Mordfall Walter Lübcke

Fall Lübcke: Mutmaßlicher Mörder Ernst soll wegen zweiter Tat angeklagt werden

Mord an Walter Lübcke, Regierungspräsident von Kassel: Bundesgerichtshof hält Stephan Ernst für den Todesschützen. Gegen ihn wird eine zweite Anklage erhoben.

  • Neue Erkenntnisse zum Mord an Walter Lübcke, Regierungspräsident Kassel
  • Bundesgerichtshof hält Stephan Ernst trotz geänderter Aussage für wahrscheinlichen Todesschützen
  • Jetzt soll Ernst wegen einer zweiten Tat angeklagt werden.

Update vom Freitag, 27.03.2020, 10.20 Uhr: Der mutmaßliche Mörder des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke soll wegen einer zweiten Straftat angeklagt werden. Laut „Zeit Online“ und NDR muss sich Stephan Ernst demnach auch wegen des Angriffs auf einen irakischen Asylbewerber verantworten, der im Januar 2016 mit einem Messer in Lohfelden schwer verletzt worden war. 

Die Bundesanwaltschaft, die die Anklage demnächst erheben will, hat sich dazu bislang jedoch nicht geäußert. Der damals 22 Jahre alte Iraker, der in einer Flüchtlingsunterkunft in Lohfelden lebte, war zweieinhalb Kilometer von Ernsts Haus angegriffen worden. Ernsts Verteidiger Frank Hannig sagte „Zeit Online“ und NDR, die Behörden versuchten, seinem Mandanten „jede ungelöste Straftat in Kassel der letzten Jahre in die Schuhe zu schieben“.

Ersmeldung vom 09.03.2020: Gerichtshof glaubt Stephan Ernst nicht

Das geht aus einem aktuellen Beschluss des Bundesgerichtshofs hervor. Ebenfalls geht daraus hervor, dass Markus H. ebenso wie Stephan Ernst weiter in Untersuchungshaft bleibt.

Der 43-Jährige soll dabei geholfen haben, den Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke zu töten. Der Beschluss liefert auch neue Erkenntnisse zu dem Mordfall. Fragen und Antworten.

Womit begründet der Bundesgerichtshof seine Entscheidung, Markus H. in Untersuchungshaft zu lassen?

In dem jüngsten Beschluss heißt es, es sei nach wie vor hochwahrscheinlich, dass Stephan Ernst den Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke aus niedrigen Beweggründen erschossen habe und Markus H. dazu Beihilfe leistete.

Mord an Walter Lübcke: Bundesgerichtshof hält an Stephan Ernsts erster Aussage fest

In seinem zweiten Geständnis Anfang Januar hatte Stephan Ernst Markus H. belastet und gesagt, dass nicht er selbst, sondern sein Komplize Markus H. Walter Lübcke erschossen hat – und zwar versehentlich. Geht der jüngste Beschluss auch darauf ein?

In dem Beschluss ist zwar Stephan Ernsts jüngstes Geständnis erwähnt. Da sich Ernsts Aussagen aber nicht mit den bisherigen Erkenntnissen der Ermittler decken, wird weiter davon ausgegangen, dass sich das Geschehen so zugetragen hat, wie Stephan Ernst es in seinem ersten Geständnis beschrieben hat – wenige Tage nach seiner Festnahme im Juni vergangenen Jahres. Demnach fügten sich die Aussagen des ersten Geständnisses, den Regierungspräsidenten von Kassel, Walter Lübcke, wissentlich und willentlich erschossen zu haben, in die Spurenlage am Tatort ein.

Gibt es weitere Punkte, die diese These stützen?

In dem jüngsten Beschluss des Bundesgerichtshofes ist zu lesen, dass an der Tatwaffe und der darin befindlichen Munition nur DNA-Spuren von Stephan Ernst, nicht aber von Markus H. gefunden wurden. Auch stehe die ursprüngliche Darstellung im Einklang mit dem Obduktionsergebnis: dass Ernst unbemerkt an Walter Lübcke auf der Terrasse seines Hauses in Wolfhagen-Istha im Landkreis Kassel  herangetreten sei und gezielt geschossen habe.

Mord an Walter Lübcke: Obduktionsergebnis widerspricht Stephan Ernsts geänderter Aussage

Wie lautet das Obduktionsergebnis?

Auch das ist im jüngsten Beschluss aufgeführt. Darin heißt es, dass der Schusskanal des todesursächlichen Schädel-Hirn-Durchschusses nahezu horizontal verlaufen sei. Dieser Befund sei bei einer Auseinandersetzung ungleich schwerer zu erklären. Insofern steht das Obduktionsergebnis in Widerspruch zu Stephan Ernsts Aussage bei seinem zweiten Geständnis Anfang Januar. Da hatte er von einer Auseinandersetzung gesprochen, in deren Verlauf Markus H. versehentlich auf den Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke erschossen habe.

Gibt es in dem Beschluss neue Informationen zum Tatgeschehen?

Neu ist, dass für die Autofahrt zum Tatort laut jüngstem Beschluss „Tarnkennzeichen“ benutzt worden sind, um das Entdeckungsrisiko zu minimieren. Diese planvolle Vorgehensweise stünde im Einklang mit Vorsichtsregeln, die bei Stephan Ernst sichergestellt worden sind. Der Bundesgerichtshof sieht darin einen weiteren Grund dafür, dass Stephan Ernsts zweites Geständnis nicht der Wahrheit entspricht. Demnach sollen er und Markus H. Walter Lübcke unmaskiert gegenübergetreten sein. Diese Vorgehensweise lasse sich auch schwer mit dem Ansinnen in Einklang bringen, den Regierungspräsidenten von Kassel nur einschüchtern zu wollen, da so die Gefahr einer Identifizierung durch Lübcke bestanden hätte.

Mord an Walter Lübcke: Zeugin beschreibt enge Freundschaft zwischen Stephan Ernst und Markus H.

Stützen noch weitere Gründe den Verdacht, dass Markus H. Stephan Ernst Beihilfe zum Mord geleistet hat?

Die enge Beziehung von Markus H. und Stephan Ernst wird durch die ehemalige Lebensgefährtin von Markus H. belegt. Sie bestätigt, wie im Beschluss zu lesen ist, die gemeinsame Teilnahme an Demonstrationen und Schießübungen. Auch sagt sie, dass beide zwischen Oktober 2016 und Oktober 2018 fünfmal gemeinsam auf dem Schießstand des Schützenvereins in Niestetal waren.

Wann soll die Anklage gegen Stephan Ernst und Markus H. erfolgen?

Nach Informationen unserer Zeitung wird die Anklage gegen Stephan Ernst und Markus H. derzeit vorbereitet. Sie soll in den kommenden Wochen erhoben werden.

Von Kathrin Meyer

Der Haftbefehl gegen Elmar J. wurde im Januar aufgehoben - ihm war vorgeworfen worden, die Waffen für Stephan Ernst besorgt zu haben.

Rubriklistenbild: © Uli Deck/dpa

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