Unterschiede in Ländern 

Coronavirus-Zahlen in Deutschland steigen rasant: Verzerrt eine wenig beachtete Zahl die Statistik?

23.03.2020, Coronavirus-Fälle in Deutschland
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23.03.2020, Coronavirus-Fälle in Deutschland

Das Coronavirus breitet sich weiter aus. Auch in Deutschland steigen die Fallzahlen rasant. Allerdings wird eine Zahl oftmals zu wenig beachtet.

München - Wenn regionale Gesundheitsämter, nationale Institute oder etwa die Johns-Hopkins-Universität in den USA neue Zahlen zur Ausbreitung des Coronavirus veröffentlichen, dann sind es meist drei Angaben, auf die sich aller Augen richten: die Zahl der Neuinfektionen, die Zahl der Verstorbenen und die Zahl der Genesenen. Eine Angabe wird oft nicht explizit dazu geschrieben: Wie viele Tests wurden überhaupt durchgeführt? 

Coronavirus - Fallzahlen: Darum ist die Zahl der Tests ausschlaggebend

Steigen die Fallzahlen plötzlich an - wie etwa für Deutschland Anfang März - dann wirkt das auf den ersten Blick wie ein drastischer Anstieg der Infektionen. Doch der Hintergrund muss im Zusammenhang gesehen werden: Auch die Anzahl der Testungen kann stark nach oben gefahren worden sein. Genau das war in Deutschland offenbar der Fall.

Daher lassen sich auch internationale Zahlen nicht so einfach vergleichen - in Ländern wie Südkorea wurde stark getestet, sodass die Fallzahlen zwar hoch wirkten, unter den Infizierten aber nur wenige starben und so die Sterblichkeitsrate niedriger wirkte. Andere Extremfälle waren - oder sind - etwa Russland, das aufgrund weniger Tests immer noch auf eine Fallzahl von etwa 2800 kommt (Stand: 1. April, Quelle: Johns-Hopkins-Universität).

Coronavirus - Fallzahlen: Testschemata haben Einfluss

Ein von drei freien Journalisten seit 2020 neu herausgegebenes Onlinemagazin prangert jetzt besonders das Robert-Koch-Institut an. Das Magazin Multipolar, das nach eigenen Angaben bewusst Widersprüche und verschiedene Perspektiven in den Fokus rücken will, blickt nicht nur hinter die Zahl der hohen Fallzahlen, sondern zieht auch noch zwei andere Punkte heran, die ohne genauere Einordnung in die Irre führen können.

So müsse man etwa beachten, dass auch die Entscheidung, wer Vorrang bei Testungen hat, sich in den Zahlen niederschlagen kann - wenn etwa vor allem Menschen aus Risikogruppen statistisch erfasst werden, Infizierte mit eher leichteren Verläufen aber gar nicht in den Testreihen auftauchen.

Coronavirus - Fallzahlen: Sorgt Influenza für Verzerrung?

Darüber hinaus sei kaum bekannt, dass mit den standardmäßigen PPC-Tests nur auf Coronaviren getestet werde - wenn ein Mensch aber nicht nur mit dem Coronavirus, sondern etwa auch mit einem Influenzavirus infiziert sei, sei unklar, worauf schwere Verläufe oder sogar der Tod zurückzuführen seien. In der Statistik tauche der Fall aber nur unter „Coronavirus“ auf, heißt es.

Auf Twitter bekommt der Artikel zwar Zustimmung, scheint aber auch Wasser auf die Mühlen von Menschen zu sein, die eine Verschwörung hinter der Corona-Krise wittern und der Regierung den Entzug von Bürgerrechten vorwerfen. Gegenwind kommt auch von Stimmen, die den Autoren wiederum selbst vorwerfen, die Zahlen nicht genau genug zu lesen: Denn solange nicht alle Menschen immer wieder getestet würden, sei es schlichtweg nicht möglich, klare Aussagen zu treffen.

Einen Ausweg aus dem Dilemma zwischen Testnotwendigkeit und Testknappheit, bieten vielleicht Studien, wie sie der Virologe Hendrik Streek bei Markus Lanz vorstellte.

Übrigens: Das RKI scheint mittlerweile bemüht die Zahl der Corona-Tests, die durchgeführt wurden, auch öffentlich zu machen. Lothar Wieler, der Chef des Instituts sagte etwa in seiner Presse-Konferenz am Dienstag, dass in der vergangenen Woche 350.000 Tests durchgeführt worden seien.

In Bayern soll die Gesundheitsministerin mehr Gas geben - sagt unter anderem Ministerpräsident Markus Söder. Melanie Huml (CSU) ist Ärztin.

*Merkur.de ist Teil des deutschlandweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

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