Drei Gründe für den Abwärtstrend

Umfrage-Flaute: Warum bremst der Schulz-Zug?

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SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz in Hannover

Berlin - Lange schienen Martin Schulz‘ Umfragewerte kaum zu bremsen - nun verliert der SPD-Mann spürbar. Womöglich indirekt sogar wegen Donald Trump.

„Schulz-Effekt“, „Schulz-Zug“, „Schulz-Hype“. Viele Worte für ein und dasselbe Phänomen - die rasant steigenden Umfragewerte der SPD nach der Nominierung Martin Schulz‘ zum Kanzlerkandidaten im Januar. Dass der Effekt weitere Namen erhalten wird, scheint derzeit aber fraglich. Denn wie auch immer man den ominösen Aufwärtstrend auch nennt, er scheint vorerst gestoppt.

In den jüngsten Umfragen liegt die SPD wieder konstant hinter der Union. Und Spitzenkandidat Schulz selbst ist in der Gunst der Wähler zuletzt sogar auf einen neuen Tiefstwert gefallen: Dem am Mittwoch veröffentlichten „Stern-RTL-Wahltrend“ zufolge würden aktuell nur noch 29 Prozent der Deutschen Schulz als Kanzler bevorzugen. Widersacherin Angela Merkel kommt auf 44 Prozent.

Drei Gründe für die Umfragemisere

Woran liegt‘s? Die Auswahl an möglichen Gründen ist groß. Der Politikwissenschaftler Albrecht von Lucke etwa nennt dem Berliner Kurier in einem Expertengespräch gleich mehrere Ursachen für die scheinbar plötzliche Umfrage-Talfahrt Schulz. Für besonders problematisch hält er eine mangelnde Machtperspektive der SPD. Eine Ampel-Koalition scheint unwahrscheinlich, eine große Koalition kaum verlockend - ein linkes Bündnis seit einigen Wochen in weite Ferne gerückt.

„Die Saarlandwahl und die Entzauberung einer rot-rot-grünen Alternative führten im Schulz-Lager zu einer Desillusionierung“, erklärt von Lucke. Zugleich habe die Diskussion um Rot-Rot-Grün aber der Union genützt. Die lange zerstrittenen Schwesterparteien CDU und CSU hätten nun „endlich ihren Feind gefunden“ - „das überlagert alle Uneinigkeit“. Und stoppt so wohl auch die koalitionsinterne Kritik an Kanzlerin Merkel.

Kostet Trump Schulz Stimmen?

Zu guter Letzt, so meint von Lucke, spiele auch die weltpolitische Lage gegen Schulz. Der Syrienkrieg und nicht zuletzt die militärischen Alleingänge Donald Trumps rückten statt Schulz‘ Kernthema soziale Gerechtigkeit internationale Sicherheit in den Fokus. „Hier hat Merkel die stärkeren Bataillone“, sagt der Wissenschaftler.

Die endgültige Vollbremsung für den Schulz-Zug muss all das allerdings natürlich nicht bedeuten. Politische Rahmenbedingungen können sich ändern, andere Parteien patzen - und Umfragetrends schnell wieder die Richtung wechseln. Zuletzt hatten die deutschen Meinungsforscher bei den Landtags-Wahlergebnissen der AfD 2016 daneben gelegen.

Schulz beschwichtigt: „Wahlkämpfe sind Dauerläufe“

Der SPD-Vorstand hatte Schulz Ende Januar als neuen Parteichef und Kanzlerkandidaten nominiert, nachdem Gabriel vor dem Hintergrund schlechter Umfragewerte für die SPD von knapp über 20 Prozent verzichtet hatte. Der frühere EU-Parlamentspräsident euphorisierte die Parteibasis und bescherte den Sozialdemokraten mehr als 13.000 Neueintritte. Auf einem Sonderparteitag im März wurde Schulz mit 100 Prozent Zustimmung zum SPD-Vorsitzenden gewählt

In den Umfragen kannten die Sozialdemokraten über Wochen nur eine Richtung - aufwärts. Einen ersten Dämpfer gab es bei der Landtagswahl im Saarland Ende März, als die SPD hinter den Erwartungen zurückblieb. Schulz machte Sonderfaktoren an der Saar für das Ergebnis verantwortlich und blieb für die Bundestagswahl im September zuversichtlich: "Wahlkämpfe sind Dauerläufe und keine Sprints."

fn (mit AFP)

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