Goldener Mittelweg

Corona-Experte Drosten nennt ideale Reproduktionszahl - sie ist erstaunlich hoch

Lockdown oder Lockerungen - die Maßnahmen im Kampf gegen das Coronavirus haben Folgen. Corona-Experte Christian Drosten bewertet die aktuelle Situation und nutzt ein verblüffendes Bild.   

Berlin - Um die Ausbreitung des Coronavirus zu bremsen, hat die Regierung in Deutschland strenge Corona-Maßnahmen erlassen. Das Prinzip folgte dem viel zitierten Modell „Hammer und Tanz“. Wenn sich  Infektionsketten nicht mehr nachverfolgen lassen, kommt der „Hammer“ raus. Der Lockdown in Deutschland hat und hatte Folgen für die Wirtschaft. Jetzt finden gerade Lockerungen statt. 

„Wir befinden uns gerade in der Tanzphase. In einem Tanz mit einem Tiger“, beschreibt Virologe Christian Drosten* von der Berliner Charité die aktuelle Situation. Ob der Tiger weiter von der Leine gelassen kann oder ob er dann über einen herfällt. Im NDR-Podcast (41) bespricht der Corona-Experte eine Studie die Interessen der Wirtschaft und Schutz der Gesundheit untersucht hat. Und es gibt seiner Auffassung nach einen „goldenen Mittelweg“ zwischen diesen beiden Interessen.

Corona-Experte Drosten: Bei Wirtschaft und Gesundheit gibt es einen „goldenen Mittelweg“

„Qualitativ ist das Endergebnis dieser Studie robust“, so Drosten. Der Virologe legt jedem ans Herz diese Studie des Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung und des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung zu lesen. In der Studie wären viele Aspekte einberechnet und es entstünde ein sehr realistisches Bild. Dazu kämen die Wissenschaftler seiner Auffassung nach zu einem interessanten Schluss. „Es ist ein wichtiger Beitrag in der Wissenschaft“, lobt Drosten.

In der Studie zeigen epidemiologischen und ökonomischen Simulationen verschiedene Szenarien. Das Ergebnis: Eine starke schnelle Lockerung würde der Wirtschaft schaden. Eine stufenweise Lockerung sei aus der wirtschaftlichen Perspektive und auch gesundheitspolitisch vorzuziehen.

Die Wissenschaftler haben für ihre Simulation den Zeitraum bis zum Herbst 2021 gewählt. Bis dahin sei es auch es aus Sicht von Virologe Drosten wahrscheinlich, dass ein Corona-Impfstoff verfügbar sei. 

Video: Virologe Drosten kritisiert die Politik

Darum gibt es eine ideale Reproduktionszahl R für Deutschland

Die ideale Reproduktionszahl R* liegt nach den Erkenntnissen der Wissenschaftler bei R=0,75. Die Reproduktionszahl R bezeichnet die Anzahl der Personen, die im Durchschnitt von einem Fall angesteckt werden. Diese lässt sich nicht aus den Meldedaten ablesen, sondern nur durch statistische Verfahren. Aktuell liegt nach Angaben des Robert-Koch-Instituts die Reproduktionszahl auf R= 0,75

Leichte Lockerungen mit einer Reproduktionszahl von 0,75 wären mit einer höheren Wertschöpfung von etwa 26 Milliarden Euro verbunden, ist in der Pressemitteilung zur Studie zu lesen. 

Eine Verschärfung der Maßnahmen würde demnach in jedem Szenario größere volkswirtschaftliche Kosten verursachen. Eine Reproduktionszahl von 0,5 würde zusätzliche volkswirtschaftliche Kosten von 1,1 Prozent der Wirtschaftsleistung von 2020 und 2021 verursachen, was 77 Milliarden Euro entspricht.

Eine weitere Öffnung mit einer Reproduktionszahl von 1 wäre hingegen mit erheblich größeren wirtschaftlichen Kosten verbunden, haben die Forscher herausgefunden. Obendrein sei mit mehr als 20.000 zusätzlichen Todesopfer zu rechnen.

„Es gibt nicht kollidierende Interessen zwischen Wirtschaft und Gesundheit. Es ist ein gemeinsames Interesse“, so Christian Drosten. Es bringe nichts alles aufzumachen, denn Krankheit allgemein hat auch wirtschaftliche Folgeschäden. Zudem läge bei einem R-Wert von 0.75 die Zahl der Verstorbenen bei unter 10.000.  

Die Reproduktionszahl ist übrigens eines der entscheidenden Kriterien dafür, welche Lockerungen wann umgesetzt werden. Informationen über den aktuellen Stand (17. Mai) der Lockerungen in den verschiedenen Bundesländern erhalten Sie in der Übersicht bei Merkur.de*. Indes stellt sich die Frage, wie hoch die Basis-Reproduktionszahl bei anderen Krankheiten eigentlich ist.

Verschwindet das Coronavirus womöglich von alleine? Ein Experte macht Hoffnung.

ml

Rubriklistenbild: © dpa / Christophe Gateau

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