Gastbeitrag

Oktoberfest als Massenbesäufnis? Nein! Der Münchner Moses Wolff verteidigt seine Wiesn

Moses Wolff denkt sich auf dem Oktoberfest jedes Jahr Schabernack aus: 2014 ernährte er sich 16 Tage von Wiesn-Essen.
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Moses Wolff denkt sich auf dem Oktoberfest jedes Jahr Schabernack aus: 2014 ernährte er sich 16 Tage von Wiesn-Essen.

Immer diese Nörgler: Das Oktoberfest sei zum Massenbesäufnis verkommen und habe mit Tradition nichts zu tun. Stimmt nicht, schreibt der Münchner Schauspieler und Autor Moses Wolff. Er verteidigt leidenschaftlich seine Wiesn. Lesen Sie seinen Gastbeitrag.

Der Wiesn-Anstich ist für mich der wichtigste Tag des Jahres, die Böllerschüsse um 12 Uhr, die erste Maß, dieser Duft, dieser Schaum, dieser erste Schluck. Ein kompletter Wahnsinn. Mein Herz schlägt allein bei dieser Vorstellung schneller. 

Was haben wir für schöne Sitten und Bräuche, wie gern trage ich meine achtzig Jahre alte Lederhose, kombiniert mit einer schönen Angermaier-Weste und meinen bequemen Haferlschuhen. Wie gern spreche und höre ich die bairische Sprache. Wie gern sitze ich mit Menschen aus aller Welt zusammen und feiere das Leben, die Liebe, das Bier, die Freude und die Gemütlichkeit. 

Der Volksmund sagt: Tradition ist nicht das Bewahren der Asche, sondern das Weitergeben des Feuers. Manche Leute sagen über die Wiesn: „Das ist doch nur ein Massenbesäufnis. Mit Tradition hat das nichts mehr zu tun.“ Hat es aber doch. Weil zur bayerischen Tradition gehört das Biertrinken wie die Brotzeit und die Trachtenvereine und die Kirchweih und das Granteln und das Charivari und der Schmarrn und die Wadlstrümpf und die feschn Dirndl und die schneidigen Burschen und der Kini und die Sturheit und der Alpencharme und die Landluft und die Metzgerinnung und der Brauerbund und das Reinheitsgebot und die Aufwiegler und die Revoluzzer und die Volkssänger und die Mundartdichter und die Boazn und die Zuagroastn und die Sommerfrischler und die Einheimischen und die Fast-Einheimischen und die angeborene Skepsis und der angeborene Durscht und die Griabigkeit und die Gamsigkeit und die Frömmigkeit und der blaue Himmel und der Föhn und die Marienverehrung und die Maibäume und selbstverständlich auch das Oktoberfest. 

Moses Wolff und Otti Fischer 2016 im Weinzelt.

Ich bin so gut wie jeden Tag draußen, sitze gerne im Biergarten, mag es aber auch im Zeltinneren, auf den Galerien, in den Boxen oder manchmal auch im Mittelschiff, wo ich mich an jener geballten Euphorie, die tausende von Menschen gleichzeitig erleben, erfreue. Ich suche sowohl die Schaustellergasse mit den unfassbar lustigen Recommandeuren im Teufelsrad und den stets zu Streichen und frechen Sprüchen aufgelegten Mitarbeitern der Krinoline auf, als auch die schönsten gastronomischen Betriebe der Welt: die Bierzelte. Die Bierqualität ist hervorragend, der Schaum immer perfekt, die Temperatur optimal, das Prickeln, im Fachjargon „Rezenz“ genannt, überzeugend und eingeschenkt sind die Maßen in der Regel auch ordentlich. Schnaps trinke ich auf der Wiesn eher selten, wenn dann wirklich einheimische Produkte, zum Beispiel gibt es in Bodos Cafézelt einen sensationellen Munich Mule mit Ginger Beer, Gurke und dem wirklich einzigartigen Gin aus der Münchner Destillerie „The Duke“. 

„Ich denk mir ja jedes Jahr einen neuen Schabernack aus.“

Ich denk mir ja jedes Jahr einen neuen Schabernack aus, einmal habe ich mich ausschließlich auf der Wiesn ernährt, was durchaus hochwertig und gesund sein kann, ich hatte seinerzeit nach den 16 Tagen nur drei Kilo zugenommen. In einem anderen Jahr hatte ich einen eigenen Briefkasten mit Nachsendeantrag am Holzzaun des Hackerzeltes. Und am Ende jedes Wiesn-Tages schlendere ich noch an der Bavaria vorbei und bin berauscht von der Lebensfreude und ein bisserl auch vom Bier.

Moses Wolff vor dem Vereinsheim in Schwabing.

Diesen Gastbeitrag schrieb der Münchner Schauspieler, Musiker, Autor und Filmschaffende Moses Wolff (49 Jahre). Er erschien zuerst auf tz.de*. Alle Termine von Moses Wolff finden Sie auf seiner Internetseite.  

*tz.de ist Teil des deutschlandweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks. 

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