Heimspiel ohne Fans: Vorteil für Sportvereine in Kassel schwindet

Fußballfans im Kasseler Auestadion.
+
Während der Corona-Pandemie undenkbar: Ein volles Auestadion. Eine Studie zeigt jetzt: Fehlen die Fans, schwindet auch der Heimvorteil.

Leere Eishalle, kein Zuschauer in der Rothenbach-Halle und verlassene Ränge im Kasseler Auestadion. So gleicht sich das Bild bei den Heimspielen der nordhessischen Sportvereine.

  • Der KSV Hessen Kassel, die Kassel Huskies und die MT Melsungen müssen aktuell ihre Heimspiele ohne Zuschauer bestreiten.
  • Eine Studie hat die Heimspiele im Fußball ohne Fans untersucht.
  • Wie die nordhessischen Vereine die Heimspiele ohne Zuschauer empfinden

Sport. Der KSV Hessen war bis zum 26. September 15 Spiele lang ungeschlagen, acht Heimsiege gab es nacheinander – klar, das ist die Festung Auestadion.

Solche oder ähnlich heroische Begriffe machen schnell die Runde, wenn eine Mannschaft zu Hause anscheinend gar nicht mehr verlieren kann. Es gibt diese Mannschaften, die als besonders Heimstark gelten und insgesamt räumt man der Heimmannschaft einen Vorteil ein.

Dabei ist es kein gefühlter Vorteil, sondern statistisch belegt. Denn viele Daten haben gezeigt, dass das Brüllen, Singen und der Applaus der Zuschauer die Gegner und auch die Schiedsrichter beeinflussen.

Doch Corona und Fans im Stadion – das verträgt sich nur bedingt, weshalb oftmals Spiele ohne Publikum ausgetragen werden. Was mit dem Heimvorteil im Fußball passiert, wenn die eigenen Anhänger fehlen, wurde nun von Vincenzo Scoppa in einer Studie untersucht, die im Journal of Economic Psychology veröffentlicht wurde.

Dabei wurden Daten aus den obersten Fußball-Ligen von Deutschland, England, Spanien, Italien und Portugal ausgewertet. Die Statistiken aus den vergangenen zehn Spielzeiten wurden mit den Spielen verglichen, die seit der Corona-Pandemie ohne Zuschauer absolviert wurden. Das Ergebnis: Ohne Gesänge, Applaus und die üblichen Schmähungen des Gegners gibt es weniger Heimsiege. Nur drei Heimsiege gab es zum Beispiel am vergangenen Bundesligaspieltag. Solche Ausreißer – also auch ein Spieltag ohne Heimsieg – kann auch mit Publikum vorkommen, laut der Studie ist es in leeren Stadien aber wahrscheinlicher. Zudem entscheiden die Unparteiischen vor leeren Rängen neutraler. Der äußere Druck, der von den Fans erzeugt wird, hat also immense Auswirkungen auf das Spiel.

„Während sich mit der Unterstützung der Zuschauer ein erheblicher Heimvorteil bei verschiedenen Leistungsmaßstäben (Punkte, Tore, Schüsse usw.) ergibt, halbiert sich dieser Vorteil fast, wenn Spiele hinter verschlossenen Türen gespielt werden“, heißt es in der Studie. Und weiter: „Ähnliche Effekte ergeben sich für das Verhalten von Schiedsrichtern: Entscheidungen über Fouls, gelbe Karten, rote Karten und Strafen, die in normalen Spielen eher die Heimmannschaft begünstigen, sind viel ausgeglichener ohne den Druck der Zuschauer.“

Die Spiele des KSV Hessen Kassel, die ohne Zuschauer ausgetragen wurden, scheinen die Studie zu bestätigen, allerdings haben die Löwen bislang auch nur drei Spiele vor leeren Rängen ausgetragen. Auswärts gab es einen Sieg gegen den VfB Stuttgart II und ein Unentschieden gegen Aalen. Im Auestadion gab es eine Niederlage gegen Walldorf.

Zwar bezieht sich die Studie auf den Fußball, dennoch haben wir neben KSV-Trainer Tobias Damm auch bei den Huskies und Handball-Bundesligist MT Melsungen nachgefragt, wie sie den Heimvorteil unter Corona-Bedingungen bewerten und ob Auswärtsspiele nun leichter geworden sind.

KSV Hessen Kassel

„Der Heimvorteil ist momentan nicht gegeben“, sagt KSV-Trainer Tobias Damm. „Das beste Beispiel ist unsere Partie im Auestadion gegen Walldorf. Da hat man nach dem 1:1 ganz besonders gemerkt, dass die Fans fehlen. Davor hatten wir das Spiel im Griff und bekommen dann den Ausgleich – da hätten wir unsere Fans und die übliche Atmosphäre gebraucht. Ich würde aber nicht sagen, dass es gleichzeitig leichter geworden ist, auswärts zu gewinnen. Wichtig ist es, die Situation bestmöglich anzunehmen und seine Leistung zu bringen. Dass Schiedsrichter vom Publikum ein Stück weit beeinflusst werden, kann ich mir schon vorstellen, besonders in den unteren Ligen. Wir hatten aber bislang in unseren Heimspielen auch kein großes Glück mit gewissen Entscheidungen, obwohl Zuschauer im Stadion waren.“

Kassel Huskies

„Der Heimvorteil ist natürlich etwas weggebrochen, dennoch ist er da“, so Huskies-Coach Tim Kehler. „Nicht reisen zu müssen, macht es für eine Mannschaft immer leichter. Dazu kennt man die Gegebenheiten seiner Halle, wie die Banden oder die Eisqualität, besser als der Gegner. Man fühlt sich einfach wohler in der eigenen Halle. Aber natürlich ist der Heimvorteil durch das Fehlen der Zuschauer abgeschwächt. Besonders bei uns in Kassel, mit unseren lautstarken und enthusiastischen Fans, fehlt uns natürlich etwas. Ein Auswärtsspiel ohne Fans ist sicherlich weniger einschüchternd. Vor allem merkt man das bei Derbys in Frankfurt oder Bad Nauheim. Dennoch bleiben die teils langen Anreisen und neuen Begebenheiten natürlich weiterhin.“

MT Melsungen

„Den Vorteil eines Heimspiels gibt es gerade nicht. Die jetzige Situation in der Rothenbach-Halle hat mit der, wenn 4.300 Zuschauer da sind, nichts mehr zu tun“, heißt es von der MT Melsungen. „Es ist deutlich runtergekühlt, die Spieler merken, dass das emotionale Level ein anderes ist. Die Spieler und das Team drumherum auf der Bank, sowie der DJ und Hallensprecher Bernd Kaiser versuchen das Fehlen der Fans ein bisschen aufzufangen, aber von der früheren Situation ist das meilenweit entfernt. Bei einem Auswärtsspiel ist es für uns ähnlich, die Fans aus der Heimat sind nicht da, aber insgesamt ist das Spiel neutraler, weil der Nachteil wegfällt, vor dem gegnerischen Publikum zu spielen. Dass Schiedsrichter nun neutraler pfeifen, ist nicht messbar.“

Das könnte Sie auch interessieren

Meist Gelesen

Vakanz beendet - Dr. Björn Steisel wird Kreisbrandinspektor

Fulda. Nach achtmonatiger Vakanz wird die Position des hauptamtlichen Kreisbrandinspektors wiederbesetzt. In der vergangenen Sitzung hat der Kreisauss
Vakanz beendet - Dr. Björn Steisel wird Kreisbrandinspektor

Kommentare

Hinweise für das Kommentieren

Von Mo. bis Fr. in der Zeit von 18 bis 9 Uhr und am Wochenende werden keine neuen Kommentare freigeschaltet.
Bitte bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht.