Bewegende Gedenkfeier

Jahrestag des Münchner Amoklaufs: "Ins Mark getroffen"

Arbnor Segashi, der Bruder eines Opfers, spricht bei der Gedenkveranstaltung in München. Foto: Tobias Hase
1 von 5
Arbnor Segashi, der Bruder eines Opfers, spricht bei der Gedenkveranstaltung in München. Foto: Tobias Hase
Wenn die Worte fehlen: Stilles Verharren vor dem Mahnmal für den Münchner Amoklauf. Foto: Tobias Hase
2 von 5
Wenn die Worte fehlen: Stilles Verharren vor dem Mahnmal für den Münchner Amoklauf. Foto: Tobias Hase
Das Mahnmal "Für Euch" von Elke Härtel - in Form eines Ringes um einen Baum - wird heute der Öffentlichkeit übergeben. Foto: Peter Kneffel
3 von 5
Das Mahnmal "Für Euch" von Elke Härtel - in Form eines Ringes um einen Baum - wird heute der Öffentlichkeit übergeben. Foto: Peter Kneffel
Bilder, Briefe und Blumen in der Nähe des Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) in Gedenken an die Opfer des Amoklaufes vor einem Jahr. Foto: Peter Kneffel
4 von 5
Bilder, Briefe und Blumen in der Nähe des Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) in Gedenken an die Opfer des Amoklaufes vor einem Jahr. Foto: Peter Kneffel
Ein Holzkreuz mit der Aufschrift "Warum nur!" hängt vor dem OEZ. Foto: Peter Kneffel/Archiv
5 von 5
Ein Holzkreuz mit der Aufschrift "Warum nur!" hängt vor dem OEZ. Foto: Peter Kneffel/Archiv

Der Amoklauf in München hat die ganze Stadt in einen Ausnahmezustand versetzt. Ein Jahr danach kommen Hunderte und gedenken der Opfer. Am bewegendsten sind die Worte einer Mutter.

München (dpa) - Um 10.26 Uhr ist es still am Olympia-Einkaufszentrum in München. Ganz still. Obwohl unzählige Menschen auf den Treppen vor dem Gebäude und auf der Straße stehen. Schweigend gedenken sie der Opfer des Amoklaufs, der genau vor einem Jahr eine ganze Stadt, ein ganzes Land schockierte und erschütterte.

Die Geschäfte sind heute geschlossen. Kurz zuvor ist Sibel Leyla ans Mikrofon getreten, die am 22. Juli 2016 ihren Sohn Can verlor. Er war damals 14. Die Mutter schluchzt, ringt um jedes Wort: "Es tut mir leid, dass ich dich an dem Tag nicht schützen konnte." Sie empfinde unendlichen Schmerz, "wenn ich daran denke, wie alleine und hilflos du gewesen sein musst". An manchen Tagen wünsche sie sich, selbst tot zu sein. Am 22. Juli 2016 sei Dunkelheit über sie gekommen. "Wer will uns unser Alltagsleben zurückgeben? Niemand." Dann versagt die Stimme, Leyla wendet sich ab. Tränen im Publikum.

Eine Frau spricht für sie weiter, erzählt von der Wut, die die Mutter spüre. "Die mir sagt, dass das System versagt hat." Diese Wut würde sie gerne abgeben. Und sie erzählt von dem Schmerz und dem Leid, dass der Sohn niemals seinen 18 Geburtstag erleben, niemals erwachsen sein wird.

Vor einem Jahr hat David S. hier neun vorwiegend junge Menschen erschossen, die meisten mit Migrationshintergrund. Er hat mit seinem Amoklauf ganz München in einen Schockzustand versetzt. Stundenlang herrschte in der Stadt Alarm, an mehr als 70 Orten meldeten Menschen Schüsse, Verletzte und Tote, in zwei Fällen sogar Geiselnahmen - obwohl jenseits des Einkaufszentrums (OEZ) gar nichts passiert war.

Gegenüber dem OEZ-Eingang steht nun ein Gingko, ein Lebensbaum. Darum ein zwei Meter hoher Edelstahlring mit den Namen und Bildern der Opfer. Das Mahnmal "Für Euch" weihen am Samstag Vertreter verschiedener Religionen ein. Politiker, Angehörige der Toten, Einsatzkräfte aus der Amoknacht, aber auch die umstehenden Gäste sprechen das christliche und das muslimische Glaubensbekenntnis, gleichzeitig. Da ist die Wolkendecke gerade ein Stück weit aufgerissen.

