Von 1985 bis 1998: Extra Tip-Redakteure über ihr erstes KSV-Spiel im Auestadion

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Thomas Freudenstein zieht ab: Das Bild stammt aus dem legendären Spiel gegen Hannover 96. Trotz eines starken Freudenstein reichte es nur zu einem 2:2.

Das Auestadion hat schon viele legendäre Spiele gesehen. Doch das erste Spiel im Stadion vergisst man wohl nie. Die ET-Redakteure Nicolai Ulbrich und Marcel Ehrig erinnern sich an ihr erstes KSV-Spiel.

Der Anfang vom Ende

von Nicolai Ulbrich

Kassel. Als mein Vater mich am 2. Juni 1985 erstmals mit ins Auestadion nahm, war mir als elfjähriger Steppke die Bedeutung des Spiels gegen Hannover 96 natürlich nicht bewusst. Ebenso wenig, dass man besagtes und inzwischen viel zitiertes „Aufstiegsdrama“ auch als den Anfang vom Ende oder den Beginn einer langen Leidenszeit für Löwen-Anhänger bezeichnen könnte. Für mich zählte nur eins: Das erste Mal im großen Auestadion, welches bis dato bereits von außen eine magische Ausstrahlungskraft besaß.

Selten habe ich vor Aufregung so wenig geschlafen, wie in der Nacht zuvor. Selten habe ich meinen (damals) überaus geduldigen Vater so genervt, bis wir endlich gefühlt vier Stunden (und doch viel zu spät) vor Spielbeginn mit der Tram von der Oberzwehrener Straße zum Stadion fuhren. Selten stieg mein Adrenalin mit jeder der sieben Haltestellen derart an. Selten war ich so stolz und glücklich. Nie zuvor habe ich eine derart große Menschenmasse gesehen oder Fans, die in den Wipfeln der Bäume hinter der Gegengerade und Südkurve saßen. Und nie wieder habe ich meinen Vater, den ich bis dahin eher ausschließlich als glühenden Bayern-Anhänger kannte, so traurig über ein Unentschieden des KSV gesehen, wie an jenem 2. Juni 1985.

KSV Hessen gegen Baunatal: "Wir gehen zum Derby weil..."

... weil das doch ganz klar ist: Einmal Kasseler, immer Kasseler. Hans Wulf, Torwartlegende des KSV Hessen. © Soremski
.. weil ich mich dazu verpflichtet fühle. Das repräsentiert regionale Stärke.Christoph Fischer, (Ingenieurbüro GUV Kassel) © Soremski
... weil das doch selbstverständlich ist und es mit Sicherheit ein tolles Spiel wird! Linus Borgolte, LoPo Media © Soremski
... weil der KSV Hessen mir am Herzen liegt und ich die Löwen unterstützen will. Bernd Marth, langjähriger Vereinsberater des KSV © Soremski
... weil ich die Region unterstützen will und mich auf ein tolles Spiel freue. Sven Bertel, Fan Point Kassel © Soremski
... weil es hier einfach schön ist. Ich bin schon mit meinem Vater zu den Spielen ins Auestadion gegangen. Gabi Müller, KSV-Fan seitdem sie denken kann © Soremski
.. weil ich in der Südstadt groß geworden bin und schon seit 50 Jahren ins Auestadion gehe.Werner Assmann, Personalratsvorsitzender der Kasseler Sparkasse © Soremski
... weil Kassel für uns einfach Heimat bedeutet und der regionale Fußball zur Heimat dazugehört.Franziska Siebert und René Gröninger, leidenschaftliche Löwen-Fans © Soremski
... weil wir als Lokalpatrioten die Region unterstützen wollen und es toll wäre, wenn der KSV Hessen aufsteigt. Kattia Vides, TV-Sternchen und Patrick Weilbach, CDU-Politiker und Unternehmensberater © Soremski
... weil es das größte sportliche Ereignis in Nordhessen ist und wir bei jedem Heimspiel im Stadion sind.Carl Luis Jäger und Thorsten Jäger, stellvertretender Leiter der Spielbank Kassel © Soremski

