Ausbeutung von Saisonarbeitern

Spargelhof Thiermann: Undercover-Recherchen decken auffallend geringe Löhne auf

Spargel-Fotos. und Innenräume sowie eine Hand mit Blasen.
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Unser Reporter hat eine Woche lang undercover für Spargelkönig Thiermann gearbeitet – und deckte ein intransparentes System, niedrige Löhne und Corona-Verstöße auf.

Nettolöhne von sechs Euro pro Stunde, bar auf die Hand, undurchsichtige Abrechnungen: Unsere Undercover-Recherchen und Gespräche mit 27 Saisonarbeitern legen Ausbeutung bei Spargelkönig Thiermann nahe. Dieser dementiert die Vorwürfe.

von LUKASZ GRAJEWSKI und JONAS SEUFERT

Einer der größten Spargelbauern Deutschlands wird immer wieder verdächtigt, nicht den gesetzlich vorgeschriebenen Mindestlohn zu zahlen. Wochenlange Recherchen von BuzzFeed News Deutschland legen ein fragwürdiges System bei der Firma Thiermann offen: Arbeiter bekommen auffallend geringe Löhne bar auf die Hand, Abrechnungen und Verträge werden einbehalten. 

Eine Woche Undercover bei Thiermann und Gespräche mit 27 Saisonarbeitern

Für diese Recherche hat ein Reporter Anfang Mai eine Woche lang als polnischer Saisonarbeiter auf dem Brandenburger Spargelhof der Firma Thiermann gearbeitet. Für seine Arbeit bekam er einen Stundenlohn von durchschnittlich 5,97 Euro bar ausgezahlt – vor weiteren Abzügen für Unterkunft und Verpflegung. Weder einen Vertrag, noch eine Lohnabrechnung bekam unser Reporter bislang ausgehändigt, auch nicht nach Intervention durch eine Beratungsstelle und eine journalistische Anfrage. 

Für unsere Recherchen haben wir auch mit 27 polnischen Saisonarbeitern des Betriebes gesprochen sowie mit neun Mitarbeitern von Beratungsstellen und Gewerkschaften. Bei unseren Recherchen sind wir nicht nur auf eine fragwürdige Abrechnungspraxis gestoßen, auch Corona-Regeln wurden immer wieder gebrochen. Die ganze Recherche von BuzzFeed News Deutschland zu den Arbeitsbedingungen auf dem Spargelbetrieb Thiermann lesen Sie hier.*

Der niedersächsische Betrieb Thiermann hat für seine jährlich mindestens 1500 Saisonarbeiter ein System der Intransparenz geschaffen. Dieses System könnte es leicht machen, weniger als die vorgeschriebenen 9,50 Euro brutto pro Stunde zu bezahlen. Der Betrieb Thiermann lässt Arbeitsverträge, Lohn- und Arbeitszeitabrechnungen zwar unterschreiben – aber er behält sie unseren Recherchen zufolge offenbar systematisch ein. Keiner der Arbeiter, mit denen wir gesprochen haben, besitzt diese Dokumente, kein Berater kennt sie. „Der Umstand, dass die Dokumente offenbar einbehalten werden, deutet darauf hin, dass der Betrieb etwas zu verbergen hat“, sagt Sven Jürgens, Anwalt für Arbeitsrecht.

Die Firma Thiermann antwortet auf eine detaillierte Anfrage von BuzzFeed News über eine Augsburger Anwaltskanzlei. Diese schreibt, dass die Saisonarbeiter schriftliche Arbeitsverträge erhielten und diese im Büro aufbewahrt würden. Die Verträge würden auf Wunsch auch ausgehändigt. Der Vertrag unseres Reporters ist jedoch trotz mehrfacher Nachfrage auch gut drei Wochen später nicht ausgehändigt worden.

Spargelhof Thiermann: 6,60 Euro netto, bar auf die Hand – ist das noch Mindestlohn?

Thiermann bezahlt viele seiner Mitarbeiter nach Akkord. Geld gibt es nicht pro Stunde, sondern pro Kilo Spargel. Wir haben mit 27 Mitarbeitern gesprochen, bei jedem vierten waren die am Ende bar ausgezahlten Löhne auffallend niedrig.

Polnische Arbeiterinnen aus zwei unterschiedlichen Arbeitsgruppen berichten in einzelnen Gesprächen übereinstimmend, 6,80 Euro pro Stunde netto erhalten zu haben. Ein Mann, der Hilfsarbeiten auf dem Feld übernimmt, sagt, er bekomme 6,60 Euro pro Stunde. Aus Akkordlisten, auf denen die Tageslöhne kommuniziert werden, sind für drei Rumänen Summen notiert, die einen Stundenlohn von durchschnittlich 7,23 Euro ergeben. Ob Sozialabgaben gezahlt wurden? Krankenversicherung? Lohnsteuer? Das können die Saisonarbeiter:innen nicht nachvollziehen. 

Thiermann will auf Anfrage nicht auf Einzelfälle eingehen, schreibt aber, dass sich die Firma selbstverständlich „bei der Vergütung seiner Erntehelfer strikt an die gesetzlichen Vorgaben zum Mindestlohn“ halte. „Die Abzüge für Steuern und Sozialabgaben ergeben sich aus dem jeweils individuellen sozialversicherungsrechtlichen Status sowie der individuellen Steuerklasse (einschließlich steuerlicher Freibeträge) der Mitarbeiter.“ Pauschale Angaben zum individuellen Nettoverdienst ließen sich daher nicht treffen. Über den Mindestlohn hinaus zahle Thiermann seinen Mitarbeitern Leistungsprämien, „die bei routinierten Mitarbeitern zu einer deutlichen Aufstockung ihres Verdienstes führen“. Die Mitarbeiter seien bei der Unfallversicherung angemeldet, im Krankheitsfall gewähre Thiermann bereits ab dem ersten Tag die gesetzliche Lohnfortzahlung. Anfallende Krankenkosten übernehme Thiermann direkt.

