Größerer Einfluss als jeder andere Hotspot

Rasche Verbreitung: Corona-Studie zeigt das fatale Ausmaß, das Ischgl für Deutschland hat

Während der Skisaison ansonsten ein Hotspot für Après-Ski-Fans: Die Bar „Kitzloch“ lockt zum fröhlichen Beisammensein.
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Während der Skisaison ansonsten ein Hotspot für Après-Ski-Fans: Die Bar „Kitzloch“ lockt zum fröhlichen Beisammensein.

Ohne den Corona-Hotspot Ischgl wäre Deutschland wohl deutlich problemloser durch die Pandemie gekommen. Darauf lässt eine neuen Studie schließen, die auch die Konfession als Faktor der Infektionsrate sieht.

München - Im Winter nach Ischgl reisen, tagsüber die Skipisten runterbrettern und abends das Leben feiern - so stellen sich viele Deutsche ihren Urlaub im Schnee vor. Für zahlreiche Wintersportfreunde gehört ein Trip in den berühmten wie beliebten Skiort in Tirol - also unweit der deutschen Grenze - einfach dazu, wenn sich die weiße Pracht im Lande ausbreitet. Denn hier befindet man sich unter Gleichgesinnten.

In diesem Jahr jedoch zeigte sich die Kehrseite der Medaille, wenn Massen dichtgedrängt ihre Freizeit genießen wollen und sich quasi rund um die Uhr Menschentrauben bilden. Ischgl verwandelte sich in einen der ersten und ausgeprägtesten Corona-Hotspots in Europa. Rasend schnell verbreitete sich das Virus in dem proppenvollen Ort unter Urlaubern und Einheimischen.

Corona-Krise in Deutschland: IfW untersucht Einfluss von Ischgl auf Infektionswelle hierzulande

Mittlerweile wird Ischgl bereits als „Ground Zero“ verschrien. Offiziellen Angaben zufolge sind 25 Tote zu beklagen, Tausende klagen auf Schadensersatz. Viele von ihnen mussten sich nach der Rückkehr in ihre Heimat in Quarantäne begeben.

Wie groß der Einfluss der Superspreader-Location auf die Infektionswelle in Deutschland ist, ließ sich bislang nur mutmaßen. Nun legte das Institut für Weltwirtschaft an der Universität Kiel (IfW) das Ergebnis seiner diesbezüglichen Studie offen. Diese trägt den Titel „Après-ski: The Spread of Coronavirus from Ischgl through Germany“ und basiert auf Grundlage der Daten des Robert Koch-Instituts aus den 401 deutschen Landkreisen. Dabei werden die schlimmsten Befürchtungen gestützt.

Corona-Krise: Je näher an Ischgl, desto höher die Infektionsgefahr

So werde die „geografische Nähe zu Ischgl in Tirol“ als „einer der Hauptrisikofaktoren für eine vergleichsweise hohe Infektionsrate“ in der deutschen Bevölkerung angesehen. Weiter stellten die Forscher fest: „Landkreise, die näher an der sogenannten Superspreader-Location Ischgl liegen, haben systematisch höhere Infektionsraten als weiter entfernte.“ 

Gabriel Felbermayr, Präsident des Instituts, wird hinsichtlich Ischgl konkreter: „Schon ein um zehn Prozent kürzerer Anfahrtsweg nach Ischgl, erhöht die Infektionsrate im Durchschnitt um neun Prozent.“ Dies bedeute auch: „Lägen alle deutschen Kreise so weit weg von Ischgl wie der Kreis Vorpommern-Rügen, gäbe es in Deutschland fast 50 Prozent weniger Infektionen mit dem Coronavirus.“

Corona-Krise in Deutschland: Kein anderer Hotspot hat ähnlichen Einfluss

Um einen Vergleichswert zu haben, seien auch die ebenfalls unter der Corona-Krise ächzenden Regionen Heinsberg und Mulhouse/Grand-Est an der deutsch-französischen Grenze auf deren Effekt auf die Virus-Ausbreitung in der Bundesrepublik untersucht worden. Dabei sei jedoch „kein vergleichbarer geografischer Einfluss auf das Infektionsgeschehen in Deutschland“ zutage getreten.

