NRW-Innenminister warnt

Querdenker nutzen Flut taktlos für eigene Zwecke

Immer weniger Besucher auf Demos, jetzt ändern sie wieder die Taktik: Querdenker und Neonazis nutzen die Flutkatastrophe in NRW und Rheinland-Pfalz schamlos aus.

Ahrweiler – Von der Demo ins Katastrophengebiet: „Querdenker“ und Neonazis springen von Krise zu Krise, versuchen die Menschen dort für ihre Zwecke zu gewinnen, wo das Leid besonders groß ist. Und weil immer weniger Menschen auf Corona-Demos gehen, hat die Szene ein neues Thema für sich entdeckt: die Flutkatastrophe*.

Stadt in Deutschland:Bad Neuenahr-Ahrweiler
Fläche:63,4 km²
Bundesland:Rheinland-Pfalz
Bevölkerung:27.427 (31. Dez. 2008)

In Rheinland-Pfalz, wo über hundert Menschen in den Fluten starben, wollen „Querdenker“ und Neonazis nun Fuß fassen, eine eigene „Leitstelle“ für Hilfsaktionen aufbauen – und Parallelstrukturen zum Staat errichten. Das berichtet das Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND).

Querdenker wollen Kinder im Krisengebiet betreuen

Zu diesem Zweck hat der Verschwörungsideologe Bodo Schiffmann bereits knapp 400.000 Euro Spenden über seinen privaten Paypal-Account gesammelt. Und der Verein „Eltern stehen auf“, eine Ansammlung aus Impfgegnern und Corona-Leugnern, will ein Kinderbetreuungszentrum für Flutopfer errichten, ist den RND-Recherchen zu entnehmen.

In Bad Neuenahr-Ahrweiler (Rheinland-Pfalz) haben vor wenigen Tagen die Baumaßnahmen für ein „Familienzentrum“ begonnen. Die Idee: Professionelle Seelsorger und „Coaches“ sollen sich hier um von der Flut betroffene Kinder kümmern. Nicht nur Menschen vor Ort haben den Eindruck, dass der Verein im Auftrag des deutschen Staats handelt und ganz offiziell die Kinderbetreuung übernimmt.

Kein mit der Einsatzleitung des Landes abgestimmtes Angebot.“

Landesfamilienministerium zum Kindesbetreuungs-Vorhaben der Querdenker

Dem ist nicht so, stellt die Kreisverwaltung Ahrweiler am Sonntag auf ihrer Facebookseite klar – und wird prompt von Anhängern der Querdenker-Szene attackiert. Auch das Landesfamilienministerium sieht sich veranlasst, eine Klarstellung zu veröffentlichen: Bei dem Betreuungsdienst handele es sich um kein „mit der Einsatzleitung des Landes abgestimmtes Angebot“. Auch NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) warnt vor den Machenschaften* rechter Kreise. Das geht aus den RND-Berichten hervor.

Massive Regenfälle haben in Bad Neuenahr in Rheinland-Pfalz wie auch im ganzen Landkreis Ahrweiler für Überschwemmungen gesorgt.

Querdenker instrumentalisieren Flutkatastrophe: Spender machen es möglich

Indes RND berichtet weiter: Möglich machen solche Vorhaben vor allem zahlreiche Spender: Szene-Größen, wie der Arzt und Verschwörungstheoretiker Bodo Schiffmann*, haben großen Erfolg mit Zahlungsaufrufen. Stand Dienstag, 20. Juli 2021, hatte Schiffmann 390.000 Euro von seinen Anhängern gesammelt. Gegen Schiffmann laufen derzeit Ermittlungen wegen Ausstellens falscher Maskenattests und Verdachts auf Volksverhetzung.

Bereits seit dem vergangenen Jahr fließen die Gelder zu Schiffmann – damals unter anderem für angebliche Klagen gegen Corona-Maßnahmen der Bundesregierung – aber auch zur „Schenkung“ seines Lebensunterhalts. Mit dem Spendenerfolg ist Schiffmann nicht allein: andere „Querdenker“-Promis sammeln ebenfalls.

So viel, dass die Szene ankündigt, eine eigene „Einsatzleitstelle der Friedens- und Freiheitsbewegung“ in Ahrweiler errichten zu wollen. Maximilian Eder, Ex-Oberstleutnant des Kommandos Spezialkräfte (KSK) der Deutschen Bundeswehr, soll die Leitung übernehmen. Eder trat im Mai als Redner bei einer Corona-Demo in Berlin auf.

Flutkatastrophe: Auch Neonazis mischen mit

Die Szene arbeitet bei dem Vorhaben Hand in Hand, hat das RND recherchiert: So soll ein Busunternehmer, der in den vergangenen Monaten „Querdenker“ zu Demonstrationen transportierte, nun eine Busladung Hilfswilliger nach Ahrweiler bringen.

Auch Neonazis mischen fleißig mit: Der „Volkslehrer“, Videoblogger und Holocaustleugner Nikolai Nerling zeigt sich in einem Video mit anderen Rechtsextremisten aus der „Leitstelle“ vor einer Grundschule. Zu zehnt seien sie am Sonntag aus Thüringen eingetroffen, so Nerling, um zu helfen.

Nachahmern empfiehlt er, abends oder nachts anzureisen – so könnte man die Sicherheitskräfte umgehen. Derweil bittet der rheinland-pfälzische Hochwasser-Krisenstab ausdrücklich, nicht auf eigene Faust in das Katastrophengebiet zu reisen. „Die wenigen noch intakten Rettungswege müssen unbedingt für die Einsatzkräfte freigehalten werden“, heißt es in einem Facebook-Post. * kreiszeitung.de, merkur.de und fr.de sind Angebote von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Philipp von Ditfurth

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