Verstößt Thiermann gegen den Mindestlohn? Arbeitsrechtler spricht von „starken Indizien“

„Man kann nicht sicher sagen, ob es sich um Mindestlohnverstöße handelt, weil nicht klar ist, welche Abzüge der Betrieb macht“, sagt Eva Kocher, Professorin für Arbeitsrecht an der Viadrina-Universität in Frankfurt/Oder. „Aber diese niedrigen Löhne sind allemal erklärungsbedürftig.“ 

Ähnlich sieht das Arbeitsrechts-Anwalt Sven Jürgens, dem wir genauso wie Kocher unsere Recherchen vorgelegt haben. „Das sind starke Indizien, dass es sich bei den gezahlten Löhnen um Mindestlohnverstöße handelt“, sagt er. Der Mindestlohn sei so gestaltet, dass er in der Regel beim Arbeitnehmer ankommen müsse. „Bei gezahlten Netto-Stundenlöhnen zwischen 6 Euro und 7,50 Euro muss der Arbeitgeber schon erklären, warum das so wenig ist.“ Thiermann widerspricht dieser Einschätzung: „Es gibt keinerlei Indizien für Mindestlohnverstöße. Der Unterschied zwischen dem Brutto-Mindestlohn von € 9,50 und dem ausbezahlten Netto-Entgelt ist eine Folge der individuellen Steuer- und Sozialversicherungs-Abzüge.“

Das einzige offizielle Dokument, das Thiermann an seine Arbeiter herausgibt, ist ein einseitiger Anhang zum Arbeitsvertrag. Auf der A4-Seite steht, dass Thiermann sich an den gesetzlichen Mindestlohn hält. Zudem, dass die Arbeiter den jeweiligen Tageslöhnen zustimmen, wenn sie die Löhne nicht innerhalb von einem Tag reklamieren. 

Kocher und Jürgens halten diesen Absatz für unwirksam. „Die Verjährungsfrist beim Mindestlohn beträgt laut Gesetz drei Jahre, darauf kann nicht verzichtet werden“, sagt Kocher. „Die Arbeiter sollen hier offensichtlich von einer genaueren Überprüfung abgehalten werden.“ Thiermann antwortete nicht auf konkrete Fragen zu diesem Vertragsanhang. 

Unsere Undercover-Recherche auf dem Spargelhof Thiermann deckt Corona-Verstöße auf

Probleme gibt es bei der „Thiermann-Gruppe“ unseren Recherchen zufolge auch beim Einhalten der Corona-Regeln. Thiermann war zuletzt in die Schlagzeilen geraten, weil sich bis Ende vergangener Woche 151 Saisonarbeiter mit dem Coronavirus infiziert hatten. Als Arbeiter vor Ort erleben wir, dass die Regeln offenbar nur auf dem Papier existieren. Der Betrieb kontrolliert die Umsetzung nicht regelmäßig. 

Obwohl Arbeiter immer in der gleichen Gruppe arbeiten sollen, wechselt unser Reporter nach wenigen Tagen in eine andere Arbeitsgruppe. In den Bussen zum Feld tragen viele Saisonarbeiter ihre Masken nicht. In einer Situation erlebt unser Reporter sogar, wie sich zwei Arbeitsgruppen, die eigentlich getrennt voneinander Spargel stechen sollen, in einen einzigen Bus drängen. Es gibt keinen Abstand und kaum Masken. 

Unser Reporter, schreibt Thiermann, sei ausnahmsweise und „unter Einhaltung des Hygienekonzepts“ in eine andere Gruppe gewechselt, da seine erste Aufgabe für einen nicht geübten Arbeiter zu anspruchsvoll gewesen sei. „Für alle Thiermann-Betriebe bestand und besteht ein detailliertes Hygienekonzept. Bei konkreten Infektionen haben wir eng und vertrauensvoll mit den zuständigen Gesundheitsbehörden zusammengearbeitet, deren jeweilige Anweisungen maßgeblich sind.“*BuzzFeed News Deutschland ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

BuzzFeed News Deutschland recherchiert weiter zu Arbeitsausbeutung und Machtmissbrauch. Wenn Sie Informationen oder Dokumente haben, wenden Sie sich gerne vertraulich an recherche@buzzfeed.de. 

Update, 10. Juni 2021

In folgendem Absatz haben wir nach Rücksprache mit Anwälten von Thiermann eine zusätzliche Stellungnahme Thiermanns angefügt: „Bei gezahlten Netto-Stundenlöhnen zwischen 6 Euro und 7,50 Euro muss der Arbeitgeber schon erklären, warum das so wenig ist.“ Thiermann widerspricht dieser Einschätzung: „Es gibt keinerlei Indizien für Mindestlohnverstöße. Der Unterschied zwischen dem Brutto-Mindestlohn von € 9,50 und dem ausbezahlten Netto-Entgelt ist eine Folge der individuellen Steuer- und Sozialversicherungs-Abzüge.“

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