Reaktion im Netz

CSU-Abgeordneter greift unverhohlen Migranten an - deftiger Konter eines Journalisten geht nun viral

Hat neuen Schwung in die Rassismus-Debatte gebracht: Stefan Müller (r.) von der CSU sorgt mit einem Tweet für Aufsehen.
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Hat neuen Schwung in die Rassismus-Debatte gebracht: Stefan Müller (r.) von der CSU sorgt mit einem Tweet für Aufsehen.

Ein CSU-Politiker nimmt die Vorfälle in Stuttgart zum Anlass, um Deutschland ein Migrationsproblem anzudichten. Mit dieser Reaktion eines Journalisten hat er wohl nicht gerechnet.

  • Nach den Ausschreitungen in Stuttgart* meldet sich ein CSU-Politiker zu Wort und nimmt Migranten ins Visier.
  • Ein Journalist kontert die schweren Vorwürfe und kritisiert besonders den mitschwingenden Generalverdacht.
  • Diese Antwort wird zum viralen Hit - auch dank eines bekannten Satirikers.

München - Über Rassismus wird derzeit so lebhaft und kontrovers debattiert wie lange nicht. Damit werden trotz aller Sorgen wegen der Corona-Pandemie* auch die rund um den Erdball ausgelebten gesellschaftlichen Missstände ans Tageslicht gezerrt werden. Befeuert wurde diese Entwicklung von den Ereignissen in den USA, wo sich angefangen mit dem grausamen Tod des Afroamerikaners George Floyd* durch Polizeigewalt Menschen unabhängig von Hautfarbe, Nationalität oder Glaubensrichtung zusammenschließen, um sich als Teil der „Black lives matter“-Bewegung* Gehör zu verschaffen und für eine gerechtere Welt einzustehen.

Auch in deutschen Städten gingen Zehntausende auf die Straßen, um gegen die Unterdrückung bestimmter Bevölkerungsgruppen zu demonstrieren. Während in den USA weiterhin Schwarze bei Polizeieinsätzen ihr Leben verlieren, sorgten hierzulande die folgenschweren Ausschreitungen in Stuttgart mit Schäden im sechs-oder siebenstelligen Bereich* für Schlagzeilen. Bei den Angriffen auf Polizisten und Attacken auf Geschäfte samt Plünderungen* sollen auch Bürger mit Migrationshintergrund mitgemischt haben.

Rassismus-Debatte nach Stuttgart: CSU-Politiker wirft Migranten „Hass auf Polizisten“ vor

Für CSU-Politiker Stefan Müller waren diese Taten offenbar Anlass genug, um die Zuwanderung in die Bundesrepublik zu hinterfragen und dabei auch den Bogen zu den Protesten gegen Diskriminierung und Rassismus zu spannen. „Wir haben in Deutschland ein Problem mit Migranten, die keinerlei Respekt vor der Polizei haben“, schrieb das Bundestagsmitglied aus dem fränkischen Erlangen: „Angestachelt von den Rassismus-Diskussionen der letzten Wochen fühlen sie sich als Opfer und enthemmt durch Alkohol und Drogen entlädt sich der Hass auf Polizisten.“

Die Reaktionen darauf ließen nicht lange auf sich warten, neben mehr als 6000 Likes binnen zwei Tagen kassierte Müller erwartungsgemäß auch viel Kritik. Wobei ein Kommentar letztlich sogar den Aussagen des Politikers die Show stahl. Der ebenfalls aus Erlangen stammende und für die Welt schreibende Journalist Frédéric Schwilden nahm sich die Zeit, um den Tweet in einer ausführlichen Facebook-Antwort in seine Einzelteile zu zerlegen und ein Plädoyer zu halten für viele hart arbeitende und bestens integrierte Migranten in Deutschland im Allgemeinen und in Franken im Speziellen.

Rassismus-Debatte: Welt-Journalist verweist auf Migranten in relevanten Berufen

In Anspielung auf Müllers Verweis auf die Enthemmung durch Alkohol und Drogen schreibt Schwilden: „Das größte Problem daran ist, glaube ich, dass Sie, als Sie diesen Schwachsinn geschrieben haben, total nüchtern waren.“ Anschließend zählt er diverse große Unternehmen und Einrichtungen in und um Erlangen auf, in denen eben bei weitem nicht nur gebürtige Deutsche ihre Arbeit verrichten: „Diese Migranten retten Ihnen als Pfleger, Pflegerinnen, Ärzte und Ärztinnen das Leben. Sie entwickeln die Maschinen, die Ihr Leben verlängern, wenn Sie sie mal brauchen.“

Weiter führt Schwilden aus, seien die von Müller angesprochenen Migranten „erstens häufig Deutsche und zweitens werden die wirklich Opfer von Straftaten“. Als Beispiel nennt er die aus Mali stammende Grünen-Politikerin Pierrette Herzberger-Fofana, die nach eigenen Angaben vor wenigen Tagen von belgischen Polizisten in Brüssel unverhältnismäßig hart angegangen wurde, weil sie deren Einsatz gegen zwei junge Schwarze mit dem Handy gefilmt habe.

