Beschwerden in Ziegenhain: Kartfahrer vom Alleeplatz verbannt

Daumen hoch für ihre Vereinsarbeit: Die Jung-Piloten der Automobil- und Motorsportgemeinschaft Schwalmstadt-Frielendorf (AMSG) und ihre Betreuer auf dem Rohde-Parkplatz in Ascherode. Hier dürfen die Kartfahrer immer samstags zwischen 9 und 13 Uhr trainieren. 	Foto: Seeger
+
Daumen hoch für ihre Vereinsarbeit: Die Jung-Piloten der Automobil- und Motorsportgemeinschaft Schwalmstadt-Frielendorf (AMSG) und ihre Betreuer auf dem Rohde-Parkplatz in Ascherode. Hier dürfen die Kartfahrer immer samstags zwischen 9 und 13 Uhr trainieren. Foto: Seeger

Nach massiven Beschwerden von Anwohnern: Kartfahrer der AMSG Schwalmstadt-Frielendorf dürfen nicht mehr am Ziegenhainer Alleeplatz fahren.

Schwalmstadt-Ziegenhain. Es ist Sonntag, der 28. Juni 2015. Die Luft flirrt über dem heißen Asphalt. Motoren dröhnen. Es riecht nach Benzin und Gummi auf dem Ziegenhainer Alleeplatz. Nebenan, auf dem Gelände der Grundschule, tragen die Kart-Fahrer der Automobil- und Motorsportgemeinschaft Schwalmstadt Frielendorf (AMSG) ihren 18. Schwälmer Jugend-Kart-Slalom-Wettbewerb aus.

Was die Piloten zu dem Zeitpunkt noch nicht wissen: Es ist voraussichtlich das letzte Mal, dass der Wettbewerb neben dem Alleeplatz stattfindet. Denn im Frühjahr 2016 wird klar: Anwohner haben sich über die einmal im Jahr stattfindende Kart-Slalom-Veranstaltung auf dem Schulhof beschwert und fordern, dass diese dort nicht mehr stattfindet. Der konkrete Vorwurf: Lärmbelästigung.

Landtagsabgeordnete Regine Müller wendet sich mit einem unserer Redaktion vorliegenden Schreiben am 11. September 2015 sowohl an den Schwalm-Eder-Kreis, als auch an die Stadt Schwalmstadt. Ihre Bitte: "Die Kartslalom Rennveranstaltungen [...] nicht mehr zu genehmigen". Ihrem Brief ist zu entnehmen, dass Müller die gleiche Bitte bereits im Jahr 2014 geäußert hatte. Auf unsere Nachfrage stellt Müller klar: "Mir und anderen Anwohnern ist die Veranstaltung zu laut. Gegen Jugendförderung aber habe ich nicht das Geringste einzuwenden. Deswegen will ich gern behilflich sein, einen anderen adäquaten Austragungsort zu finden."

In einem Antwortschreiben an Regine Müller lässt Landrat Winfried Becker wissen: "Es ist dem Schwalm-Eder-Kreis als Schulträger ein Grundbedürfnis mit allen direkten Anwohnern unserer Schulgrundstücke ein gutes Nachbarschaftsverhältnis zu führen. Ihren [sic!] Wunsch werden wir entsprechen, die auf dem Schulgelände stattfindenden, mit erheblichem Lärm verbundenen Jugend-Kart-Veranstaltungen, zukünftig nicht mehr zu genehmigen." Da die Veranstaltungen auf dem Alleeplatz teils auf Kreis-, teils auf städtischem Gelände stattfanden, hat sich die Kreisverwaltung mit der Schwalmstädter Stadtverwaltung in Verbindung gesetzt – mit dem Ergebnis, dass die Stadt Schwalmstadt die Austragung des Slalom-Wettbewerbs auf dem Gelände der Ziegenhainer Grundschule nicht mehr genehmigte.

