"Man muss sich neue Ziele setzen": Wie sich die Pandemie auf die Psyche von Sportlern auswirken kann

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Laufen allein oder zu zweit im Wald ist erlaubt und eine der wenigen Möglichkeiten, sich während der Pandemie an der frischen Luft fit zu halten.

Was für viele Hobby ist, ist für manche auch gleichzeitig Beruf. Welche psychischer Druck bei Profisportlern durch die Absagen wegen der Corona-Pandemie  entsteht und wie Hobbysportler motiviert bleiben, darüber haben wir mit dem Sportpsychologen Norbert Hagemann gesprochen.

Sport. Während manche Sport theatralisch als Mord bezeichnen, ist es für viele Hobby oder gar Beruf. Für etliche nordhessische Sportler ist die Saison vorbei. Welche psychischen Auswirkungen haben die Pause und die vielen Absagen schon jetzt auf die Sportler? Wie man trotzdem motiviert bleibt und wie wichtig psychische Hilfe nun sein kann, erklärt Professor Dr. Norbert Hagemann von der Universität Kassel.

EXTRA TIP: Spielzeiten in vielen Sportarten sind schon abgesagt. Athleten können nicht an Wettbewerben teilnehmen, für die sie sonst bezahlt werden. Viele fühlen sich um ihre Saison gebracht, für die sie hart gearbeitet haben. Wie wirkt sich diese Situation psychisch auf einen Athleten aus?

Prof. Norbert Hagemann: Diese Situation ist für viele Sportlerinnen und Sportler sicherlich sehr belastend. Es ist derzeit oft nicht klar, wann und wie die nächsten Wettkämpfe bestritten werden können. Außerdem stehen Trainingsstätten wie Schwimmhallen und Fitnessräume nicht wie gewohnt zur Verfügung. Deshalb können wir davon ausgehen, dass viele Sportler einer erhöhten Unsicherheit ausgesetzt sind, die auch psychische Auswirkungen haben kann. Die Auswirkungen hängen grundsätzlich von der Persönlichkeit des Sportlers ab und zusätzlich von der individuellen Situation. Hier spielt unter anderem die Sportart eine Rolle, aber auch wie stark die Person im Sportsystem eingebunden ist. Überwiegt bei den Sportlern die Existenzangst oder die Frustration, gesteckte Ziele nicht erreichen zu können? Das kann sicherlich nur individuell beantwortet werden. Es ist davon auszugehen, dass die Absage von Wettkämpfen für viele Sportler zunächst negative Emotionen hervorruft. Ob sich daraus Existenzängste entwickeln, hängt zum einen von der finanziellen Absicherung der Athleten ab und zum anderen vom sozialen Unterstützungssystem. Deshalb kommt auf professioneller Ebene den Sportpsychologen derzeit eine besondere Bedeutung zu. Sie können als Ansprechperson fungieren und Hilfestellung in der Unsicherheit anbieten.

Professor Dr. Norbert Hagemann.

Was kann man gegen Angstgefühle oder Frust tun? 

Wichtig ist, dass die Sportler nicht alleine gelassen werden. Sie brauchen Ansprechpartner mit denen sie sich austauschen und ihre Sorgen besprechen können. Das soziale Unterstützungssystem in Form von Familie und Freunden, aber auch des Vereins ist sicherlich sehr wichtig. Hin und wieder ist es auch ratsam, sich durch Ablenkung oder Entspannungstechniken von seinen Sorgen und Ängsten bewusst zu distanzieren. Es ist wichtig, dass das Grübeln unterbrochen wird und Emotionen reguliert werden.

Ein Blick zurück: Bauer-Hattrick, Tabellenführung und KSV-Sieg gegen Darmstadt 98

Sein zweiter Treffer an diesem Abend: Löwe Thorsten Bauer erzielte beim 3:0-Sieg gegen Darmstadt 98 einen Hattrick. © Soremski
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Ist es für einen einzelnen Athleten einfacher mit der Situation umzugehen, weil dieser schon immer für sich selbst verantwortlich war, oder für eine Mannschaft, die schwierige Phasen auch während einer Saison als Team überstehen muss? 

