"Wir haben nicht die Absicht, die Feuerpause zu verlängern"

Taliban zerschlagen Hoffnungen auf längere Waffenruhe in Afghanistan

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Kämpfer der radikalislamischen Taliban fahren in friedlicher Absicht durch den Surkhrud Distrikt. Am zweiten Tag der Feuerpause kommen die Taliban in friedlicher Mission. Millionen Afghanen freuten sich nach Monaten äußerst blutiger Auseinandersetzungen am Samstag über einen weitgehend erfolgreichen zweiten Tag des Waffenstillstands zwischen Taliban und Regierung.

Die historische Waffenruhe in Afghanistan ist voraussichtlich nicht von Dauer. Ein Taliban-Sprecher erteilte am Sonntag der von der Regierung angebotenen Verlängerung eine Absage.

Update 20.44 Uhr: Der erste landesweite Waffenstillstand in Afghanistan seit mehr als 15 Jahren ging am Sonntagabend früher als erwartet mit schweren Gefechten im Süden des Landes zuende. Nach drei Tagen Frieden hätten radikalislamische Taliban am späten Abend Ortszeit in den Provinzen Kandahar und Helmand Stellungen von Sicherheitskräften angegriffen, berichteten afghanische Medien wie der Sender 1TV und die Nachrichtenagentur Pajhwok. Viele Beobachter hatten erwartet, dass die Taliban erst ab Mitternacht wieder kämpfen würden.

Erstmeldung:

Die radikalislamischen Taliban in Afghanistan wollen die historische Waffenruhe nicht verlängern. Ein Taliban-Sprecher erteilte am Sonntag der von der Regierung angebotenen Verlängerung eine Absage. Die Hoffnungen auf eine längere Feuerpause nach Ablauf der Vereinbarung am Sonntagabend dürften sich damit zerschlagen. Bei zwei Anschlägen im Osten des Landes starben am Wochenende mehr als 50 Menschen.

Taliban-Sprecher Sabihulla Mudschahid kündigte eine Fortsetzung der "Einsätze" nach Sonntagabend an. "Wir haben nicht die Absicht, die Feuerpause zu verlängern", stellte er klar. Präsident Aschraf Ghani hatte zuvor in einer Fernsehansprache eine Verlängerung der Waffenruhe der Regierungstruppen in Aussicht gestellt und von den Taliban einen ähnlichen Schritt gefordert.

Die von der Regierung verkündete Feuerpause galt bereits seit Dienstag. Die Taliban hatten ihrerseits ihre Kämpfer aufgefordert, während der ersten drei Tage des Zuckerfestes zum Ende des muslimischen Fastenmonats Ramadan die Angriffe auf afghanische Sicherheitskräfte einzustellen. Es war das erste Mal in dem seit 2001 andauernden Konflikt in Afghanistan, dass die Taliban eine Feuerpause ausriefen.

Nach dem Beginn der Feuerpause und dem Beginn des Zuckerfestes am Freitag war es überall in Afghanistan zu ungewöhnlichen Szenen gekommen. Afghanische Sicherheitskräfte und Zivilisten umarmten Taliban-Kämpfer aus Freude über die Waffenruhe, beglückwünschten einander zum Zuckerfest und posierten gemeinsam für Fotos.

Ein Taliban-Befehlshaber hatte AFP gesagt: "Alle haben den Krieg satt, und wenn unsere Anführer es anordnen, werden wir die Waffenruhe für immer einhalten." Andere Befehlshaber der Radikalislamisten drückten gegenüber AFP dagegen ihren Unmut darüber aus, dass Taliban-Kämpfer von der Regierung kontrollierte Gebiete besuchten und mit Sicherheitskräften feierten.

Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) sprach von "Aufsehen erregenden Bildern vom Fest des Fastenbrechens: Taliban und Regierungssoldaten beten gemeinsam, umarmen sich unter dem Applaus der Bevölkerung." Afghanistan fasse nach Jahrzehnten der Gewalt wieder Hoffnung.

Die von Präsident Ghani angebotene Verlängerung der Waffenruhe würdigte Maas als "mutigen Schritt", der "die Anerkennung und Unterstützung der ganzen internationalen Gemeinschaft" verdiene. Maas rief die Konfliktparteien auf, "die Waffenruhe einzuhalten und fortzusetzen und vor allem, nunmehr in unmittelbare Friedensgespräche einzutreten".

Ein westlicher Diplomat in Kabul sagte AFP, eine längere Waffenruhe der Taliban würde Gesprächsbereitschaft signalisieren. Daran seien die Kämpfer "nicht interessiert". "Sie wollen einen vollständigen Sieg", sagte der Diplomat, der anonym bleiben wollte.

Die beiden Anschläge am Samstag und Sonntag ereigneten sich in der östlichen Provinz Nangarhar. Am Sonntag wurden bei einer Explosion vor dem Büro des Provinz-Gouverneurs in Dschalalabad mindestens 18 Menschen getötet und knapp 50 weitere verletzt, teilten die Behörden mit. Einige der Verletzten schwebten in Lebensgefahr. Zu dem Anschlag bekannte sich zunächst niemand.

Am Samstag hatte sich ein Attentäter im Bezirk Rodat nahe Dschalalabad in die Luft gesprengt und dabei auch Taliban-Aktivisten ins Visier genommen: der Anschlag galt einer Feier der eigentlich verfeindeten Regierungsarmee mit Taliban-Kämpfern sowie Zivilisten. Die Zahl der Opfer stieg nach Behördenangaben mittlerweile auf mindestens 36 Tote und 65 Verletzte. Der afghanische Ableger der Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) bekannte sich zu dem Anschlag.

Im Februar hatte Ghani einen Plan für Friedensgespräche mit den Taliban vorgestellt und deren Anerkennung als politische Partei in Aussicht gestellt. Die Taliban reagierten nicht offiziell auf den Vorschlag und begannen kurz darauf ihre alljährliche Frühjahrsoffensive gegen die afghanische Regierung.

afp

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