Schon die lange Zeit vorm Stadion bis zum Anpfiff ist mit Erinnerungen übersät, wie die unzähligen rot-weißen Fahnen, Schals und Trikots der über 20.000 Löwenfans. Die Atmosphäre mit einer Mischung aus schwüler Hitze, Spannung, Vorfreude und dem Duft von Bratwurst und Bier. Apropos Bier: Dass ich an jenem Tag das erste Mal am Martini-Becher meines alten Herrn nippen durfte, ist bis heute nicht bewiesen. Etwa eine Stunde vor Spielbeginn hatten wir uns endlich den Weg durch die Eingangsschlangen gebahnt und schoben uns mit den Fans Richtung Gegengerade ans Ende der Nordkurve – nichts für schwache Nerven von ängstlichen und zuhause wartenden Müttern. Und kurz darauf bekommt meine leuchtende Erinnerung an den Tag erste unschöne Momente. Die grölenden Löwen-Fans in der Nordkurve machten mir Angst, die Zugänge hoffnungslos überfüllt und die verzweifelten Versuche und Bitten meines Vaters, für uns beziehungsweise mich einen Platz mit guter Sicht aufs Feld zu ergattern, endeten mit unschönen Antworten.

Verängstigt und verzweifelt klammerte ich mich an Arme und Hände meines Vaters und zerrte ihn unter Tränen zurück zum Aufgang. Dort, am Zaun zwischen Nordkurve und Gegengerade angekommen, lieferten sich mehrere Fans eine wilde Schlägerei, ebenfalls eine Premiere der unschönen Art für mich. Geprägt von diesen Eindrücken geriet zumindest für mich das Spiel der 1. Halbzeit fast zur Nebensache. Abgesehen davon, dass ich selbst auf den Schultern von Papa vom Spiel kaum etwas sehen konnte. Im Gegensatz zu meinem Vater, der mich ob der zwischenzeitlichen 2:0-Führung der Löwen ständig anstupste: „Nicolai! Die schaffen das, heute steigt der KSV in die 1. Bundesliga auf. Und nächste Saison kommen meine Bayern in unser Auestadion, da gehen wir hin, Sohnemann!“

Der weitere Spielverlauf und bittere Ausgang der Partie sowohl gegen 96 als auch beim 1. FC Nürnberg sind bekannt. Die Stimmung auf dem vier Kilometer langen Heimweg, den mein alter Herr zu allem Überfluss auch noch zu Fuß mit mir absolvierte, hätte im Gegensatz zum Hinweg kaum unterschiedlicher sein können. Doch unabhängig von den einzelnen negativen Momenten, die man als Elfjähriger natürlich schön für sich behält, brannte ich darauf, endlich meinen Kumpels voller Stolz vom ersten Erlebnis im großen Auestadion zu berichten. Einem Erlebnis, für das ich meinem alten Herrn immer dankbar sein werde, das uns auf besondere Art zusammengeschweißt und meine Liebe zum KSV begründet hat.

Der FC Hollywood hatte kein Erbarmen

von Marcel Ehrig

Es ist der 31. Juli 1998, es ist warm, die Sonne blendet nicht nur die Spieler. Die Stimmung ist gut, schließlich ist der FC Bayern München angereist und absolviert ein Spiel gegen den KSV Hessen Kassel, der mal wieder nicht so blendet dasteht. Ein paar Monate zuvor sind die Löwen Pleite gegangen und müssen nun in der Kreisliga starten. Doch an diesem Tag scheint das alles in den Hintergrund zu rücken, das weiß ich noch, auch wenn ich erst neun Jahre alt war und ich zum ersten Mal ein Spiel des KSV Hessen besuchte. Das so gute Laune herrschte mag wohl auch am Gegner gelegen haben, der mit allen Stars angereist war: Stefan Effenberg, Lothar Matthäus, der kurz danach hoffte „a Little bit Lucky“ zu haben, Jens Jeremies, Mario Basler und und und…

Dazu noch diese vielen Menschen! Manche beschreiben den Sport als „Gladiatorenkämpfe des 21. Jahrhunderts“. Das Stadion ist dann wohl das Colosseum. An das erste Spiel im Stadion kann man sich genauso erinnern, wie an das erste Auto, die erste eigene Wohnung oder die erste Freundin – nur das beim Fußball das schöne Gefühl bleibt. Die Löwen verloren vor rund 18.000 (!) Zuschauern mit 10:0 – sei es drum, es war ein tolles Spiel.

So wird es hoffentlich auch am 22. April gegen den KSV Baunatal sein, egal ob man den Weltrekord jetzt bricht oder nicht. Und einen Bayernspieler habe ich bei der Aufzählung noch vergessen: Oliver Kahn. Der lief 45 Minuten lang stoisch Runde um Runde auf der Tartanbahn, für mich damals eine unglaubliche Leistung – ein wahrer Titan!

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Wie die Idee zum Rekordspiel entstand, erklärte KSV-Geschäftsführer zuvor im EXTRA TIP-Interview.

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