Für beide Gruppen ist diese Situation eine besondere Herausforderung. Ich kann mir gut vorstellen, dass den Mannschaftssportlern, die jetzt verstärkt individuell trainieren, das soziale Miteinander fehlt. Individualsportler trainieren auch oft in Gruppen, weshalb es für sie nicht pauschal einfacher ist. Außerdem sind sie von der Schließung der Sportanalgen genauso betroffen. Nichtsdestotrotz ist es in der momentanen Situation zum Beispiel für Läufer einfacher, da die Sportart mehr oder weniger wie zuvor ausgeübt werden kann.

Nicht jeder verdient mit seinem Hobby Geld. Wie kann sich jetzt zum Beispiel ein Hobbyläufer motivieren, obwohl sein Marathon abgesagt wurde? 

Für die Motivation von leistungsorientierten Hobbyläufern ist es wichtig, dass sie sich so schnell wie möglich eine neue Herausforderung suchen und sich neue Ziele stecken. Oft reicht es aus, wenn ein Termin für einen Marathon im Herbst gefunden werden kann. Teilweise stehen die Termine ja auch schon fest, wenn der Wettkampf „nur“ verschoben wurde. Motivierend könnten jetzt auch Laufwettkämpfe sein, bei denen man sich beim Laufen direkt virtuell miteinander vergleichen kann oder die Tracking-Daten später mit anderen teilt. Für gesundheitsorientierte Hobbyläufer und die gerade anfangen, sollte es darum gehen, Spaß zu haben und das Laufen zu genießen. Hierfür ist es wichtig, nicht zu schnell zu laufen und wenn möglich, die Umgebung achtsam und bewusst wahrzunehmen.

Wie man sich mit ein paar Übungen fit halten kann zeigt MT Melsungen-Physio Dr. Florian Sölter

Kann man gestärkt aus so einer Phase kommen? Mental und auch körperlich? 

Athleten kennen schwierige Situationen. Jeder hat schon unnötige Niederlagen erlebt und sich Sportverletzungen zugezogen. Die meisten kommen sehr gut damit zurecht und haben auch gelernt, mit schwierigen Situationen umzugehen. Dies könnte jetzt ein Vorteil sein, auch diese Krise gut zu überstehen. Neben der Stärkung der mentalen Widerstandskraft, der Resilienz, könnte auch die Arbeit an Schwachpunkten, wie muskuläre Dysbalancen, helfen, möglichst gestärkt aus dieser Phase herauszukommen.

Klinge mit Doppelpack: Als die Kassel Huskies die Towerstars im Halbfinale vermöbelten

Traf damals doppelt beim 7:1-Erfolg seiner Huskies im Halbfinale: Der damalige Kapitän und heutige Teammanager Manuel Klinge. © Soremski
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Zum Schluss noch ein Tipp vom Experten: Wie kann man sich jetzt fit halten? 

Ich würde empfehlen, so oft es geht die Wohnung für körperliche Aktivitäten zu verlassen. Hier bieten sich Joggen, Walken oder Radfahren an. Hierdurch kann neben dem Herz-Kreislaufsystem auch noch das Immunsystem gestärkt werden. Das Ausdauertraining könnte man idealerweise mit Kraft- und Dehnübungen zum Beispiel an einer Parkbank verbinden. Wichtig dabei ist, sich nicht zu überfordern. Denn nur wenn man sich dabei gut fühlt, wird man geneigt sein, diese Aktivität zu wiederholen. Außerdem gibt es viele Online-Fitnessangebote und Livesessions, mit denen man sich zu Hause fit halten kann.

Und Sie persönlich? 

Ich halte mich mit Mountainbike fahren fit. Das ist für mich ein idealer Ausgleich zur Bildschirmarbeit im Homeoffice, weil ich gerne in der Natur bin und dabei mit entsprechendem Abstand auch zu zweit unterwegs sein kann.

Zur Person

Prof. Dr. Norbert Hagemann ist seit 2009 Professor für das Fachgebiet „Sportwissenschaft mit dem Schwerpunkt Sportpsychologie“ an der Universität Kassel. Er studierte in Kiel die Fächer Sportwissenschaft, Psychologie und Pädagogik. Hagemann hat Handball gespielt und war vor seiner Professur in Kassel am Institut für Sportwissenschaft der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster tätig.

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