„Grottenkoalition“ wird abgestraft

„Alte Ost-West-Grenze wieder auferstanden“ - Pressestimmen zur Europawahl in Deutschland

Europawahl - Berlin Grüne
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Die Grünen, hier Europawahl-Kandidatin Hannah Neumann (l.) und Vorsitzende Annalena Baerbock feierten ihr gutes Ergebnis bei der Europawahl.

CDU und SPD werden abgestraft - die Grünen dagegen erhalten bereits den Auftrag, sich einen Kanzlerkandidaten zu suchen. Die Pressestimmen zur Europawahl.

München - CDU und SPD kassieren Negativrekorde, die Grünen sind der große Gewinner und nun zweitstärkste Kraft: Die Europawahl hinterlässt eine neu geordnete Parteilandschaft in Deutschland. Wir haben die Pressestimmen zum deutschen Wahlergebnis zusammengetragen.

Tagesspiegel: „Die Zahlen machen deutlich, wie sehr sich das Land auseinandergelebt hat. Auf der einen Seite Höhenflüge der Liberalität, des Umweltbewusstseins, der toleranten Gesellschaft. Der Triumph der Grünen in der gesamten Republik könnte nicht größer sein. Doch in weiten Teilen Ostdeutschlands ergibt sich ein völlig anderes Bild. Hass, Abgrenzung, Frust und Protest prägten die Entscheidungen der Menschen. Es ist, als sei die alte West-Ost-Grenze wieder auferstanden. Diese Probleme und das Denken vieler Menschen in Ostdeutschland haben mit der Atmosphäre im Westen und in den Metropolen nichts zu tun.“

Tageszeitung Berlin: „Für die Grünen, man muss das abgegriffene Wort verwenden, ist es ein historischer Sieg. 20,8 Prozent bei einer Europawahl, das ist eine kleine Sensation. Zum ersten Mal haben die Grünen in einer bundesweiten Wahl ihre Ankündigung wahr gemacht, stärkste Kraft der linken Mitte werden zu wollen. Sie haben die SPD weit hinter sich gelassen – und kämpfen nun mit der Union um Platz 1. Entscheidend ist: Die Grünen sind die Partei der Jugend. Spricht es nicht Bände, wenn CSU-Chef Markus Söder sagt, die Union müsse daran arbeiten, ‚jünger, cooler, offener‘ zu werden? Für den Konservativen mit dem feinen Machtinstinkt sind längst die Grünen der Hauptfeind, nicht mehr die SPD.“

Frankfurter Allgemeine Zeitung: „Dreimal bekam die SPD in den zurückliegenden vier Jahrzehnten Konkurrenz von anderen Parteien: erst von den Grünen, dann von der Linken, schließlich von der in die linke Mitte verschobenen CDU. Jetzt scheinen die Abwehrkräfte erschöpft. Die Grünen scheinen das Lebensgefühl eines links-bürgerlichen Teils der Gesellschaft im großen Stil bedienen zu können. Wenn es so weitergeht, werden sie sich vor der nächsten Bundestagswahl im Ernst mit der Frage befassen müssen, wen sie als Kanzlerkandidat aufstellen. Spätestens dann, wenn die SPD das macht.“

Europawahl 2019: Pressestimmen zum Ergebnis in Deutschland

Deutsche Welle: „Vor allem für die einst stolze, älteste Partei Deutschlands, die SPD, ist die Wahl zum Desaster geworden. Die große Frage nun: Bleibt Andrea Nahles weiterhin Partei- und Fraktionschefin? Sie trägt die volle Verantwortung für das schlechte Ergebnis ihrer Partei. Aber zurücktreten von ihren Ämtern - oder auch nur von einem - will sie wohl nicht. Dafür gibt es gleich mehrere Gründe. Nahles ist es immerhin gelungen, ein wenig Ruhe in die Partei zu bringen. Ein geeigneter Nachfolger, eine Nachfolgerin, ist nicht in Sicht. Und im Herbst stehen gleich drei wichtige Landtagswahlen in Sachsen, Brandenburg und Thüringen an. Ein Führungswechsel kurz vor diesen Urnengängen wäre zu riskant.“

Die Welt: „Annalena Baerbock wird zum Albtraum für die CDU. Die große Koalition ist zur Grottenkoalition geworden. Geht es so weiter, dann ist Kramp-Karrenbauers Aufstieg in die Bundespolitik nach den Landtagswahlen im Herbst beendet. Von Merkels würdevollem Abgang aus dem Kanzleramt ganz zu schweigen. Die SPD rutscht auf Eis und Seife auf eine Führungskrise zu. Panik ist zum beherrschenden Geisteszustand der SPD geworden. Daran wird sich bis zu den Landtagswahlen im Herbst nichts mehr ändern.“

Süddeutsche Zeitung: SPD und Union stehen unruhige Zeiten bevor. Diese Ergebnisse sind hart für die CDU und noch härter für die SPD. Historische Einschnitte zeichnen sich ab: Um die Macht in Bremen ringen die Sozialdemokraten vielleicht noch. Aber aus der Europawahl geht die SPD zum ersten Mal in einer bundesweiten Wahl nur noch auf dem dritten Platz hervor. Die Sozialdemokraten schmieren ab - im Stadtstaat wie im Rest des Landes. Die Grünen, obgleich selbst in die Jahre gekommen, haben die Jugend an ihrer Seite. Die SPD sieht nur noch alt aus.“

Münchner Merkur: „Die Grünen waren bis jetzt die hippe Partei der Jungen und der Städter. Vorlaut, idealistisch und bisweilen ein wenig unerwachsen. Der historische Wahlerfolg vom Sonntag aber hat etwas mit der Partei gemacht: Sie ist jetzt die zweitstärkste Kraft im Lande. In der Demokratie heißt das: Die Grünen sind ab sofort die Reserve-Kanzlerpartei. Trotzdem sträubt sich Grünen-Chef Habeck mit Händen und Füßen dagegen, dass seine Partei einen Spitzenkandidaten benennen soll. Die Grünen wollen die Macht, aber zugleich weiter so tun, als wollten sie nur ein wenig mitspielen. Das ist unehrlich. Habeck weiß, dass in dem Moment, in dem die Bürger die Grünen als mögliche Kanzlerpartei wahrnehmen, auch die Erwartungen wachsen: Die Kosten von Klimarettung und ungezügelter Migration zu verschweigen, geht dann nicht mehr.“

Kölner Stadt-Anzeiger: „Deutschland ist, allen Aufregungen in der EU zum Trotz, der Fels in der Brandung. Erstens: In einer historischen Phase voller nationalistischer Attacken auf das Projekt Europa haben die Deutschen ausgerechnet die am wenigsten nationalistische Kraft am meisten gestärkt, die Grünen. Zweitens: Fast 90 Prozent der deutschen Wähler haben Pro-EU-Parteien unterstützt - die AfD stand mit ihren elf Prozent am Sonntag bundesweit schwächer da als noch bei der Bundestagswahl im September 2017. Drittens findet gerade eine Neuentdeckung Europas durch die junge Generation statt. Eben noch misstrauisch beäugte Institutionen wie Parlament, Rat oder Kommission entpuppen sich vor dem Hintergrund der Klimakrise als unverzichtbare Instrumente künftiger globaler Umsteuerungsversuche.“

Die Mitgliedsstaaten haben ein neues EU-Parlament gewählt. Erstmals taucht dabei auch der Name Volt auf. Die Partei feierte ein berauschendes Ergebnis.

Ungewöhnliche Schlagzeilen zum Thema im Netz: Grünen-Politiker schockt Wähler mit Fetisch-Fotos: Als Hund verkleidet auf allen Vieren, wie das junge Portal extratipp.com* berichtet.

*extratipp.com ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerkes. 

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