Gendefekt löst Krankheit aus

Krebs-Drama um Ex-Ski-Star Michaela Gerg - „Diagnose wie ein Todesurteil“

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Der ehemalige Skistar Michaela Gerg.

Michaela Gerg steckte als Skiprofi viel weg. Aber die große Prüfung kam erst nach der aktiven Karriere: Diagnose Schilddrüsenkrebs – und auch ihr Sohn trägt den Defekt in sich.

MünchenSie lebte ein Leben am Limit. Als Ski-Rennläuferin stürzte sich Michaela Gerg die steilsten Pisten hinunter. Mit 120 Sachen, ohne Airbag. „Ich bin nicht immer heil im Ziel angekommen“, erinnert sich die 53-Jährige. Trotzdem hat sie es wieder und wieder getan, sich von der Gefahr nie einschüchtern lassen. Wie sich echte, existenzielle Angst anfühlt, erfuhr sie erst nach ihrer Karriere, als ihr der Arzt eröffnen musste, dass sie an Schilddrüsenkrebs leidet. „Diese Diagnose hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Ich habe sie wie ein Todesurteil empfunden.“

Michaela Gerg: Schilddrüsenkrebs - Diagnose mitten in der Schwangerschaft

Die Diagnose traf Gerg, damals 31 Jahre jung, mitten in einer ohnehin aufwühlenden Lebensphase: Während ihres dritten Schwangerschaftsmonats war ihre Mama Elisabeth mit 61 an Schilddrüsenkrebs gestorben – einer Tumorart, die vergleichsweise häufig vererbt wird. Auf Anraten der Ärzte ließ sich die junge Mama wenige Monate nach der Geburt ihres Sohnes Matthias untersuchen. Das niederschmetternde Ergebnis versetzte sie in eine „Stockstarre“ – beim Gedanken daran kämpft sie auch zwei Jahrzehnte später mit den Tränen: „Ich wusste einfach nicht, wie ich mit der Diagnose umgehen soll.“

Doch dann setzte Gerg dem Krebs etwas entgegen, das erfolgreiche Leistungssportler ebenfalls in ihrer DNA haben: die Fähigkeit, sich ein klares Ziel zu setzen und sich auf dem Weg dorthin von nichts und niemandem abbringen zu lassen: „Mein Ziel war es, weiter eine Mutter für meinen Sohn sein zu können.“ Aus diesem Antrieb heraus legte sie sich sofort unters Messer.

Michaela Gerg: Für ihren Sohn legte sie sich sofort unters Messer

Im Sollner Krankenhaus Martha Maria entfernten die Ärzte die komplette Schilddrüse sowie die angrenzenden Lymphknoten aus dem Hals. Außerdem verpflanzten sie die benachbarten Nebenschilddrüsen an den Unterarm, um im Falle einer Wiederkehr der Erkrankung nicht erneut am Hals in der Nähe des tückischen Narbengewebes und der Stimmbandnerven operieren zu müssen.

Die vier Nebenschilddrüsen sind kaum größer als eine Erdnuss, aber lebenswichtige Organe. Sie produzieren das sogenannte Parathormon, das den Kalzium- und Phosphatstoffwechsel reguliert. Diese beiden Mineralien sind unter anderem wichtig für die Knochen. Kalziummangel kann darüber hinaus zu heftigen Muskelkräften, Atemnot und sogar zu einer Pfötchenstellung der Hände führen.

OP verlief glimpflich: Michaela Gerg vom Schilddrüsenkrebs geheilt

Michaela Gerg blieben solche Komplikationen erspart. Die verpflanzten Nebenschilddrüsen funktionieren. Um ohne Schilddrüse leben zu können, muss sie täglich Tabletten nehmen, genauer gesagt das Hormon Thyroxin. Es ist unersetzlich, beeinflusst praktisch alle wichtigen Körperfunktionen – vom Stoffwechsel über das Herz-Kreislaufsystem, die Arbeitsweise von Magen und Darm sowie Nerven und Muskeln.

Lesen Sie dazu: Ein Kloßgefühl beim Schlucken oder eine tastbar vergrößerte Schilddrüse zählen zu den Warnzeichen, die auf Schilddrüsenkrebs hinweisen können. Welche Symptome Sie noch ernst nehmen sollten.

„Ich hatte gleich in mehrfacher Hinsicht großes Glück“, erinnert sich die 53-Jährige. „Nach Einschätzung der Ärzte hätte es nicht mehr lange gedauert, bis der Tumor streut. Sie haben ihn offenbar gerade noch rechtzeitig erwischt.“ Zudem konnten die Mediziner in Gergs Fall auf Chemotherapie und Bestrahlung verzichten. Trotzdem ließ der Krebs die Patientin noch viele Jahre lang nicht los – mehr noch: Er hielt ihre ganze Familie als Geiseln. Sowohl ihr Bruder als auch ihre damals achtjährige Nichte erkrankten an Schilddrüsenkrebs. Beide konnten ihn Gott sei Dank besiegen.

Schocknachricht für Michaela Gerg: Sohn trägt Gendefekt in sich - schwere Entscheidung

Als Mama bedeutete für Gerg besonders die Sorge um ihren Sohn Matthias die Hölle. Die Familie ließ ihn ebenfalls auf den Gendefekt, der das Schilddrüsenkarzinom verursacht, testen. Ergebnis: Auch Matthias trägt den Defekt in sich. „Wir haben uns dann vor seiner Einschulung schweren Herzens dazu entschieden, seine Schilddrüse vorsorglich entfernen zu lassen“, erzählt Michaela Gerg.

Ein radikaler Eingriff, der allerdings bei solchen seltenen Gendefekten der einzige effektive Schutz vor der Krebserkrankung ist. In der öffentlichen Wahrnehmung ist diese Strategie spätestens seit der Entscheidung von Hollywood-Star Angelina Jolie präsent. Sie ließ sich wegen des „Brustkrebsgens“ BRCA1 Brüste und Eierstöcke entfernen. Die Wahrscheinlichkeit, an Brust- oder Eierstockkrebs zu erkranken, lag in Jolies Fall bei 50 bzw. 87 Prozent. Die Schauspielerin hat die Eingriffe gut überstanden.

Michaela Gerg: „Der Krebs hat mich zu einem anderen Menschen gemacht“

Auch Gergs Sohn Matthias, heute 22, ist gesund. „Ich bin dankbar dafür, dass es uns allen heute gut geht“, sagt Michaela Gerg. Sie hat auch ihr Liebesglück wieder gefunden, nachdem ihre Ehe mit dem österreichischen Trainer Christian Leitner an der Krankheit und ihren Folgen zerbrochen war. „Der Krebs hat mich zu einem anderen Menschen gemacht. Ich habe nach der Operation darüber nachgedacht, was falsch läuft in meinem Leben und was ich ändern kann.“

Seitdem sieht sie den Alltag aus einer neuen Perspektive: „Man sollte die kleinen Momente des Alltags schätzen, einen warmen Sonnenstrahl zum Beispiel oder das Lächeln eines Kindes. Ich lege bewusst Pausen ein, um neue Energie zu tanken“, sagt die frühere Speed-Königin. „Denn durch den Krebs habe ich gelernt, dass es im Leben Wichtigeres gibt als Geschwindigkeit. Das Wichtigste ist, jeden Morgen gesund aufzustehen.“ Michaela Gerg ist heute nicht nur gesund sondern betreibt nebenbei auch eine eigene Skischule. Zudem gründete sie eine Stiftung, die auch Menschen mit geringem Budget den Eintritt in die Welt der Skifahrer öffnen soll. 

Ein anderes Drama ereignete sich kürzlich ebenfalls in München: Acht Stunden lang suchten die Eltern nach einem Intensivkrankenbett für ihr Töchterchen Frieda. Zweimal wurden sie in München abgewiesen. Hilfe bekam das Baby in Augsburg.

Video: Neuer Test zur Früherkennung von Krebs wird als Durchbruch gewertet

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