AMSG ist mit Notlösung unzufrieden

Auf unsere Nachfrage erklärt Erster Stadtrat Detlef Schwierzeck: "Es gab massive Beschwerden von Anwohnern. Daraufhin haben wir intensivst alle möglichen Flächen innerhalb Schwalmstadts geprüft. Viele haben sich als alternative Austragungsorte aber schnell wieder zerschlagen, weil sie beispielsweise zu nah an Wohngebieten liegen. Dann würde es wieder zu Beschwerden von Anwohnern kommen. Jetzt haben wir dem Verein eine Fläche im Schützenwald zugesagt." Dort soll die Kart-Slalom-Veranstaltung am 26. Juni stattfinden. Die AMSG ist mit dieser Lösung jedoch nicht zufrieden. "Uns wäre geholfen, wenn wir die Veranstaltung weiter neben dem Alleeplatz ausführen könnten. Schon allein wegen der Infrastruktur", sagt Torsten Wehowsky, Jugendleiter der AMSG. Denn jetzt müsse extra ein Toilettenwagen organisiert und in den Schützenwald gebracht werden. Und auch die Strom- und Wasserlegung sei mit großem Aufwand verbunden.

Die Entscheidung, dass die Kartfahrer künftig nicht mehr auf dem Ziegenhainer Schulgelände fahren dürfen, kommt dennoch nicht überraschend für die Vereinsmitglieder. Denn seit jeher haben sie mit mangelnder Akzeptanz zu kämpfen. Kaum jemand duldet die Kartfahrer. Anwohner fürchten um ihre Ruhe, Wirte um ihre Gäste, Unternehmer um Kunden.

Schuh-Rohde als Ausnahme

Anders sieht das der Schuh-Hersteller Rohde. Auf dessen Firmengelände in Ascherode dürfen sich die Jung-Piloten der AMSG samstags zum Slalom-Training treffen. Dann lenken 17 Kinder und Jugendliche ihre Karts geschickt durch einen eng abgesteckten Parcours. Aber warum werden die Fahrer nicht von allen Schwalmstädtern akzeptiert? Das könnte daran liegen, dass die Vereinsarbeit noch immer falsch interpretiert wird, vermutet Michael Hinz. "Wir machen keinen Rennsport, sondern Verkehrserziehung", bringt es der AMSG-Vorsitzende auf den Punkt. Im Training werde die Konzentrationsfähigkeit der Fahrer gefördert. Es handle sich dabei nicht um Motorsport, sondern allenfalls um die Heranführung an diesen.

EXTRA-INFO: Ein erfolgreicher Verein benötigt Unterstützung

"Leider gestaltete es sich in diesem Jahr schwer, einen geeigneten Austragungsort für den 19. Schwälmer Kart-Slalom-Wettbewerb zu finden", sagt Torsten Wehoswky. Zusammen mit seinen Vereinskollegen wirbt der AMSG-Jugendleiter um Verständnis für die Vereinsarbeit: "Wir bitten um Unterstützung und Akzeptanz seitens der Stadt Schwalmstadt, der hiesigen Unternehmen und Einwohner." Es gelte, auch in Zukunft gute Trainingsmöglichkeiten zu schaffen und einen geeigneten Veranstaltungsort für den jährlich stattfindenden Kart-Slalom-Wettbewerb zu finden.

Die AMSG sieht sich auch als Repräsentant der Region. In der Vergangenheit konnten vereinseigene Nachwuchs-Fahrer immer wieder beachtliche Erfolge feiern. Marcel Schminke wurde 2014 beispielsweise Deutscher Vize-Mannschaftsmeister im Kart-Slalom. Anna-Katharina Wehowsky feierte vor drei Jahren ihren Sieg in der Hessen-Thüringen-Meisterschaft. Zudem stellte die AMSG schon mehrfach den Nordhessenmeister im Kart-Slalom. Aktuell fahren 17 Jugendliche im Alter von sechs bis 18 Jahren für den Verein. Die AMSG zählt 180 Mitglieder.Wer den Verein unterstützen möchte, kann sich per E-Mail an jugendleiter@amsg-schwalmstadt-frielendorf.de wenden. Mehr Infos über die Vereinsarbeit gibt’s auf amsg-schwalmstadt-frielendorf.de

Wo bleibt denn hier die Gleichbehandlung? Ein Kommentar von Michael Seeger:

Einigen Anwohnern der Ziegenhainer Grundschule und des Alleeplatzes ist der Schwälmer Kart-Slalom-Wettbewerb schlicht zu laut. Ihre Meinung über die einmal im Jahr stattfindende Veranstaltung zu äußern, ist ihr gutes Recht. Die Entscheidung darüber, ob die Kartfahrer das teils städtische und teils kreiseigene Gelände nutzen dürfen, obliegt der Kreis- bzw. Stadtverwaltung. Die Stadt Schwalmstadt sieht sich "nicht in der Lage, die städtischen Flächen weiterhin für eine solche lärmträchtige Veranstaltung zur Verfügung zu stellen" (Schreiben vom 9. Februar an die AMSG). Der Kreis seinerseits beruft sich auf die Stadt Schwalmstadt als nach dem Bundesimmissionsschutzgesetz zuständige Behörde und deren Ablehnung des Nutzungsantrages.

So weit, so gut. Aber drängt sich da nicht die Frage auf, was mit den übrigen Veranstaltungen auf dem Alleeplatz ist? Ist denn jemals jemand auf die Idee gekommen, die E-Mobilitätsmesse oder gar die Ziegenhainer Salatkirmes ernsthaft als Lärmbelästigung anzuprangern? Laut Testbericht der TÜV Automotive GmbH erzeugen Karts mit Honda GX 200 Motor, also auch die der AMSG Schwalmstadt-Frielendorf, eine Lautstärke von 79 dB(A) unter freiem Himmel (bei Abstand des Mikrofons zum Kart von 7,5 Metern). Das entspricht der Lautstärke herkömmlicher Rasenmäher, in denen im Übrigen oft derselbe Motor verbaut ist. Zum Vergleich: Ein Rockkonzert, wie das der "Queen Kings" am Kirmes-Sonntag vergangenen Jahres, erreicht zwischen 100 und 120 dB. Und solche Konzerte finden oft spät abends statt – wenn auch meist in Zelten und nicht etwa Open Air. Dass auch die vielen Schausteller und Kirmes-Besucher spät abends noch für erheblichen Lärm sorgen können, hat die Vergangenheit gezeigt. Trotzdem bleibt die Salatkirmes unumstößlich – und das ist auch gut so. Immerhin hat sie Tradition und ist als Volksfest aus Ziegenhain längst nicht mehr wegzudenken.Aber warum kommt eine solche Akzeptanz eigentlich nicht auch dem Kart-Slalom-Wettbewerb zu? Es ist ungerecht, die Relevanz einer Veranstaltung nur an ihrer Besucherzahl festzumachen. Auch die AMSG hat ihre Daseinsberechtigung. Und sie hat ein Recht auf Gleichbehandlung.

Schreiben Sie mir Ihre Meinung zum Thema: michael.seeger@mb-media.de oder kommentieren Sie diesen Beitrag direkt.

Das könnte Sie auch interessieren

Meist Gelesen

Zweiter Trainer-Rauswurf in Lohfelden - jetzt kommt der "Duce"
Lokalsport

Zweiter Trainer-Rauswurf in Lohfelden - jetzt kommt der "Duce"

Lohfelden. Fußball-Hessenligist FSC Lohfelden hat sich von Trainer Thomas Bartel getrennt. Nach Carsten Lakies der zweite Rauswurf der Saison.
Zweiter Trainer-Rauswurf in Lohfelden - jetzt kommt der "Duce"

Kommentare

Hinweise für das Kommentieren

Von Mo. bis Fr. in der Zeit von 18 bis 9 Uhr und am Wochenende werden keine neuen Kommentare freigeschaltet.
Bitte bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht.