„Fake News“ um Senatskandidaten

„Washington Post“ sollte in Falle tappen - und dreht den Spieß um

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Die Fehlinformationen sollten die „Washington Post“ nach Aussage von Chefredakteur Martin Baron „täuschen und diskreditieren“.

Rechtsgerichtete Aktivisten haben mit einer fingierten Geschichte versucht, die „Washington Post“ in eine Falle zu locken und zu diskreditieren. Das sind die Hintergründe.

Washington, D.C. - Jaime Phillips hat der Washington Post eine dramatische Enthüllungsgeschichte angeboten: Sie soll vor 25 Jahren vom US-Senatskandidaten Roy Moore als damals 15-Jährige geschwängert worden sein. Die Schwangerschaft habe sie mit einer Abtreibung beendet. Zuvor hatten sich bereits mehrere Frauen gemeldet, die Moore einen Missbrauch vorwerfen. Jedoch hatte die Journalistin der Washington Post, Stephanie McCrummen, Zweifel an der Geschichte.

Die Zeitung geht davon aus, dass Phillips im Auftrag von „Project Veritas“ gehandelt habe. Sie wurde dabei beobachtet, wie sie deren New Yorker Büroräume betreten hat. Dabei handelt es sich eine Organisation, die sich zum Ziel gesetzt hat, Verbreiter von „Fake News“ zu diskreditieren. Dabei gehen sie häufig mit unlauteren Methoden vor.

Phillips sollte der Zeitung offenbar gezielt Fehlinformationen zuspielen, damit diese anschließend der Falschberichterstattung überführt werden konnte. Chefredakteur Martin Baron erklärte am Montag, das Ziel der Aktion sei es gewesen, die Zeitung „zu täuschen und zu diskreditieren.“ Die Washington Post hat sich anschließend gegen eine Veröffentlichung der Geschichte entschieden.

Eine Diskreditierung der Zeitung hätte auch Donald Trump in die Hände gespielt. Am Montag twitterte er: „Wir sollten einen Wettbewerb einführen, welcher TV-Sender, inklusive CNN, aber FOX ausgenommen, der unehrlichste, korrupteste ist und/oder derjenige, dessen Berichterstattung über euren Lieblingspräsidenten (mich) am verzerrtesten ist. Sie sind alle schlecht. Der Sieger bekommt den Fake-News-Pokal!“

Roy Moore ist Kandidat der Republikaner für die Wahl des US-Senates in Alabama am 12. Dezember. Den Senatssitz hatte bisher Jeff Sessions inne, der jedoch im Februar 2017 als Justizminister im Kabinett von Donald Trump nominiert wurde. Moore ist ehemaliger Richter am obersten Gerichtshof von Alabama und tritt bei der Wahl gegen den demokratischen Kandidaten und ehemaligen Bundesstaatsanwalt des nördlichen Distrikts Alabamas, Doug Jonas, an. Jeweils zwei Senatoren vertreten ihre Bundesstaaten in der zweiten Kammer des US-Kongresses. Der Senat ist vergleichbar mit dem Bundesrat in Deutschland.

Roy Moore - ehemaliger Richter am obersten Gerichtshof und vielleicht schon bald Senator für Alabama.

Am 9. November veröffentlichte die Washington Post erstmals Anschuldigungen einer Frau, Moore hätte sie 1979 als damals 14-Jährige sexuell missbraucht. Es meldeten sich weitere Frauen, die Anschuldigungen gegen Moore vorbrachten. Der republikanische Mehrheitsführer im US-Senat, Mitch McConnell, und mehrere republikanische Senatoren stuften die Anschuldigungen als glaubwürdig ein und forderten daraufhin Moores Rücktritt von der Kandidatur.

Vorwürfe könnten Roy Moore den Wahlsieg kosten

Alabama gilt für die Republikaner normalerweise als sicherer Staat. Seit seiner ersten Wahl im Jahr 1996 hat der bisherige Amtsinhaber Jeff Sessions alle weitere Wahlen in Alabama mit großem Abstand gewonnen. Durch die Anschuldigungen der Frauen steht Kandidat Moore erheblich unter Druck. Eventuell könnte ihn die Affäre den Sieg kosten.

