Windiger Job: Es zieht unten, oben, rechts und links

Willingen. Höhenangst darf man in diesem "Job" nicht haben. Die hat Christoph Bangert auch nicht. "Ich bin schwindelfrei, mich könnte

Willingen. Höhenangst darf man in diesem "Job" nicht haben. Die hat Christoph Bangert auch nicht. "Ich bin schwindelfrei, mich könnte man auch als Dachdecker auf jedes Dach schicken", schmunzelt de 44-Jährige.

Der waschechte Willinger fungiert beim großen Weltcup-Skispringen auf der Mühlenkopfschanze schon seit mittlerweile 27 Jahren als ehrenamtlicher Starter. So die offizielle Bezeichnung des Internationalen Skiverbandes (FIS) für den Mann, der die Skispringer oben am Anlauf vom Balken lässt. Dabei steht er stets in engem Kontakt mit Miran Tepes, dem Assistenten von Sprunglaufdirektor Dr. Walter Hofer, der bei allen Weltcups weltweit das Sagen an den Schanzen hat. Bangert sagt Tepes die Startnummer des nächsten Springers über Funk an. Wenn der Sportler nach Überprüfung der Ausrüstung startklar ist, funkt der Starter "Springer bereit" in den Juryturm. Dann geht die Ampel zumeist schnell auf grün, innerhalb der nächsten zehn Sekunden fährt der Springer los.

Dieser Vorgang wiederholt sich von Beginn des Weltcups bis zum Ende einige hundert Mal. Am höchsten Punkt der Mühlenkopfschanze, die vom Scheitel bis zur Sohle 156 Meter misst und damit fast auf den Punkt so hoch ist wie der Kölner Dom (157,38 Meter), hält sich Bangert beim Weltcup an allen drei Tagen auf. Manchmal sind es bis zu sechs Stunden, so dass der Starter froh ist, mit Thomas Arendt und einigen Nachwuchskräften zuverlässige freiwillige Helfer des SC Willingen an seiner Seite zu haben. "Oben auf der Schanze pfeift der Wind schon ganz schön, es zieht von unten, von oben, von rechts und von links", berichtet der Gemeindeangestellte von eisigen Erfahrungen. Kleidungstechnisch hilft das Zwiebelprinzip gegen die Kälte, viele Schichten, die nach getaner Arbeit schnell runter kommen, wenn zuhause die heiße Dusche wartet. Nach ein paar Minuten unter dem warmen Wasser kehren die Lebensgeister zurück.

Einst war Bangert selbst als Skisringer aktiv und wurde in den 80er Jahren von Heinrich Göbel trainiert. Auch auf der Mühlenkopfschanze ist er gesprungen, 1986 sogar im Europacup mit dem legendären Schnabelski, der eine besonders weite Vorlage beim Sprung ermöglichte. Aus diesem Grund schätzt er den japanischen Dauerbrenner Noriaki Kasai besonders. "Der liegt fast so auf dem Ski wie ich früher", kneift Bangert bei dieser kecken Aussage ein Äuglein. Die Ski-Club-Freunde kennen ihn dafür, dass der Vorsitzende des heimischen Schützenvereins um keinen Spruch verlegen ist.

Mit seinen 40 Jahren ist Kasai der Oldie im Weltcup. Aber auch deutsche Skisprung-Asse wie Dieter Thoma, Jens Weißflog und Gerd Siegmund hat Bangert genauso wie Janne Ahonen bei seinem legendären Schanzenrekord von 152 Metern im Januar 2005 vom Balken gelassen.

Eine großartige Kommunikation gibt es so kurz vor dem Sprung natürlich nicht mehr. "Die Athleten sind in dem Moment voll und ganz auf sich selbst fixiert", erzählt der Starter. Nur im Springerlager wird das eine oder andere Wort in entspannter Atmosphäre gewechselt, denn die Skispringer verstehen sich trotz aller Konkurrenz gut untereinander. "Mut müssen sie haben, sonst könnten sie sich nicht vom Schanzentisch weg mit über 90 Sachen in die Tiefe stürzen", so Christoph Bangert. Vor seiner Zeit soll es mal einen Athleten gegeben haben, den kurz vor dem Absprung der Mut verlassen hat. "Er ist kurz vor dem Schanzentisch in den Wald abgebogen", versichert Bangert glaubhaft, dass er es nicht wahr. Heute wäre dies bei der fest installierten Anlaufspur gar nicht mehr möglich. Es gibt nur den Weg nach vorn.

Als der Starter vor 27 Jahren diese wichtige Aufgabe übernahm, war er zwar bereits ausgebildeter Kampfrichter, aber mit erst 17 Jahren benötigte er eine Sondergenehmigung. Und deshalb stand damals Kampfrichter-Anwärter in seinem offiziellen Ausweis des Hessischen Skiverbandes (HSV). Den Ausweis hat er heute noch, das Wort Anwärter ist mittlerweile gestrichen.

Nach einer so langen "Amtszeit" als Starter gibt es natürlich auch Amüsantes zu berichten. "Einmal mussten wir noch auf der alten Mühlenkopfschanze mit den Luken weit runter, da stand aber ein störendes Kamerapodest", erinnert sich Bangert. "Das haben wir dann kurz entschlossen mit der Motorsäge abgesägt und den Kameramann in einem Rettungsgeschirr der Bergwacht an den Turm gehängt." Leider war der Kameramann nicht schwindelfrei…

Auf das Weltcup-Skispringen vom 8. bis 10. Februar freut sich Christoph Bangert trotz der bevor stehenden kalten Füße sehr. "Es ist immer wieder ein tolles Erlebnis mit Super-Stimmung und Gänsehaut pur an der Mühlenkopfschanze, wenn ich von ganz oben auf die Tausenden deutscher Fans und das schwarz-rot-goldene Fahnenmeer schaue", sagt der Starter. Er hat vom "Willinger Skisprung-Dom" exakt denselben Blick wie die besten "Adler" der Welt. Nur der Weg zurück ins Tal ist ein anderer. "Und das ist gut so", so Christoph Bangert abschließend.

Von Dieter Schütz

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