Kritik an Priorisierung der Impfzentren

Gerangel um Corona-Vakzine: Ärzte fordern Umdenken und sehen nur eine Chance auf „Impfturbo“

Deutschland impft seit einigen Tagen auch in Hausarztpraxen gegen das Coronavirus. Doch die Verteilung der Vakzine ruft Kritik hervor. Experten warnen und fordern ein schnelles Umdenken.

München - Der positive Effekt ist nicht zu übersehen. Seit bundesweit auch die Hausarztpraxen* mit Impfstoffen* versorgt werden, ist die Zahl der täglichen Vakzin-Verabreichungen sprunghaft angestiegen. Lag die Höchstzahl zuvor bei knapp 370.000, wurden am 8. April - dem bisherigen Rekordtag - fast 725.000 Menschen in Deutschland* geimpft.

So ging es seither leider nicht weiter, nur noch an zwei der folgenden Tage wurde die 500.000-Marke übersprungen. Was zum einen am Wochenende gelegen haben dürfte. Aber auch an geringerer Verfügbarkeit der Anti-Corona*-Wirkstoffe. Denn noch immer geht der Großteil nicht an die Praxen, sondern in die um den Jahreswechsel eiligst aus dem Boden gestampften Impfzentren.

Corona-Impfungen in Praxen: Online-Petition für ein Umdenken bei der Vakzin-Verteilung

Dieses Vorgehen ruft unter Ärzten heftige Kritik* hervor. Sie sind sicher: Das Impftempo im Land könnte bei einer Verteilung zu ihren Gunsten deutlich erhöht werden. Deshalb hat die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Baden-Württemberg eine Online-Petition unter dem Titel „Covid*-Impfungen in die Arztpraxen verlagern - Impfturbo einschalten“ gestartet. Die Unterstützung ist jedoch überschaubar: Nach mehr als einer Woche wurden erst rund 1500 Unterschriften gesammelt (Stand: 14. April, 10.30 Uhr). Damit sich die Entscheidungsträger damit auseinandersetzen, müssten es 50.000 sein.

Viele Länder sind ohnehin anderer Meinung, wollen an den Impfzentren festhalten. „Es sollte jetzt nicht darum gehen, Hausarztpraxen und Impfzentren gegeneinander auszuspielen - wir brauchen beide Angebote, um den Impfstoff schnell an die Impfwilligen zu bekommen“, wird eine Sprecherin des Gesundheitsministeriums Baden-Württemberg in der Welt zitiert. Auch in Hessen, Rheinland-Pfalz, Thüringen, Schleswig-Holstein, Sachsen und Berlin soll dem Bericht zufolge weiter in Praxen und Impfzentren immunisiert werden.

Corona-Impfungen in Praxen: Kassenärzte kündigen Vertrag mit Berliner Senat vorsorglich

In der Hauptstadt ist die KV aber in die Offensive gegangen und hat den Vertrag mit dem Senat über die Impfzentren zum Ende April gekündigt. Damit würden den Einrichtungen ab Mai viele Ärzte wegbrechen, da diese überwiegend von der KV gestellt werden. Die Kündigung war wohl eher ein vorsorglicher Schritt, weil sich der Vertrag ansonsten um drei Monate verlängert hätte. Den zuständigen Behörden sei ein angepasster Vertragsentwurf vorgelegt worden - zunächst habe es aber keine Reaktion darauf gegeben.

Die Ärzte monieren vor allem, dass sich in den Impfzentren deutlich mehr Restbestände anhäufen würden. So würde laut Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (Zi) in den Praxen mehr als 99 Prozent des angelieferten Impfstoffes verabreicht, die Impfzentren kämen nur auf 80 Prozent. Der Vorteil der Ärzte liege auf der Hand: Sie könnten schneller impfwillige Patienten kontaktieren. Allerdings lassen sich die Vakzine in den Praxen auch gar nicht so lange lagern wie in den Impfzentren, die zudem Dosen für Zweitimpfungen zurückhalten.

Schneller Pieks in der Praxis: Die Hausärzte verhelfen der Impfkampagne zu mehr Schwung.