"Der Amoklauf vor einem Jahr hat ganz Bayern ins Mark getroffen", sagt Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU). Kein Name, kein Gesicht dürfe vergessen werden. Er spricht von einer "Wunde, die nie ganz verheilen wird". Er erinnert aber auch an die Hilfsbereitschaft der Münchner, die anderen auf der Flucht von vermeintlichen Tatorten die Türen öffneten: "Bei allem Schrecken, den der 22. Juli 2016 über uns gebracht hat, bin ich unendlich dankbar für die Mitmenschlichkeit."

Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) sagt: "Wenn Amokläufer und Attentäter etwas gemeinsam haben, dann, dass sie Misstrauen, dass sie Angst und dass sie Hass verbreiten wollen. Doch ich sage ganz deutlich: Dieses zynische Kalkül ist weder in unserer Stadt noch in den anderen betroffenen Städten aufgegangen."

Einige Hinterbliebene tragen T-Shirts mit Fotos der Toten auf der Vorderseite. Auf dem Rücken stehen die Namen, das Datum und die Worte "9 Engel, ein Schicksal". Arbnor Segashi, Bruder des ersten Opfers Armela, dankt auf der kleinen Bühne neben dem Mahnmal seinen Eltern, "die mir jeden Tag aufs Neue die Kraft gegeben haben, mit diesem Schicksal umzugehen." Auch er kämpft mit den Tränen. Die neun Opfer würden niemals vergessen: "Der liebe Gott trägt diese neun Menschen jetzt in seinen Armen. Und wir sollten sie in unseren Herzen tragen."

Der Amokläufer selbst wird an diesem Tag nicht ausgeklammert. David S. galt als Außenseiter, von Mitschülern gemobbt. Die Ermittler sehen in Demütigungen das Motiv für die Tat. Doch es gibt auch andere Theorien: Eines seiner Vorbilder war der norwegische Massenmörder Anders Breivik, ein Rechtsextremist.

Just am Tag vor der Gedenkfeier wurden neue Details bekannt, die für mögliche rechtsextremistische Beweggründe des Täters sprechen. Oberbürgermeister Reiter geht darauf kurz ein: "Im Hinblick auf die Erkenntnisse, dass der Täter rechtsextreme Gesinnung hatte, gilt mehr denn je: Wir müssen auch weiterhin gegen jede Form von Extremismus, Rassismus und menschenverachtende Gewalt aufstehen."

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene Artikel

Biologe beklagt Verschwinden der Schmetterlinge

Immer intensivere Landwirtschaft auf Kosten von Schmetterlingen und Feldvögeln? Viele Experten sehen das so. Nun gibt es neue Daten.
Biologe beklagt Verschwinden der Schmetterlinge

Aus Versehen: LKA-Leibwächter schießt im Flughafen Tegel 

Kurz vor dem Einstieg in das Flugzeug hat ein LKA-Leibwächter einen Schuss aus seiner Waffe abgegeben. Der hatte sich offenbar aus Versehen gelöst. Aber wie konnte es …
Aus Versehen: LKA-Leibwächter schießt im Flughafen Tegel 

Millionen erwarten die totale Sonnenfinsternis in den USA

Die Sonnenfinsternisbrillen sind gekauft. Jetzt muss nur noch das Wetter mitspielen. Viele Amerikaner haben weite Anreisen hinter sich, um die "Great American Eclipse" …
Millionen erwarten die totale Sonnenfinsternis in den USA

Catering-Wagen stößt mit Flugzeug zusammen - hoher Sachschaden

Beim Abschleppen eines Airbus A380 krachte der mit einem Catering-Wagen zusammen. Der Fahrer wurde nur leicht verletzt. Der Sachschaden ist dagegen immens. 
Catering-Wagen stößt mit Flugzeug zusammen - hoher Sachschaden

Kommentare

Hinweise für das Kommentieren

Von Mo. bis Fr. in der Zeit von 18 bis 9 Uhr und am Wochenende werden keine neuen Kommentare freigeschaltet.
Bitte bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht.