch seltsam kühl und abgeklärt“, mahnte das Staatsoberhaupt. 

Für viele Angehörige habe dies gewirkt „wie ein Abwehrreflex, wie der allzu routinierte Versuch, den Schock zu unterdrücken“, sagte er. „Und es hat, auch wenn das von niemandem beabsichtigt war, bei den Hinterbliebenen und Verletzten, wie ich weiß, Unverständnis hervorgerufen.“

Er forderte dazu auf, „dass wir miteinander traurig, miteinander wütend, miteinander fassungslos sind - auch das gehört zum Zusammenhalt, den wir brauchen, um gemeinsam unsere Freiheit zu verteidigen“.

dpa, afp, mke, Video: Glomex

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