Internationale Reaktionen

Umwidmung der Hagia Sophia in eine Moschee: Griechenland droht Erdogan - Kirche geschockt

Die Umwidmung der Hagia Sophia in eine Moschee stößt international auf massive Kritik. Neben Griechenland und der EU findet auch die Kirche deutliche Worte.

  • Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat angekündigt, die Hagia Sophia in Istanbul in eine Moschee umzuwidmen
  • International stößt die Entscheidung auf massive Kritik, die Kirche findet deutliche Worte
  • Griechenland droht der Türkei bereits mit Konsequenzen

Istanbul – Nach der Ankündigung Erdogans, die ehemalige Kirche Hagia Sophia in Istanbul zur Moschee umzuwidmen, gibt es aus vielen Länder deutliche Kritik. Griechenland hat der Türkei bereits mit Konsequenzen gedroht. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan* habe einen „historischen Fehler begangen“, erklärte der griechische Regierungssprecher Stelios Petsas am Samstag (11.07.2020). Auf diese Beleidigung der christlichen Welt müsse es eine entsprechende Antwort geben.

Hagia Sophia in Istanbul: Griechenland droht der Türkei mit Konsequenzen

„Griechenland verurteilt dieses Verhalten Erdogans und wird alles tun, was es kann, damit es Konsequenzen für die Türkei gibt“, sagte Petsa. Details nannte er nicht. Der griechische Regierungschef Kyriakos Mitsotakis hatte zuvor erklärt, dass der Beschluss Erdogans Folgen für die Beziehungen der Türkei zur EU haben werde.

Weil die Hagia Sophia eine so große Bedeutung für die orthodoxe Kirche hat, kamen die deutlichsten Reaktionen neben Griechenland aus Russland. Metropolit Ilarion vom Moskauer Patriarchat sprach im russischen Staatsfernsehen von einem Schlag gegen die Orthodoxie. „Für alle orthodoxen Christen auf der Welt ist die Hagia Sophia ein wichtiges Symbol, wie der Petersdom in Rom für die Katholiken.“ Die Umwidmung werde die Beziehung der Türkei zur christlichen Welt beeinflussen.

Umwidmung der Hagia Sophia in eine Moschee: Kritik auch aus Russland, den USA, und der EU

Russlands Vize-Außenminister Alexander Gruschko erinnerte an die Bedeutung der Hagia Sophia in Istanbul. Es gebe heute nicht mehr viele Symbole mit solch einer jahrhundertealten Geschichte, die auch Einfluss auf die Entwicklung der Menschheit gehabt hätten, sagte er der Nachrichtenagentur Interfax am Samstag. Gruschko erwartet nun von der Türkei, das Gebäude zu schützen, zu erhalten und weiter öffentlich zugänglich zu lassen: „Ich hoffe sehr, dass alle Verpflichtungen vollständig umgesetzt werden.“

Ähnlich äußerten sich zuvor die USA. Die Weltkulturerbestätte müsse weiterhin für alle Besucher offen bleiben, hieß es. Der EU-Außenbeauftragte Josep Borell nannte die türkische Entscheidung „bedauerlich“, denn die Türkei habe sich als Gründungsmitglied der „Allianz der Zivilisationen“ zur Förderung des interreligiösen Dialogs und der Toleranz verpflichtet. Frankreichs Außenminister Jean-Yves Le Drian bedauerte die Entscheidung, die einen der symbolischen Akte der modernen und säkularen Türkei infrage stelle. „Die Hagia Sophia muss weiterhin die Pluralität und Vielfalt des religiösen Erbes, des Dialogs und der Toleranz repräsentieren“, forderte Drian.

Stimmen aus Deutschland zu Hagia Sophia: „Es ist enttäuschend“

Auch aus Deutschland gab es kritische Worte zur Entscheidung Erdogans. „Ich hoffe sehr, dass diese Entscheidung noch einmal überdacht wird“, schrieb der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, am Samstag (11.07.2020) auf Facebook.

Die Menschenrechtsorganisation „Gesellschaft für bedrohte Völker“ (GfbV) aus Göttingen bedauerte die Entscheidung der Türkei ebenfalls. „Es ist enttäuschend, dass die meisten Muslime in Deutschland offenbar keine Solidarität für christliche Minderheiten in der Türkei aufbringen können“, sagte GfbV-Nahostexperte Kamal Sido.

Die katholische Bischofskonferenz äußerte Sorge über die Anordnung des türkischen Präsidenten. Der Beauftragte der Bundesregierung für Religionsfreiheit, Markus Grübel, sagte, die Türkei wende sich damit ab von Europa und vom Respekt gegenüber anderen Religionen.

Christen und Muslime erheben auf die Hagia Sophia gleichermaßen Anspruch

Auf die Hagia Sophia erheben Christen wie Muslime gleichermaßen Anspruch. Sie wurde als „Kirche der göttlichen Weisheit“ im Jahr 537 geweiht und war fast ein Jahrtausend lang die christliche Hauptkirche Konstantinopels. Als die Türken 1453 die Stadt eroberten, wurde sie zur Moschee umfunktioniert. In den 1930er Jahren wandelte Atatürk sie in ein Museum um. Dieser Beschluss wurde mit dem Urteil des Verwaltungsgerichts nun annulliert. Die Hagia Sophia gehört zum Unesco-Weltkulturerbe.

Leitartikel zur Umwandlung der Hagia Sophia in Istanbul: Die Umwandlung zeigt, wie nervös der türkische Präsident Erdogan ist. Doch viele seiner Probleme wird er so nicht lösen können.

Derweil verstößt die Türkei massiv gegen Grundrechte. Im türkischen Gefängnis Silivri sitzen zahlreiche Journalisten* ein. Für sie gilt Erdogans Corona-Amnestie nicht. Eine deutsche Initiative fordert ihre Freilassung. (tvd mit Agenturen) *fr.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.


Rubriklistenbild: © Marius Becker/dpa

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