„Zukunft voller Möglichkeiten“

Tragödie oder Chance? Das sagt die Presse zum Brexit

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Die europäischen Zeitungen sind sich uneins, wie die anstehenden Brexit-Verhandlungen zu bewerten sind.

London - Die europäischen Zeitungen sind sich uneins, wie die anstehenden Brexit-Verhandlungen zu bewerten sind. Während einige beschwichtigen, schlagen andere martialische Töne an. 

Mit dem offiziellen Scheidungsantrag der britischen Premierministerin Theresa May wird es endgültig ernst mit dem Brexit. Welche Folgen Großbritanniens EU-Ausstieg haben wird, darüber gehen die Meinungen in der internationalen Presse auseinander. Neben gravierenden Risiken sehen manche Zeitungen auch Chancen.

Die liberale rumänische Tageszeitung „Adevarul“ sieht im anstehenden Austritt Großbritanniens große Gefahren. Ähnlich wie der Brexit hätten viele Tragödien begonnen, die in Europa Blutbäder angerichtet hätten. Und solche Tragödien könnten sich über Nacht wiederholen, „wenn Fanatismus sich im passenden Verhältnis mit der Wirtschaftskrise verbindet, mit nationalistischen Reden und populistischen Versprechen“. Freudige Tage seien dies „für die Verrückten aus aller Welt, (...) die dort, in ihrem elenden Wurmloch, davon überzeugt sind, dass nichts ihnen etwas anhaben könne“.

Die liberale slowakische Tageszeitung „Sme“ zieht ein ähnlich verheerendes Fazit. „Was immer uns die Zukunft noch bringen wird, bisher jedenfalls ist in die Chronik der europäischen Einigung noch nie etwas in schwärzerer Tinte geschrieben worden als der Austritt Großbritanniens.“

„Obwohl es schmerzhaft ist, Lebwohl zu sagen, geht das Leben weiter“

Den Briten sei gar nicht klar, was der Brexit für ihre Zukunft bedeuten werde, ist die Budapester Tageszeitung „Nepszava“ überzeugt: Es gefalle ihnen zwar, dass Premierministerin Theresa May einen harten Brexit anstrebe. „Man kann aber davon ausgehen, dass sich die britischen Wähler nicht in die 19.000 Gesetze vertieft haben, die vom EU-Austritt betroffen sind.“ Theresa May lasse sie über die Milliardenkosten des Brexit im Dunkeln.

Der britische EU-Austritt schaffe Verlierer auf beiden Seiten des Ärmelkanals, schreibt die katholische französische Zeitung „La Croix“. Erst einmal könnten sich die Briten an ihrer „wunderbaren Isolation“ erfreuen. Die EU ihrerseits müsse dem Vereinigten Königreich nicht länger Zugeständnisse machen. Der Preis dafür aber sei hoch. „Den Tisch umzuwerfen, ist ein flüchtiges Vergnügen.“

Verkraftbar findet hingegen die liberal-konservative dänische Tageszeitung „Berlingske“ den Austritt Großbritanniens aus der EU. „Obwohl es schmerzhaft ist, Lebwohl zu sagen, geht das Leben weiter. Der Brexit hat die übrigen Mitgliedsländer dazu gebracht, näher zusammenzurücken.“ Europa müsse nun gemeinsam die anstehenden Herausforderungen wie Masseneinwanderung und Wirtschaftskrise bewältigen.

„Sollen die Briten doch ihr Europa-Hexenfeuer genießen“

Der britische „Telegraph“ sieht den Tag des offiziellen Austrittsgesuch gar als Freudentag: „(...) diejenigen, die so lange von diesem Augenblick geträumt haben, können sich ein Hoch nicht verkneifen. Auf eine lange Schlacht, die erfolgreich geschlagen wurde. Auf die Aktivierung von Artikel 50 und die Erfüllung eines unmöglichen Traums. Und auf Großbritannien, dessen Zukunft voller Möglichkeiten steckt.“

Die verbleibenden Mitgliedstaaten müssen sich nach Ansicht der Londoner „Times“ nun einer Realitätsprüfung unterziehen. „Sie müssen den Grundsatz der Personenfreizügigkeit neu definieren und ihre Außengrenzen stärken oder sie werden verkümmern, während der Nationalismus immer mehr Unterstützung bekommt“, schrieb die Zeitung.

Auch „Die Presse“ aus Wien sieht den Brexit als Prüfstein für die EU: „Die EU-Regierungen werden nicht umhinkommen, sich zu diesem Anlass mit einer neuen Form der Anbindung von Ländern zu beschäftigen, die nicht Mitglied sein wollen oder dafür noch lange nicht reif sind.“ Es gehe darum, die engen Bande zu Staaten wie Großbritannien, der Schweiz und der Türkei neu abzusichern.

Darüber, welche Haltung künftig gegenüber Großbritannien die richtige ist, gehen die Meinungen der Blätter auseinander. Die liberale Zeitung „Hospodarske noviny“ aus Tschechien meint: „Sollen die Briten doch ihr Europa-Hexenfeuer genießen.“ Politiker müssten diesen nationalen Egoismus mit harten Trennungsauflagen bestrafen.

Die belgische Zeitung „De Standaard“ dagegen ruft beide Seiten zur Mäßigung auf. „Die Trennung bewusst auf eine Kampfscheidung hinauslaufen zu lassen, wäre ein kapitaler Fehler.“ Ungeachtet aller Verbitterung müsse eine gute Nachbarschaft angestrebt werden.

dpa

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