Für Felbermayr ist in diesem Zusammenhang interessant, „dass die Entfernung zu Ischgl im Laufe der Zeit für die beobachteten Fälle nicht irrelevant wird“. Was wiederum darauf hindeute, dass die Lockdown-Maßnahmen* zu einer geringeren Mobilität der Bürger geführt und damit einer weiteren Corona-Verbreitung entgegengewirkt hätten. „Nach den anfänglichen Infektionen durch heimkehrende Skifahrerinnen und Skifahrer gab es keine weitere geografische Verbreitung“, erläutert der IfW-Chef.

Untersuchte mit seinen Kollegen den Einfluss Ischgls auf die Corona-Pandemie in Deutschland: Gabriel Felbermayr ist Präsident des IfW.

Ischgl und die Corona-Ausbreitung: Auch in Dänemark und Schweden hatte Skiort Einfluss

Nicht nur Deutschland wäre ohne die Ischgl-Fälle wohl deutlich glimpflicher davongekommen. So hätten Daten vom 20. März aufgezeigt,  „dass ein Drittel aller Fälle in Dänemark und ein Sechstel aller Fälle in Schweden auf Ischgl zurückgeführt werden konnten“. Denn Ischgl agierte viel zu lange als Virusschleuder: Bereits am 5. März sei der Ort als Risikogebiet eingestuft worden, bis zur Einleitung der ersten Quarantänemaßnahmen* vergingen demnach jedoch weitere neun Tage.

Was den Forschern bei der Untersuchung der Corona-Ausbreitung ebenfalls auffiel: Deren Grad wurde auch vom Anteil der katholischen Bevölkerung beeinflusst. Dafür hat Felbermayr eine logische Erklärung: „Die katholische Kultur scheint die Zahl der Fälle zu erhöhen - wahrscheinlich durch die vielen Karnevalsfeiern Ende Februar.“ Besonders im bereits erwähnten nordrhein-westfälischen Heinsberg soll eine Jecken-Veranstaltung die lange Zeit kaum einzudämmende Infektionskette in Gang gesetzt haben.

Corona-Krise in Deutschland: Bei Sterblichkeitsrate ist Ischgl kein Faktor

Dagegen konnten die Forscher anderen Faktoren „wie den Handelsverbindungen nach China, der Altersstruktur, dem Ausländeranteil oder einem ‘Home-Office-Index‘“ keinen Einfluss auf die Corona-Pandemie nachweisen.

Während Ischgl also ein besonderer Effekt auf die Infektionsrate zuzuschreiben sei, gelte dies nicht für die Sterblichkeitsrate. Hier seien die wichtigsten Faktoren der Anteil der über 65-Jährigen und die Anzahl der Krankenhausbetten*.

Corona: Regionen in Deutschland von Virus „höchst unterschiedlich betroffen“

Festzustellen sei jedoch, dass Kreise und kreisfreie Städte in Deutschland „höchst unterschiedlich von der Corona-Pandemie betroffen“ seien. Dies gelte sowohl im Hinblick auf die Infektions- wie auch die Sterblichkeitsrate.

Die Schlussfolgerung des IfW: Der internationale Tourismus bilde einen „wichtigen Faktor für die Verbreitung ansteckender Krankheiten“. Daher seien rechtzeitige Reiseverbote angeraten. Gerade wenn es um besonders beliebte Ziele geht, die schnell die Eigenschaften eines Superspreader annehmen können. Wie in Ischgl geschehen.

Derweil soll während der Corona-Krise Radfahrern mehr Platz verschafft werden. Mehr dazu gibt es im folgenden Video.

In Göttingen gab es einen massiven Corona-Ausbruch - rund 160 Menschen befinden sich in Quarantäne, darunter auch 57 Kinder und Jugendliche.

Regelmäßig gibt es zum Coronavirus neue Studien. Eine neue zeigt Erschreckendes: Infizierte haben nach Operationen ein erhöhtes Sterberisiko.

*merkur.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

mg

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