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Amazon: Was der Datenkrake alles über uns weiß - ein Selbstversuch

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Von: Jörg Heinrich

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Auge mit Amazon-Logo auf der Iris: Amazon sammelt alle Daten, die der Konzern von uns erfassen kann. 
Amazon sammelt alle Daten, die der Konzern von uns erfassen kann.  (Symbolbild) © Michael Weber/imago

Einkommen, Vorlieben, Ausgaben: Amazon sammelt alle Daten, die der Konzern von uns erfassen kann. Technik-Experte Jörg Heinrich hat seine Daten angefordert – und war schockiert.

München – Die Neugier von US-Technikriesen wie Facebook, Google oder Amazon ist sprichwörtlich. Sie sammeln die Daten ihrer Nutzer und Kunden über Jahrzehnte hinweg. So entstehen Profile, die sich perfekt für Werbezwecke eignen. Aber was steht in diesen Datensätzen, wie detailliert sind sie? Multimedia-Experte Jörg Heinrich hat seine Daten bei Amazon* angefordert.

Jeder Amazon-Kunde kann seine Daten anfordern

Diese Möglichkeit der Auskunft hat jeder Kunde. Die Ergebnisse zeigen, wie unfassbar groß die Datensammelwut von Firmen wie Amazon ist. Gut eine Woche nach der Anforderung stellt Amazon als Download ein kaum überschaubares Paket zur Verfügung. Es ist in meinem Fall 109,5 Megabyte groß und enthält beachtliche 7274 Dateien mit komplizierten Namen wie „Digital.Content.Ownership.9.json“, „Retail.Follow.csv“ oder „Payments.PaymentProducts.csv“. Transparent und praktisch ist das nicht. Es genügt aber, damit Amazon seine gesetzlichen Verpflichtungen in Sachen Datenschutz erfüllt.

Carola Elbrecht vom Bundesverband der Verbraucherzentralen kritisierte bereits 2019 gegenüber der Stiftung Warentest: „Das Lesen muss auch ohne Informatikstudium möglich sein, sonst läuft der Auskunftsanspruch ins Leere.“ Warentest hatte damals die Datenauskünfte zahlreicher Portale, darunter Amazon, Facebook, Google, WhatsApp, Instagram, Xing, Zalando, Tinder oder Parship, gecheckt – und war auf viele Mängel gestoßen.

So kommen Sie an Ihre Daten

Wer wissen möchte, was Amazon über ihn gespeichert hat, kann die Datenauskunft in seinem Kundenkonto („Konto und Listen“) beantragen. Dort geht es weiter mit den Menüs „Mein Konto“ und dann „Hilfe“. Hier steht weit unten der Eintrag „Sicherheit und Datenschutz“. Darunter findet sich der entscheidende Menüpunkt „Fordern Sie Ihre persönlichen Informationen an“. Hier müssen Nutzer „Meine Daten anfordern“ anklicken – und dann „Alle Ihre Daten anfordern“ auswählen. Das ganze Prozedere ist wohl nicht zufällig so kompliziert und schwer zu finden. Wer erfahren will, wie er seine Daten bei anderen Diensten anfordern kann, gibt in der Suchmaschine beispielsweise „Datenauskunft Facebook anfordern“ ein – oder eben Google, Instagram, Apple oder einen anderen Anbieter. 

Datensammler: Amazon erinnert sich an alles

Beim Durchstöbern meiner Datensätze werde ich an Einkäufe und Aktivitäten erinnert, die ich längst vergessen hatte. Aber Amazon erinnert sich an alles – auch an die 6862 Mails, die es mir seit 2001 geschickt hat. Sie sind alle in dem Paket enthalten. Und Amazon merkt sich jedes noch so skurrile Detail. So habe ich am 28. November 2012 bei einem kurzen Test von „Amazon Music“ Lenas ESC-Song „Taken By A Stranger“ gehört. Die einstigen Geschenke-Wunschlisten meiner längst erwachsenen Töchter hat der US-Händler auch aufbewahrt. Und am 10. Mai 2019 wollte ich informiert werden, wenn beim Lieferdienst Fresh wieder Sonnenblumenkernbrot der Hofpfisterei (500 Gramm) verfügbar ist.