Corona-Impfungen in Praxen: „Bund und Länder müssen Klarheit über Verbleib schaffen“

Der Zi-Vorsitzende Dominik von Stillfried fordert in der FAZ mehr Transparenz: „In einigen Ländern oder Impfzentren liegen insgesamt fast vier Millionen Dosen ungenutzt herum. Weil es keine Sendungsverfolgung wie bei der Post gibt, weiß niemand, wo der Impfstoff wirklich ist.“ Seine Forderung: „Bund und Länder müssen Klarheit über den Verbleib schaffen und dann dafür sorgen, dass die Dosen möglichst schnell verimpft werden.“

Mit einem „intelligenten Einsatz der Lagerbestände“ müsse es möglich sein, dass die Praxen mehr Dosen erhalten könnten, „ohne dass die Zentren weniger impfen würden. Das würde einen Impfturbo zünden, den wir angesichts der dritten Welle dringend brauchen.“ Zi-Berechnungen zufolge müsse es in dieser Woche machbar sein, 3,5 Millionen Impfwillige in den Praxen zu impfen. Dafür müsste aber die Priorisierung umgekehrt werden: Bislang lag der Wert der gelieferten Vakzine etwa bei einem Drittel - auch weil den 433 Impfzentren dank eines Corona-Gipfel-Beschlusses wöchentlich 2,25 Millionen Einheiten zustehen.

Bis zum 18. Juli könnten bei einer Verteilung zugunsten der Praxis laut von Stillfried alle impfwilligen und impffähigen Deutschen erstmals geimpft sein. Ein bundesweiter vollständiger Schutz sei demnach bis zum 8. August erreichbar.

Corona-Impfungen in Praxen: BioNTech-Vakzin nun „offensichtlich vorrangig an die Impfzentren“

Auch Andreas Gassen plädiert für eine andere Taktik bei der Verteilung - ihm geht es vor allem um die Herkunft der an die Praxis gelieferten Dosen. „Den Praxen werden in den kommenden Wochen viel weniger BioNTech-Dosen* zugewiesen als versprochen, weil der Impfstoff offensichtlich vorrangig an die Impfzentren geht“, moniert der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) in der Neuen Osnabrücker Zeitung: „Aber das wird so nicht aufgehen.“

Denn an die Praxen werde nun mehr Astrazeneca-Impfstoff* verteilt. Für Gassen ein Fehler mit schwerwiegenden Folgen: „Wenn die Impfzentren komplett den vergleichsweise unproblematischen Impfstoff erhalten, die Praxen aber den umstrittenen, der zumal den unter 60-Jährigen nicht gespritzt werden darf, wird die Impfkampagne massiv ins Stocken geraten. Das darf nicht passieren.“

Vorbereitung für die Impfung: Per Spritze werden die Vakzine verabreicht.

Corona-Impfungen in Praxen: „Hausärzte massiv in der Arbeit eingeschränkt“

So mancher Arzt befürchtet darüberhinaus, das in der Öffentlichkeit wegen seltenen, aber tödlichen Nebenwirkungen in Verruf geratene Vakzin nur schwer an die Frau oder den Mann zu bekommen. „Durch die negative Berichterstattung habe ich das Gefühl, dass ich meinen Patienten saures Bier anbiete. Ich befürchte, dass die Dosen liegen bleiben könnten“, warnt die Berliner Ärztin Irmgard Landgraf laut Welt. Die Folge: „Wir Hausärzte werden dadurch massiv in unserer Arbeit eingeschränkt.“

HNO-Arzt Christian Lübbers aus dem oberbayerischen Weilheim sieht das anders: „Es gibt immer noch genug Patienten, die sich mit Astrazeneca impfen lassen würden.“ Ein Vorteil für die Praxen seien in diesem Zusammenhang die individuellen Beratungsmöglichkeiten.

Corona-Impfungen in Praxen: Privatärzte wollen ebenfalls beteiligt werden

Es wird also deutlich: Bei der Impfstoff-Verteilung gibt es noch Luft nach oben. Ein Gerangel um den Schutz vor Sars-CoV-2 ist längst entbrannt. Auch Privatärzte würden gerne ihren Teil zur Beschleunigung der Impfkampagne beitragen. Allerdings schiebt das Bundesgesundheitsministerium* dem einen Riegel vor. In einer Allgemeinverfügung heißt es, dass „Impfstoffe gegen Covid-19 ausschließlich an die an der vertragsärztlichen Versorgung teilnehmenden Arztpraxen abzugeben“ seien.

Das soll sich aber bald ändern. Christoph Gepp vom Privatärztlichen Bundesverband verdeutlichte laut FAZ: „Unseren Patienten zuliebe würden wir gern impfen, auch wenn die Vergütung in keinem Verhältnis zum bürokratische Aufwand steht.“ Klagen seien vorbereitet, es habe bereits ein Gespräch mit Gesundheitsminister Jens Spahn gegeben. Dem Bericht zufolge bestätigte ein Ministeriumssprecher, dass künftig auch die Privatärzte mit Impfstoff bedacht werden sollen. (mg) *merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

Rubriklistenbild: © Sebastian Gollnow/dpa

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