Andere Länder machen es vor

„Zero-Covid“: Renommierte Wissenschaftler stellen Plan vor - In drei Stufen zum „Sommer des Jahrhunderts“?

In der Corona-Pandemie haben viele Länder eigene erfolgreiche Ansätze entwickelt, das Virus einzudämmen. Drei Experten stellen einen Drei-Stufen-Plan vor, der auch in Deutschland greifen könnte.

  • Während der Pandemie stachen Länder wie Australien oder Neuseeland mit einer erfolgreichen Virus-Eindämmung heraus.
  • Drei führende Wissenschaftler zeigen anhand eines Drei-Stufen-Plans, wie dies in Deutschland gelingen könnte.
  • Priorität muss es sein, die Corona*-Infektionszahlen mit aller Macht auf Null zu drücken.

Köln - Der zweite Lockdown* hat die Corona-Infektionsgeschehen in Deutschland nicht einschneidend verändert, Politiker und Experten fordern strengere Maßnahmen. Mit dem US-amerikanischen Pandemie-Experten Yaneer Bar-Yam, dem australischen Gesundheitsökonom Stephen Duckett sowie den Physiker Dr. Matthias F. Schneider von der TU Dortmund fassten drei der führenden Experten gegenüber t-online.de zusammen, mit welchen Schritten die Krise bewältigt werden kann.

Coronavirus: Experten fordern strengere Maßnahmen - „Von Ländern lernen, die es geschafft haben“

Den Experten ist der momentane Lockdown in Deutschland nicht streng genug, der Blick geht darum ins Ausland. Anderorts ist es bereits gelungen, das Virus weitestgehend einzudämmen. „Das Ende der Krise ist möglich“, schreiben die Wissenschaftler, man müsse nun „möglichst schnell von den Ländern, die es geschafft haben, lernen“. Andere Länder konnten mit harten Lockdowns nachweisbar die Infektionszahlen* verringern, nun müsse man diese „Strategie so weit wie möglich übertragen“.

Um keinen weiteren Lockdown zu riskieren, müsse ein Zustand erreicht werden, in dem neue Fälle bestenfalls von außen kommen. Innerhalb der Zonen eines Virusausbruchs müsste laut der Experten früher und konsequenter gehandelt werden, lokale Maßnahmen bedeuten weniger Aufwand.

Coronavirus in Deutschland: „Zero Covid“ voller Erfolg in Australien und Neuseeland - zum Ziel mit Belohnungs-System?

Zahlreiche asiatische Länder wie etwa die Mongolei, Vietnam, Singapur, Kambodscha oder Thailand hatten im Sommer vergleichsweise kleine Fallzahlen und somit auch den „besten Langzeitschutz vor Ausbrüchen“. Die Erklärung der Wissenschaftler ist simpel: wo wenig bis keine Übertragung stattfindet, sind Superspreader-Events unwahrscheinlich. Diese seien für den Großteil der Infektionen verantwortlich. Viele 100 Millionen Menschen auf der Welt leben somit dauernd mit geringen Corona-Zahlen.

In Australien und Neuseeland ist das Vorhaben „Zero Covid“ erfolgreich geglückt, die Wissenschaftler machen dafür eine klare Exit-Strategie verantwortlich. Diese habe innerhalb der Bevölkerung den Willen entwickelt, die Null zu erreichen. Besonders in Australien feierte man dank transparenter Kommunikation mit dem Volk gepaart mit einem Belohnungs-System für niedrige Zahlen große Erfolge. Sobald entsprechende Grenzen erreicht wurden, wurden auch die Maßnahmen systematisch gelockert. Diese Taktik könnte auch in Deutschland angewandt werden, wie die Experten schreiben.

Corona-Bekämpfung in Deutschland: Experten präsentieren Drei-Stufen-Plan

Die Wissenschaftler stellen einen Drei-Phasen-Plan vor, um die Schritte bis zum Zero-Covid-Leben darzustellen.

Der Fokus der ersten Phase liegt darin, so schnell wie nur möglich auf Null zu kommen. Da dies aufgrund der Größe eines Gebiets nicht immer einfach ist, müsse man kleinere Ziele ausrufen. So könne ein Kreis innerhalb weniger Wochen bei Null sein, ein „Wettlauf zur Null“ sollte die Bevölkerung anspornen. Länder wie Belgien oder Israel schafften es den Experten zufolge, ihre täglichen Neuinfektionen zwischenzeitlich auf über zehn Prozent zu verringern. Weitere Maßnahmen in Deutschland, wie etwa striktere Regeln an Grenzen oder Quarantäne-Unterkünfte in Hotels für Pendler sollten großflächig umgesetzt werden.

In der zweiten Phase sollte man Gebiete, die frei vom Virus sind, dauerhaft schützen. Sollte der Zustand ohne lokale Übertragungen zwei Wochen anhalten, so ist dies auch bei benachbarten Gebieten der Fall. Man könnte somit den soganennten „Green-Zone-Status“ erreichen und zur Normalität zurückkehren. Dafür muss jedoch weiter flächendeckend getestet werden, eine Kontakt-Nachverfolgung wäre in dieser Phase wieder möglich.

Corona-Eindämmung: Steht einigen Ländern ein „Sommer des Jahrhunderts“ bevor?

Die dritte und letzte Phase gilt der beständigen Erweiterung der „Green Zone“, so könnten beispielsweise Reisekorridore mit anderen virenfreien Gebieten entstehen. So könnte besonders der Tourismussektor wieder das Geschäft aufnehmen. Sollte ein solcher Tourismus entstehen, wäre dies zusätzliche Motivation für die Bevölkerung von „Red Zones“, die Zahlen weiter in RIchtung Null zu treiben.

„Wenn wir es richtig machen“, so die Experten, „ist das jetzt der letzte Lockdown und wir feiern den Sommer des Jahrhunderts 2021.“ Dazu gehören „Zero-Covid-Konzerte und Zero-Covid-Fußball“, so wie es in Australien derzeit vorgemacht wird.

Die drei Wissenschaftler:

  • Stephen Duckett ist langjähriger Gesundheitsökonom und Professor für Gesundheitspolitik. Der Australier ist außerdem Direktor der Abteilung für Gesundheit im Grattan Institute, der Regierung half er in politischen Entscheidungen. Er war einer der Vorreiter für die Pandemie-Bekämpfung in seiner Heimat.
  • Yaneer Bar-Yam ist ein US-amerikanischer Physiker und Systemwissenschaftler, der vor allem als Gründungspräsident des New England Complex Systems Institute bekannt ist. Er beschäftigt sich seit 15 Jahren intensiv mit Pandemien und war bei Ebola-Ausbrüchen in Westafrika im Kongo als Berater für die Regierung tätig. Er gründete das Wissenschaftler-Netzwerk EndCoronavirus.org.
  • Dr. Matthias F. Schneider ist Leiter der Abteilung Medizinische und biologische Physik an der TU Dortmund, wo er sich mit der Physik lebender Systeme befasst. Er ist ebenfalls bei EndCoronavirus.org engagiert, außerdem betätigt er sich am Stufenplan-Konzept ‚WellenbrecherJetzt ZeroCovid‘.

(ajr) *Merkur.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

Rubriklistenbild: © imago images / AAP

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