Gastbeitrag von Dr. Bert Flossbach

Ohne Aktien geht es nicht

Dr. Bert Flossbach ist einer der bekanntesten Vermögensverwalter Deutschlands.
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Dr. Bert Flossbach ist einer der bekanntesten Vermögensverwalter Deutschlands.

Wer die Kaufkraft seines Vermögens langfristig erhalten will, braucht Sachwerte. Sparbuch und Festgeldkonto helfen leider nicht weiter, schreibt der Chef des bekannten Kölner Vermögensverwalters Flossbach von Storch, Bert Flossbach im Gastbeitrag. 

Köln - Die Inflation ist zurück. Und es spricht einiges dafür, dass sie bleibt, selbst wenn sich die – von der Corona-Pandemie verursachten – Lieferengpässe* und Knappheiten schon in den kommenden Wochen und Monaten wieder auflösen sollten. Was im Übrigen mit dem ein oder anderen Fragezeichen zu versehen ist.

Hinzukommen die sogenannten Zweitrundeneffekte. Nehmen wir die Gewerkschaften als Beispiel. Deren Verhandlungsführer werden bei den anstehenden Lohnverhandlungen sicherlich auf die allgemeine Preisentwicklung verweisen und einen Nachschlag verlangen; zumal in einigen Branchen händeringend nach Fachkräften gesucht wird. Höhere Löhne wirken inflationstreibend.

Stimme der Ökonomen
Klimawandel, Lieferengpässe, Corona-Pandemie: Wohl selten zuvor war das Interesse an Wirtschaft so groß wie jetzt. Das gilt für aktuelle Nachrichten, aber auch für ganz grundsätzliche Fragen: Wie passen die milliarden-schweren Corona*-Hilfen und die Schuldenbremse zusammen? Was können wir gegen die Klimakrise tun, ohne unsere Wettbewerbsfähigkeit aufs Spiel zu setzen? Wie sichern wir unsere Rente? Und wie erwirtschaften wir den Wohlstand von morgen?
In unserer neuen Reihe Stimme der Ökonomen liefern Deutschlands führende Wirtschaftswissenschaftler in Gastbeiträgen ab sofort Einschätzungen, Einblicke und Studien-Ergebnisse zu den wichtigsten Themen der Wirtschaft – tiefgründig, kompetent und meinungsstark. Immer samstags.

Die Inflation ist gekommen, um zu bleiben

Nicht zu vergessen die drei „D“: Deglobalisierung, Dekarbonisierung und Demographie. Sie dürften die Inflation langfristig anschieben. Wird die Globalisierung teilweise rückabgewickelt, werden also beispielsweise Produktionsstandorte aus Niedriglohnländern zurück in die Heimat verlegt, steigen die Produktionskosten. Auch die Dekarbonisierung der Wirtschaft, der Umbau zu einer ressourcenschonenderen Wirtschaft, hat seinen Preis. Die Demographie, die Bevölkerungsalterung, wiederum verknappt das Angebot an Fachkräften; die auf dem Arbeitsmarkt Verbliebenen dürfen sich über deutliche Lohnzuwächse freuen.

Unter dem Strich spricht also vieles dafür, dass die Inflationsraten in den kommenden Jahren (deutlicher) über den zwei Prozent Teuerung liegen werden, die die Europäische Zentralbank (EZB) als „stabil“ betrachtet. Und eigentlich hieße das, die EZB müsste die Zinsen anheben, um die Inflation im Zaum zu halten.

In Wahrheit sind ihr die Hände gebunden, ihre Möglichkeiten begrenzt. Denn wenn sie die Zinsen deutlich anhöben, könnten viele Schuldner ihre Schulden nicht mehr bezahlen; weil die ihnen längst über den Kopf gewachsen sind – und das nicht erst seit Pandemie-Ausbruch und den gewaltigen Corona-Hilfspaketen.

Ein deutlicher Zinsanstieg wäre für viele Schuldner nicht zu stemmen

Das gilt für Staaten, für Unternehmen, aber auch für viele Privatpersonen. Nehmen wir den ein oder anderen Immobilienkäufer als Beispiel: Eine Pleitewelle wäre die Folge jeder allzu ambitionierten Zinserhöhung, massive Verwerfungen auf den Immobilienmärkten, womöglich die nächste Krise des Geld- und Finanzsystems. Kein Notenbanker, keine Notenbankerin wird derartige Kollateralschäden einer strengeren Geldpolitik riskieren (wollen).

Der Zins bleibt also tief, weil er es muss. Weil die Notenbanken nicht anders können. Jede Anpassung nach oben dürfte deshalb aus ihrer Sicht kaum mehr werden als der Versuch, so zu tun, als ob man noch alles im Griff hätte.

Solange die Inflation nicht völlig aus dem Ruder läuft, sind die Konsequenzen überschaubar. Erst wenn die Menschen die Geldwertstabilität ernsthaft anzweifeln und das Geld nicht mehr als Wertaufbewahrungsmittel nutzen, würde sich dies ändern. Dazu müsste die Inflation aber dauerhaft ein zweistelliges Niveau erreichen, was nicht zu erwarten ist.

Sparbuchfans und Anleihebesitzer sollten umdenken

Sparbuchfans oder Anleihebesitzer sollten die aktuelle Entwicklung aber nicht ignorieren. Bei einem Zins von null reichen schon drei Prozent Inflation, um den realen Wert eines Vermögens langfristig zu dezimieren.

Aktien und Gold sind in diesem Umfeld die einzigen liquiden Anlageklassen, die zukünftig noch einen Schutz vor Inflation und einen realen Wertzuwachs ermöglichen. Daran würde sich auch nichts ändern, wenn die Inflation wieder fiele. Nur ein deutlich steigendes Zinsniveau oder eine dauerhaft schrumpfende Wirtschaft würden die Attraktivität von Aktien schmälern. Beides erscheint uns aus heutiger Sicht unwahrscheinlich.

Was aber nicht heißt, dass die Aktienmärkte in der Zwischenzeit nicht kräftig schwanken könnten. Die Börse wird das Risiko steigender Zinsen nicht völlig ausblenden, sondern mal mehr und mal weniger stark in Betracht ziehen, auch wenn immer offensichtlicher wird, dass es keine „Zinswende“ geben wird.

Wer Aktien kaufen möchte, sollte aber genau hinschauen. Die Auswahl ist heute wichtiger denn je. Denn für Unternehmen ist ein dauerhafter Anstieg der Inflationsraten eine Herausforderung. Nicht alle werden sie meistern. Eine hohe Wettbewerbsfähigkeit, Ertragskraft und ein weitsichtiges Management sind in einem solchen Umfeld besonders wichtig. Aktie ist also nicht gleich Aktie.

Dr. Bert Flossbach ist Gründer und Vorstand der Flossbach von Storch AG in Köln.

*Merkur.de ist Teil von IPPEN.MEDIA

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