Armutsrisiko wächst

Vom Aufschwung am EU-Arbeitsmarkt profitieren nicht alle

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Arbeitslose stehen in Madrid in einer langen Schlange vor einem Jobcenter. Foto: Juanjo Martin

Mehr Jobangebote gleich weniger Risiko in die Armut zu rutschen: Diese Formel sollte eigentlich aufgehen. Überraschend stellen indes Experten der Bertelsmann-Stiftung fest: In den 28 Ländern der EU geht die Gleichung nicht immer auf.

Gütersloh (dpa) - Die Erholung am Arbeitsmarkt in Europa kommt nicht bei allen Menschen an. Trotz Vollzeitjobs sind laut einer Studie mehr Menschen von Armut bedroht als in den Vorjahren.

Nach dem von der Bertelsmann-Stiftung vorgestellten Gerechtigkeits-Index 2016 stieg ihr Anteil 2015 auf 7,8 Prozent; 2013 lag er noch bei 7,2 Prozent. Und das, obwohl sich die meisten EU-Staaten langsam von den Folgen der Wirtschafts- und Finanzkrise erholen.

Zwar sei der Abwärtstrend der vergangenen Jahre beim Blick auf die soziale Gerechtigkeit in den 28 EU-Ländern gestoppt, hieß es weiter. Dieser Index, der 2014 mit 5,62 seinen Tiefpunkt erreicht hatte, stieg 2016 im EU-Schnitt auf 5,75. Vor der Wirtschaftskrise 2008 hatte er noch bei 6,60 gelegen. Aber noch immer sei mit 118 Millionen jeder vierte EU-Bürger von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht, beklagt die Bertelsmann-Stiftung.

Die Gründe sehen die Autoren der Studie im wachsenden Bereich mit niedrigen Löhnen und einer Spaltung der Arbeitsmärkte in reguläre und atypische Beschäftigung. Unter atypisch verstehen die Forscher zeitlich befristete Arbeitsverträge, Leiharbeit oder Teilzeitbeschäftigung.

Deutschland liegt in der Rangliste mit 6,66 auf Platz sieben im EU-Vergleich. Den Spitzenplatz belegt Schweden mit 7,51, Schlusslicht bleibt Griechenland mit 3,66. Für die Studie werden jährlich anhand von 35 Kriterien sechs Bereiche beleuchtet, darunter Armut, Bildung, Arbeitsmarkt, Gesundheit und Generationengerechtigkeit.

Der Anteil der von Armut bedrohten Vollzeitbeschäftigten ist in Deutschland von 5,1 Prozent (2009) auf 7,1 Prozent (2015) gestiegen. Eine leichte Verbesserung gegenüber 2014 (7,5 Prozent) deute auf erste Wirkungen nach Einführung des Mindestlohns im Jahre 2015 hin, heißt es in der Studie mit dem Titel "Social Justice Index 2016".

"Wir waren überrascht, dass trotz steigender Beschäftigung in Europa das Armutsrisiko, auch in Deutschland, nicht geringer wird", sagt Studienautor Daniel Schraad-Tischler. Die Autoren sprechen von "Europa paradox". Deshalb warnt Aart De Geus, der Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann-Stiftung: "Ein Vollzeitjob muss nicht nur das Einkommen, sondern auch das Auskommen sichern. Ein steigender Anteil von Menschen, die dauerhaft nicht von ihrer Arbeit leben können, untergräbt die Legitimität unserer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung."

Weiterhin sind Kinder und Jugendliche nach der Wirtschafts- und Finanzkrise die großen Verlierer in den EU-Staaten. Das hatten die Studienautoren bereits 2015 aufgezeigt. Diese Kritik erneuern sie jetzt. Demnach sind EU-weit weit mehr Kinder von Armut oder sozialer Ausgrenzung betroffen als ältere Menschen. Während fast jedes zehnte Kind (9,5 Prozent) "schwerwiegende materielle Entbehrungen" ertragen muss, sind es bei den über 65-Jährigen 5,5 Prozent. Positiv: Der Anteil Älterer, die von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht sind, hat sich von 24,4 Prozent im Jahr 2007 auf 17,4 Prozent im Jahr 2015 verringert.

Pressemitteilungen Bertelsmann-Stiftung

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