Bei meinem Kindle-Lesegerät speichert Amazon unter anderem die Batteriestands-Statistiken, die Helligkeit (43 Prozent am 6. März 2020 um 11.29 Uhr) und die Lesezeiten in Millisekunden. Man fragt sich, warum sich Amazon dafür interessiert – und warum es solche Informationen jahrelang aufbewahren darf, offenbar ohne Verfallsdatum. Bei den Einkaufsstatistiken liefert Amazon erschreckende Summen. Habe ich sei 2011 wirklich einen vierstelligen Betrag für Kindle-Bücher und andere digitale Downloads ausgegeben? Wobei: Die meisten Krimis wie „Böser Wolf“ (gekauft am 25. November 2012) hat mein Vater gelesen.

Wie ich jetzt erfahre, habe ich am 16. Oktober 2001 um 20.25 Uhr und 17 Sekunden zum ersten Mal bei Amazon eingekauft, und zwar das Buch „Generation Golf“ von Florian Illies. Verdammt lang her. Jede einzelne Bestellung aus über 20 Jahren ist im 2,6 Megabyte großen Dokument „Retail.OrderHistory.2.csv“ verzeichnet. Und den schockierend hohen Gesamtbetrag, der sich aus der langen Einkaufsliste ergibt, erfährt meine Frau hoffentlich nie. Jedenfalls habe ich, als an sich datenschutzbewusster Verbraucher, viel zu viel bei Amazon bestellt, weil es eben so praktisch ist.

Amazon: Kunden finden mutmaßliches Einkommen im Datensatz

Und ich weiß jetzt, warum sich Gründer Jeff Bezos sein teures Raumfahrtprogramm leisten kann – es liegt auch an meinen Einkäufen. Amazon bemüht sich nach Kräften, zu verstehen, wofür ich mich interessiere und für welche Werbung ich empfänglich sein könnte. Als Lieblings-Sportteam gehen die Amerikaner vom FC Bayern München aus (dürfte stimmen).

Weil ich weder Amazons Smart Home, noch seine Apps, Spiele, Fotos, Musik oder Hörbücher nutze, weiß der US-Konzern wenigstens in diesen Kategorien nichts über mich. Trotzdem bleibt eine wahre Datenflut übrig: wo ich bis 2011 gewohnt habe, was ich am 14. Dezember 2014 für 1774 Sekunden auf Prime Video gesehen habe („Tatortreiniger“, Folge „Schweine“), wann eine Kreditkartenzahlung nicht funktioniert hat (3. April 2016). Amazon hortet alles.

Mein Glück ist, dass ich viele Dienste und vor allem auch die App des Internet-Händlers ganz bewusst nicht nutze. Gerade sie saugt offenbar viele Informationen vom Smartphone ab. Andere Kunden berichten, dass in ihrem Datensatz sogar das mutmaßliche Einkommen sowie wahrscheinliche Wohn- und Familienverhältnisse aufgelistet sind.

Amazon-Kunden können Daten nicht löschen lassen - aber es gibt einen Trick

Amazons Wohnzimmer-Wanze „Alexa“ kommt mir nie ins Haus. Aber die Ordner für meine (nicht vorhandenen) Alexa-Daten hat Amazon schon vorbereitet. Wer sich mit der Sprachassistentin unterhält, findet hier seine gesammelten Alexa-Dialoge als Abschrift, seine SmartHome-Geräte, seine Kalenderdaten und vieles mehr. Wobei: Dienstlich habe ich Alexa am 8. Oktober 2018 um 12.36 Uhr und 35 Sekunden getestet und gefragt: „Alexa, wie wird morgen das Wetter in München?“ Offenbar stand ein milder Herbsttag an. Denn sie hat mir geantwortet: „Morgen ist es in München, Bayern, wechselnd bewölkt, mit einer voraussichtlichen Höchsttemperatur von 19 Grad und einer Tiefsttemperatur von 6 Grad.“

Wer Alexa nach dem Scheidungsanwalt gefragt hat, nach pikanten sexuellen Vorlieben oder nach den Folgen einer Privatinsolvenz, kann nur hoffen, dass diese Daten niemals in falsche Hände geraten. Denn die Amazon-Assistentin hört nicht nur eifrig zu, sie schreibt auch alles mit. Seine Daten löschen lassen kann man als Kunde nicht. Löscht man aber sein Amazon-Konto, ist das Unternehmen verpflichtet, die Daten nach einigen Wochen ebenfalls zu löschen. Ein Trick: Wer sein Konto löscht und danach ein neues bei Amazon eröffnet, sorgt auf diesem Umweg dafür, dass er Kunde bleibt, die alten Daten aber gelöscht werden müssen. Dann beginnt das Sammeln allerdings von Neuem.*Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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