Afrika-Äußerungen

Schalke-Chef Tönnies: Selfmade-Milliardär massiv unter Druck

Muss sich vor dem Schalker Ehrenrad erklären: Vorstandsboss Clemens Tönnies. Foto: Ina Fassbender
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Muss sich vor dem Schalker Ehrenrad erklären: Vorstandsboss Clemens Tönnies. Foto: Ina Fassbender

Auf Schalke ist Clemens Tönnies der starke Mann und seit Jahren die einzige Konstante. Unumstritten war der Aufsichtsratschef nie. Die Kritik an seinen Aussagen über Afrikaner ist heftig. Rassismus oder Unbedachtheit? Die Entscheidung liegt nun beim Schalker Ehrenrat.

Gelsenkirchen (dpa) - Schalkes Aufsichtsratschef Clemens Tönnies gerät angesichts der Rassismus-Vorwürfe gegen ihn aus Politik und Sport immer stärker in Erklärungsnot.

Die Kernfragen vor seiner Anhörung vor dem Ehrenrat des Fußball-Bundesligisten am Dienstag lauten: Steckt hinter den Aussagen des mächtigsten Mannes des Vereins eine ausländerfeindliche oder rassistische Grundhaltung? Oder handelt es sich um unbedachte und inakzeptable Äußerungen, deren Wirkung der der 63 Jahre alte Fleischfabrikant sich erst nach der hereinbrechenden Welle der Empörung und Kritik bewusst wurde?

Das zu bewerten, ist nun die schwierige Aufgabe des Schalker Ehrenrats und später auch der DFB-Ethikkommission. Das fünfköpfige Gremium des Traditionsclubs will sich mit dem Thema schnell befassen. "Man wird das nicht tagelang aufschieben. Clemens Tönnies war sofort bereit zu kommen und sich vor dem Ehrenrat zu erklären", sagte Anja Kleine-Wilde, Leiterin der Schalker Unternehmenskommunikation, der Deutschen Presse-Agentur.

Der Chef der Tönnies-Unternehmensgruppe mit Sitz im ostwestfälischen Rheda-Wiedenbrück und einem Jahresumsatz von mehr als sechs Milliarden Euro hatte beim Tag des Handwerks in Paderborn als Festredner Steuererhöhungen im Kampf gegen den Klimawandel kritisiert. Stattdessen solle man lieber jährlich 20 Kraftwerke in Afrika finanzieren. "Dann würden die Afrikaner aufhören, Bäume zu fällen, und sie hören auf, wenn’s dunkel ist, Kinder zu produzieren", sagte Tönnies. Für die Äußerungen hatte er sich später entschuldigt.

Doch die Sätze waren in der Welt. "Deplatziert", "primitiv", "rassistisch" seien die Äußerungen, heißt es. Nach DFB-Interimschef Reinhard Rauball zeigte sich auch der DFB-Integrationsbeauftragte Cacau betroffen: "Mich haben die verächtlichen Worte von Clemens Tönnies schockiert, und je länger ich darüber nachdenke, desto unvorstellbarer wird es, dass ein Mann seiner Position und Erfahrung so generalisierend und abfällig über die Bevölkerung eines ganzen Kontinents spricht."

Dass auch der loyale und von Tönnies geförderte Schalker Ex-Nationalspieler Gerald Asamoah, in Ghana geboren, seinen Boss öffentlich harsch angeht, verwundert selbst Insider. Schließlich ist der 40-Jährige als Manager des U23-Teams ein Club-Angestellter. Er sei "sehr überrascht, geschockt und auch verletzt", hatte Asamoah auf Twitter geschrieben und Konsequenzen gefordert: "Er beleidigt mich und alle anderen Betroffenen. Das können wir nicht dulden."

FDP-Vize Wolfgang Kubicki bezeichnete die Aussagen als "drastisch", aber zulässig. Der Bundestagsvizepräsident sagte, die Darstellungen von Tönnies seien "vielleicht auch notwendig" gewesen, "um auf ein Riesendilemma der selbst ernannten Klimaaktivisten hinzuweisen. 1972 leben circa 4,5 Milliarden Menschen auf der Erde, heute sind es circa 7,5 Milliarden, die ernährt, untergebracht, beschäftigt werden und deren Mobilitätsbedürfnisse sicher nicht geringer sein werden als heute." 2100 seien es möglicherweise zwölf Milliarden Menschen.

Der 67-Jährige sagte "tagesspiegel.de", er verteidige "nicht den Ton der ziemlich drastischen Aussage von Clemens Tönnies. Das tut er ja selbst auch nicht. Ich verteidige die Meinungsfreiheit und wende mich gegen die moralische Impertinenz, mit der sofort die öffentliche Verfolgung bis hin zur Existenzvernichtung aufgenommen wird. Tönnies hat ein gravierendes Problem der Klimadiskussion benannt, das tatsächlich einer dringenden Beantwortung bedarf."

Ohne Konsequenz dürften und werden die Tönnies-Aussagen wohl kaum bleiben. Allein schon wegen der öffentlichen Wirkung der Worte müssen sie laut Satzung als vereinsschädigend eingestuft werden. Ganz zu schweigen von einem groben Verstoß gegen die im Schalker Leitbild ("FC Schalke 04. Wir leben dich.") seit 2012 verankerten Grundsätze.

Dass Tönnies das Leitbild mitentwickelte, macht seine Aussagen noch unverständlicher. "Von uns Schalkern geht keine Diskriminierung oder Gewalt aus. Wir zeigen Rassismus die Rote Karte und setzen uns aktiv für Toleranz und Fairness ein", heißt es dort.

Zwar kann auch der dreiköpfige Schalke-Vorstand mit Alexander Jobst (Marketing), Peter Peters (Finanzen) und Jochen Schneider (Sport) Sanktionen verhängen. Doch der Ehrenrat müsste diese dann auch überprüfen. Mögliche Strafen reichen von "Verwarnung" und Verweis" bis zur "Enthebung aus Vereinsämtern auf Zeit und Dauer".

Wer sein Leben und Wirken auf Schalke verfolgt, weiß, dass Tönnies vor allem der Club am Herzen liegt. Und er hängt nicht aus Eitelkeit an seinem Amt, sondern aus Überzeugung. "Wenn man mich nicht mehr haben will, dann höre ich auf", sagte er schon häufig.

Tönnies ist niemand, der jedes Wort sorgfältig abwägt. Zuweilen klopft er Sprüche und wundert sich später über die Wirkung. Dem Ehrenrat dürfte es nicht leicht fallen, ein für alle befriedigendes Urteil zu fällen. Dass Tönnies selbst den Rückzug antritt, ist eine denkbare Variante.

Weitreichende Folgen hätte sein Aus für den Club auf jeden Fall. Er sitzt seit 1994 im Aufsichtsrat, seit 2001 ist er dessen Vorsitzender. Unter anderen fädelte er den Sponsoren-Deal mit dem russischen Energiekonzern Gaszprom ein. Schalke 04 ist sportlich derzeit im Umbruch - mit Tönnies würde die bedeutende Konstante des Vereins wegbrechen.

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