Schwerer Moment: Die EU-Abgeordnete Pierrette Herzberger-Fofana berichtet aufgelöst von ihren jüngsten Rassismus-Erfahrungen.

 Stuttgart-Vorfälle Folge von „männlich-jugendlicher Beklopptheit“?

Im Zusammenhang mit den Vorfällen in Stuttgart seien, so Schwilden, neben Deutschen auch aus Bosnien, Portugal, dem Iran, dem Irak, Kroatien, Somalia und Afghanistan stammende Bürger festgenommen worden. Dennoch mache es sich Müller mit seinen Vorwürfen etwas zu einfach, denn: „Was diese Menschen eint, ist nicht ihr unterstellter Migrationshintergrund. Es ist männlich-jugendliche Beklopptheit. Und von Rassismus-Debatten in Feuilletons bekommen die mutmaßlich nicht viel mit.“

Natürlich müsse das Geschehene in Stuttgart Konsequenzen haben. Doch mit seinem Wut-Post schieße Müller weit über das Ziel hinaus. Schwilden appelliert wie schon so viele vor ihm: „Es ist wichtig, dass wir über den Rassismus reden, den Menschen im 21. Jahrhundert noch immer erfahren. Das ist ein Rassismus, dem wir als Gesellschaft entgegentreten müssen.“ Was für einen Christdemokraten umso mehr gelte.

Liest Stefan Müller die Leviten: „Welt“-Journalist Frédéric Schwilden findet bei Facebook klare Worte zu den Vorwürfen des CSU-Politikers.

Rassismus-Debatte und Stuttgart-Randale: In der Bundesrepublik macht oft schon der Name die Musik

Und dann führt Schwilden dem Politiker ein grundsätzliches Problem in der Bundesrepublik vor Augen: „Wenn man nicht Stefan Müller, sondern vielleicht Mohammed Ozkurt heißt, ist es schwerer eine Ausbildung zu bekommen. (...) Der Punkt ist aber, Sie sind nicht besser oder toller oder klüger als Mohammed Ozkurt, oder wer auch immer, der eben nicht Stefan Müller heißt, aber Sie haben es einen Ticken einfacher.“

Sein Vorwurf an Müller lautet: „Sie sind ein weißer deutscher Bundestagsabgeordneter, der von Migranten schreibt, weil er sich nicht vorstellen kann, dass Leute, die nur ein bisschen anders aussehen oder einen anderen Namen tragen, auch Mitbürger und Mitbürgerinnen sind.“ Weiter betont Schwilden, „dass das deutsche Volk neben Müller und Schmidt auch Lee, Palmer, Iyibas, Akbay, Bakovic oder Bajbouj heißt“. Wolle der CSU-Abgeordnete dies nicht wahrhaben, habe er im Bundestag nichts zu suchen. Der ausführliche Beitrag wurde binnen zwei Tagen mehr als 1100 mal kommentiert und sammelte 10.000 Reaktionen.

CSU-Politiker Müller will Stuttgart-Tweet nicht als Generalverdacht verstanden wissen

Zum viralen Hit wurde Schwildens Post auch, weil der Satiriker Jan Böhmermann diesen teilte und der Verbreitung zusätzlichen Schwung verlieh. Und Müller selbst? Der verteidigt sich in den Nürnberger Nachrichten: Sein Tweet sei „weder ein Generalverdacht gegen alle Migranten, noch eine Aussage gegen Migranten an sich“. Allerdings könnten seine Sätze „absichtlich missverstanden“ werden.

Am meisten treffen Müller offenbar die Kommentare, die ihn als rechtsgerichtet abstempeln: „Ich habe vor allem aus dem linken Lager Ablehnung und Beleidigungen erfahren. Um das an dieser Stelle klarzustellen: Ich habe weder mit der rechten Szene noch mit ihrer Partei AfD zu tun.“ (mg)

Video: In USA wollen Demonstranten eine Präsidenten-Statue vor Weißen Haus stürzen

Wir informieren in unserem Ticker über alle Entwicklungen rund um die Unruhen im Zusammenhang mit rassistischen Vorfällen in den USA. Auch die Protestwelle in Deutschland thematisieren wir.

Auch über die Rassismus-Debatte wurde in der „ZDF“-Sendung von Markus Lanz diskutiert - aus einem anderen Grund knöpfte sich ein Journalist den Berliner Bürgermeister vor.

*merkur.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

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