Falscher Fokus der Politik?

Coronavirus: Deutscher Experte in „Sorge“ - aber nicht über das Party-Volk

Der leitende Epidemiologe des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung, Gérard Krause, äußert sich zur Corona-Sperrstunde und gibt Ratschläge für den Winter.

  • Die zweite Welle* ist da - die Corona-Zahlen* steigen in vielen Teilen Deutschlands rapide an.
  • Der Epidemiologe Gérard Krause wünscht sich einen stärkeren Schutz für Risikogruppen.
  • Zudem fordert er ein geschicktes Ausbalancieren der Maßnahmen, um die Schäden der Pandemie zu lindern.

Braunschweig/München - Die Zahl der Corona-Neuinfektionen steigt in vielen Teilen Deutschlands und Europas erneut rapide an. Berlin, Frankfurt und weitere Städte reagieren mit Sperrstunden für Bars, Restaurants und Kneipen. Zwischen 22 oder 23 Uhr abends und 6 Uhr morgens müssen diese künftig schließen. Der leitende Epidemiologe des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung, Gérard Krause, ist von der Sinnhaftigkeit solcher Sperrstunden nicht vollständig überzeugt. In einem Interview mit dem Spiegel erklärte er, worauf sich die Bundesregierung in den Wintermonaten eher konzentrieren sollte.

Corona: Epidemiologe Krause fordert stärkeren Schutz der Risikogruppen

Krause betonte, er sei bezüglich der Sperrstunde für Bars, Restaurants und Kneipen, über die auch Kanzlerin Angela Merkel mit den Bürgermeistern einiger deutscher Städte diskutierte, hin- und hergerissen. Die Kürzung der Betriebszeiten könne dazu führen, dass mehr Gäste in kürzerer Zeit zusammenkommen. Andererseits könne man so einschränken, dass die Menschen durch Alkoholkonsum in engsten Räumen die Hygiene- und Abstandsregeln vernachlässigen. „Ich will nicht ausschließen, dass sie sinnvoll ist, aber es macht mir Sorge, dass diese ganzen Diskussionen über Alkoholverbote, Übernachtungsverbote und Ausgangssperren unsere Aufmerksamkeit von einem sehr viel wichtigeren Punkt ablenken: dem Schutz der Risikogruppen“, erklärte Krause dem Spiegel.

Man müsse den direkten Schutz der Risikogruppen stärken, forderte der Epidemiologe. Er bedauere, dass der Schutz der älteren Bevölkerung nicht im Mittelpunkt der Debatte steht. „Wir arbeiten uns an Schulklassen und kleinen Betrieben ab, statt uns den Herausforderungen zum direkten Schutz der älteren Bevölkerung zu stellen“, kritisierte Krause.

Corona in Deutschland: „Die Bewältigung der Pandemie entscheidet sich in den Altenheimen“

Um möglichst alle Menschen zu schützen, müsse man „da ansetzen, wo unsere Maßnahmen und Ressourcen den besten Effekt versprechen.“ Die allermeisten jungen Menschen ohne Risikofaktoren würden eine Corona-Infektion* gut überstehen. „Alte Menschen hingegen haben ein zigfach höheres Risiko, an dieser Infektion zu sterben“, stellte Krause klar. Aus epidemiologischer Sicht müsse man den Fokus auf diese Personengruppe legen und sie bestmöglich schützen. Er mahnte: „Die Bewältigung der Pandemie entscheidet sich in den Altenheimen und nicht in den Klassenräumen der Schulen oder den Foyers der Hotels.“

Es sei wichtig, dafür zu sorgen, dass die Menschen in Altenheimen geschützt werden und gleichzeitig an der Gesellschaft teilhaben können, erklärte Krause. Um dies zu bewerkstelligen seien Kreativität, Intelligenz und Geld nötig. Er betonte: „Wir können die Altenheime und mobilen Pflegedienste mit dieser Herausforderung nicht allein lassen.“ Besuche in Alten- und Pflegeheimen sollten ermöglicht werden. Dabei sollten geschulte Pflegekräfte den Besuchern erklären, wie sie sich am besten verhalten sollten, forderte Krause. In Krankenhäusern sei das üblich, in Altenheimen aufgrund wohl fehlender Ressourcen bislang nicht.

Coronavirus in Deutschland - Epidemiologe Krause: „Jetzt sind wir mitten in der Pandemie, sie ist nicht mehr zu stoppen“

Die strikten Maßnahmen, mit denen die Corona-Infektionszahlen* im Frühjahr eingedämmt werden konnten, sind laut Krause jetzt nicht mehr das Mittel der Wahl. „Am Anfang war die Strategie, die Pandemie möglichst zu verlangsamen, um Zeit zu gewinnen“, erklärte der Epidemiologe. Man sei damals unvorbereitet und die Maßnahmen seien daher richtig gewesen. „Jetzt sind wir mitten in der Pandemie, sie ist nicht mehr zu stoppen“, machte Krause klar. Im Mittelpunkt stehe nun die Abmilderung des Schadens in gesellschaftlicher, gesundheitlicher und wirtschaftlicher Hinsicht.

Eine Eindämmung, im Sinne einer Unterbrechung der Verbreitung des Coronavirus*, könne nicht mehr das Ziel sein, erklärte Krause. „Das Virus ist doch schon überall“, sagte er. Man müsse zusehen, dass man die Folgen mildere. Der Epidemiologe berichtete: „Die Pandemie im wörtlichen Sinne zu stoppen, ist nach meiner Einschätzung schlicht nicht möglich. Hoffnungen in diese Richtung zu wecken, droht Enttäuschung zu erzeugen und riskiert die Akzeptanz der Maßnahmen.“

Corona: Krause fordert geschicktes Ausbalancieren der Maßnahmen

Das Ziel solle sein, die Schäden der Pandemie durch ein geschicktes Ausbalancieren der Maßnahmen zu lindern. Im Frühjahr habe man zwar den erwünschten Effekt, die Eindämmung der Zahl schwerer Corona-Erkrankungen*, erreicht. Gleichzeitig sei aber auch ein unerwünschter Effekt eingetreten: Viele Menschen seien in wirtschaftliche Krisen geraten, die potenziell auch gesundheitliche Folgen haben werden. „Das war damals vielleicht unvermeidlich“, erklärte Krause. Nun sei man aber in einer anderen Situation und müsse mit gezielteren Maßnahmen versuchen, die unerwünschten Effekte niedrig zu halten. (ph) *Merkur.de ist Teil des Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks

Rubriklistenbild: © picture alliance/Sebastian Gollnow/dpa

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