Moore dementierte die Aussagen und behauptet, sie seien von politischen Gegnern gestreut worden. CNN berichtete, dass Moore die Washington Post für ihre Berichterstattung wegen Verleumdung verklagen werde.

Präsident Trump war zuvor vielfach kritisiert worden, keine klare Position im Fall Moore eingenommen zu haben. Kurz vor Thanksgiving hat sich Trump direkt geäußert. Auf keinen Fall dürfe Moores Gegenkandidat von den Demokraten in Alabama gewinnen. Dieser sei in wichtigen Bereichen schwach, wolle die Steuer erhöhen und sei eine Katastrophe. Moore bestreite die Vorwürfe, und man müsse auch ihm zuhören.

Das steckt hinter „Project Veritas“

Bei Donald Trump und seinen Anhängern ist das Schimpfen über CNN, die New York Times oder die Washington Post mittlerweile so beliebt geworden, dass es sogar ein eigene Abkürzung gibt: „MSM“ - „Mainstream Media“.

Die Täuschungsaktion um Jaime Phillips wurde vermutlich von der Organisation „Project Veritas“ angezettelt. Gründer James O‘Keefe hat eine Mission: den Kampf gegen Anhänger und Politiker der Demokraten und die „MSM“. Im Grunde gegen alles, was seiner Meinung nach nicht rechts steht oder „Fake News“ verbreitet.

O‘Keefe, der früher auch für Andrew Breitbart und dessen Meinungswebsite gearbeitet hat, führt seinen Kampf gegen die Medien seit über einem Jahrzehnt. Im Jahr 2010 hat der konservative Politaktivist seine Organisation „Project Veritas“ ins Leben gerufen. Auf deren Homepage wird hauptsächlich über die Voreingenommenheit der New York Times und CNN berichtet.  Wohl mit unlauteren Methoden wurden diese Informationen gewonnen, etwa dem heimlichen Aufzeichnen von Gesprächen mit Mitarbeitern der jeweiligen Redaktionen.

„Project Veritas“ ist eine Organisation, mit dem Ziel - wie sie auf ihrer Webseite schreibt -  die „Untersuchung und Aufdeckung von Korruption, Unehrlichkeit, Selbstbereicherung, Verschwendung, Betrug und anderem Fehlverhalten in öffentlichen und privaten Einrichtungen, um eine ethischere und transparentere Gesellschaft zu erreichen“. 

Vertraulichkeitsvereinbarung wird nicht eingehalten

Mit der fehlgeschlagenen Aktion gegen die Washington Post hat sich O‘Keefe jedoch ins eigene Knie geschossen, denn Jaime Phillips hatte im Gespräch mit der Journalistin der Washington Post um Vertraulichkeit geboten. McCrummen wurde jedoch misstrauisch: Sie konnte den angegebenen Arbeitsplatz der Dame nicht überprüfen. Zusätzlich hat sie eine Webseite gefunden, auf der die Dame ankündigte, nach New York zu ziehen, um „in der konservativen Medienbewegung zu arbeiten, und die Lügen und Täuschungen der liberalen ‚MSM‘ zu bekämpfen“.

Die Reporterin der Washington Post hat das Gespräch mit Phillips aufgezeichnet, was sie ihr ausdrücklich mitteilte.  Auf dem Video, das die Post nun veröffentlichte, hört man Phillips sagen, dass sie nicht will, dass ihre Aussagen öffentlich gemacht werden. Chefredakteur Martin Baron sagte, dass man sich eigentlich immer an solche Vereinbarungen halte. „Aber diese Unterhaltung war der Kern eines Komplotts, uns zu täuschen und bloßzustellen. Wegen der bei uns üblichen journalistischen Sorgfalt sind wir nicht darauf reingefallen", fügt er hinzu. Unter diesen Umständen könne man sich nicht an die Vereinbarung halten.

Die Washington Post hat somit den Spieß umgedreht. Das falsche Spiel von Phillips & Co. ist nun Thema der Berichterstattung. Die Post damit, was ein jeder Aktivist ausrichten könne, wenn ein Medium seine Fakten nicht sorgfältig überprüfen würde.

tf

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