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Abschläge, Beiträge, Finanzierung: Die zwölf größten Renten-Irrtümer

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Das deutsche Rentensystem ist komplex. Daher kommen bei vielen auch immer wieder Fragen auf. Wir klären die größten Renten-Irrtümer auf.

München – Seit 1889 gibt es die gesetzliche Rentenversicherung. Bis heute wurde das System immer wieder angepasst. Dazu gehörten zuletzt zum Beispiel die Einführung von Mütter- und Grundrente. Das Problem: Mit jeder Anpassung und Veränderung entstehen neue Missverständnisse und Zweifel. Ist die Rente wirklich sicher? Finanztest (Heft 10/2022) ist dieser Frage – und anderen weitverbreiteten Thesen zum Thema Rente nachgegangen und klärt über viele Irrtümer zur Rente auf. Die wichtigsten Punkte im Überblick.

1. Die Rentenbeiträge sind immer weiter angestiegen.

Nein. Der Beitragssatz liegt derzeit bei 18,6 Prozent vom rentenversicherungspflichtigen Einkommen. Und damit nur unwesentlich höher als etwa 1983 bis 1984 (18,5 %). Niedriger war er 1993 (17,5 %). Danach lag er stets auf dem aktuellen Stand oder darüber, wie zum Beispiel 1997: mit 20,3 Prozent.

2. Die gesetzliche Rente wird immer mehr abgesenkt.

Nein. Die individuellen Renten sinken nicht. Das ist durch die staatliche Rentengarantie ausgeschlossen. Allerdings kann das Rentenniveau sinken – es zeigt das Verhältnis zwischen der Höhe einer durchschnittlichen Rente und dem durchschnittlichen Einkommen eines Arbeitnehmers.

3. Ich bekomme später keine gesetzliche Rente. Das System ist am Ende.

Das ist extrem unwahrscheinlich. Beispiel Finanzkrise: Die Folgen prallten praktisch am Rentensystem ab. Und jetzt sieht es so aus, als ob auch die Corona-Pandemie keine nachhaltigen Probleme bereitet. Das heißt aber nicht, dass das System nicht vor Herausforderungen steht. Bei hoher Arbeitslosigkeit, zum Beispiel verursacht durch die Energiekrise, würden die Beiträge wegbrechen. Auch die (Über-) Alterung der Bevölkerung ist für das Umlagesystem problematisch, da das System darauf angewiesen ist, dass es viele und hohe Beiträge Einzahlende gibt, die die Renten der Älteren finanzieren.

Es gibt aber Möglichkeiten, das System zu stabilisieren, zum Beispiel durch staatliche Zuschüsse, man könnte auch den Versichertenkreis um Beamte und Selbstständige erweitern oder das Renteneintrittsalter erhöhen.

4. Die Rentenkasse legt meine Beiträge an. Daraus zahlt sie später die Rente.

Nein. Bis auf eine kleine Reserve, die unerwartete Schwankungen ausgleichen soll, nutzt die gesetzliche Rentenversicherung die Beiträge der Versicherten, um sie direkt an die Rentner auszuzahlen. Den Versicherten werden dafür Entgeltpunkte gutgeschrieben, aus denen sich später ihre Rente berechnet, die dann wiederum von der nächsten Generation bezahlt wird. Die Ampel-Regierung plant jetzt aber den Einstieg in die sogenannte Kapitalabdeckung, bei der investiertes Geld Erträge erwirtschaften soll. Zehn Milliarden Euro sollen als Fonds angelegt werden. Das ist im Vergleich allerdings nicht viel. 2020 lagen die Ein- und Ausgaben der Rentenversicherung bei rund 334 bzw. bei 338 Milliarden Euro.

5. Die Grundrente für Niedrigverdienende muss ich beantragen.

Nein, die Rentenversicherung ermittelt die Ansprüche automatisch und zahlt sie entsprechend auch aus. Beantragen müssen Versicherte aber die Altersrente, die Altersrente für Schwerbehinderte und die Erwerbsminderungsrente.

6. Für die Grundrente muss man 35 Jahre sozialversicherungspflichtig gearbeitet haben.

Nein. Um die volle Grundrente zu bekommen, müssen Versicherte mindestens 35 Jahre Grundrentenzeiten vorweisen können. Dazu zählen neben den Pflichtbeiträgen aus Beschäftigung zum Beispiel auch Kindererziehungszeiten oder Zeiten der ehrenamtlichen Pflege und vieles andere.

Ein Mann sitzt vor einem Laptop und schreibt etwas in ein Heft.
Beim Thema Rente gibt es immer noch ein paar weit verbreitete Irrtümer. © Xavier Lorenzo/Imago Images

7. Als Topverdiener müsste ich eigentlich eine höhere Rente kriegen.

Nein. Topverdiener mit sehr hohem Gehalt zahlen nicht auf ihren kompletten Bruttoverdienst Rentenbeiträge, sondern nur bis zur Beitragsbemessungsgrenze. Die liegt aktuell bei 84.600 Euro im Jahr.

8. Nach 45 Jahren Arbeit müsste meine Rente höher ausfallen.

Nicht unbedingt. Es kommt nämlich nicht nur darauf an, wie lange man gearbeitet hat, sondern auch darauf, wie viel man verdient hat. Das gilt immer noch, auch wenn der Grundrentenzuschlag bei vielen Niedrigverdienern die Rente anhebt.

9. Zahle ich weniger als fünf Jahre ein, sind meine Beiträge futsch.

Nein. Wer weniger als fünf Jahre in die Rentenkasse einbezahlt hat, kann sich, wenn er das reguläre Rentenalter erreicht hat, seine eingezahlten Beiträge erstatten lassen. Oft ist es aber günstiger, fehlende Zeiten vorher durch freiwillige Beitragszahlungen auszugleichen und sich so eine gesetzliche Rente zu sichern.

10. Die abschlagsfreie Frührente beginnt mit 63.

Nein. Die Rente für besonders langjährige Versicherte – wie sie offiziell heißt – soll Langversicherten mit mindestens 45 Versicherungsjahren einen frühen Rentenstart ohne Abschläge ermöglichen. Das ging früher, wenn man 63 Jahre alt war. Da das Renteneintrittsalter aktuell stufenweise angehoben wird, verschiebt sich der Zeitpunkt nun auf 65 Jahre. Mit 63 Jahren kann man aber auch heute in Rente gehen, allerdings nur mit Abschlägen. Jeder Monat, den man vor dem regulären Renteneintritt in Rente geht, kostet 0,3 Prozent.

11. Abschläge fallen weg, wenn man das reguläre Rentenalter erreicht hat.

Nein, die Rentenabschläge bei vorzeitigem Rentenbeginn bleiben bis zum Lebensende bestehen.

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12. Ob man Ost oder Westrente erhält, hängt vom Wohnort ab.

Nein. Das hängt von den jeweiligen Beschäftigungsorten ab. Wer 20 Jahre in Dortmund und 20 Jahre in Schwerin gearbeitet hat, dessen Rente wird aus den Teilwerten für Ost und West berechnet. Das gilt auch für spätere Rentenerhöhungen.

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