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Elektroautos: Auch China diskutiert Aus für Verbrenner - doch es gibt ein Problem

Ein Nio ES6 und ein Nio ES8 im Einkaufszentrum Wanda Plaza in Peking.
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Elektroautos aus China: Zwei Modelle des erfolgreichen Startups Nio.

Auch in China sorgen Autos für hohe CO2-Emissionen. Nun wird auch dort über ein Ende des Verkaufs neuer Verbrenner debattiert. Noch gibt es kein Enddatum - denn die Sache hat einen Knackpunkt.

  • Ein Expertengremium in China empfiehlt der Volksrepublik den Ausstieg aus dem Verbrennungsmotor.
  • 44 Prozent der weltweiten Elektroautos wurden in den letzten zehn Jahren in China produziert.
  • China fördert seit Jahren die Elektromobilität und erlässt strenge Regeln für traditionelle Autos.
  • Dieser Artikel liegt IPPEN.MEDIA im Zuge einer Kooperation mit dem China.Table Professional Briefing vor – zuerst veröffentlicht hatte ihn China.Table am 11. Oktober 2021.

Peking/Berlin – China ist einer der größten Märkte für Autos mit alternativen Antrieben. Fahrzeuge mit elektrischem, Wasserstoff- oder Hybrid-Antrieb (New Energy Vehicles – NEV) machen in der Volksrepublik mittlerweile 18 Prozent aller Autoverkäufe aus. Der Umstieg auf E-Autos läuft schneller als geplant. Pekings Ziel eines Anteils von NEV-Verkäufen von 20 Prozent für 2025 ist schon heute fast erreicht. Gleichzeitig wachsen die CO2-Emissionen des Verkehrssektors massiv. Immerhin sind noch gut 80 Prozent aller verkauften Autos klimaschädliche Verbrenner. Welche Maßnahmen verfolgt Peking, um diesen Anteil weiter zu senken?

China: Beratungsgremium empfiehlt Verbrenner-Ausstieg

Bislang hat China* kein Datum für den Ausstieg aus dem Verbrennungsmotor bekannt gegeben. Ein hohes Beratungsgremium der chinesischen Regierung hat kürzlich jedoch „klare Wegmarken“ für die „schrittweise Abschaffung von Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor“ vorgeschlagen. Der China Council for International Cooperation on Environment and Development (CCICED) hat in einem Bericht dargelegt, wie China zum Klimaschutz beitragen soll. Die Analysten von Trivium China nennen die Studie „wegweisend“. Das CCICED ist direkt mit dem Staatsrat verbunden. Den Vorsitz führt der stellvertretende Ministerpräsident Han Zheng.

Schon 2017 hatte die Regierung einen möglichen Zeitplan für den Ausstieg aus Verbrenner-Autos diskutiert – war damals aber zu keinem Entschluss gekommen. Offizielle Regierungsdokumente sehen jedoch vor, dass batteriebetriebene E-Autos bis 2035 den Großteil der verkauften Autos ausmachen, ohne jedoch klare Zielmarken zu setzen, so Barbara Finamore, Energieexpertin und Autorin des Buchs „Will China Save the Planet?“ (Wird China den Planeten retten?) gegenüber China.Table. Öffentliche Flottenfahrzeuge wie Busse, Taxis und Lieferfahrzeuge sollen ab 2035 komplett elektrisch fahren.

China: Verbrenner-Ausstieg industriepolitisch sinnvoll?

Auf den ersten Blick sprechen einige industriepolitische Argumente für einen baldigen Verbrenner-Ausstieg Chinas. 44 Prozent der weltweit hergestellten E-Autos wurden in den letzten zehn Jahren in China produziert. Die Volksrepublik dominiert die Produktion von E-Autobatterien und die Lieferketten für wichtige Batterierohstoffe. Die eigene Auto-Industrie ist im NEV-Bereich wettbewerbsfähiger als bei der Herstellung von Verbrennern.

Mit einem Aus des Verbrenners würde die Volksrepublik westlichen Wettbewerbern, die in China noch immer eine große Anzahl davon verkaufen, den Zugang zu einem ihrer wichtigsten Märkte abschneiden – beziehungsweise sie zwingen, nur noch E-Autos anzubieten. Das würde aber auch die einheimischen Joint-Venture-Partner westlicher Autobauer treffen und Arbeitsplätze in China vernichten.

Auch bei der Infrastruktur für Elektroautos ist China im internationalen Vergleich sehr gut aufgestellt. Die Volksrepublik hat in den letzten Jahren zwei von drei weltweit gebauten Ladepunkten errichtet. In China teilen sich umgerechnet sechs Autos einen Ladepunkt, während es in Deutschland derzeit 17 Autos pro öffentlichem Ladepunkt sind.

China: Risiken bei schnellem Ausstieg aus dem traditionellen Verbrenner

Doch zahlreiche und stärkere Argumente sprechen gegen einen schnellen Verbrenner-Ausstieg Chinas. Finamore gibt zu bedenken, dass Chinas derzeitige wirtschaftliche Sorgen groß seien. Sie bezweifelt deswegen, dass „die chinesische Führung bereit wäre, das wirtschaftliche Risiko einzugehen, den Verkauf von Autos mit Verbrenner-Antrieb so schnell wie möglich einzustellen“. Die Autoindustrie sei ein viel zu wichtiger Wirtschaftsfaktor. Daher werde die Regierung kaum Risiken eingehen.

Bei den Ladepunkten für E-Autos gilt in China der Grundsatz „Masse statt Klasse“. Besonders im ländlichen Raum sind manche Ladepunkte häufig defekt oder schwer zu bedienen. Finamore sagt: „E-Autos werden sich in jedem Fall nur schwierig außerhalb der großen Städte durchsetzen.“ Sie schreibt, die Regierung müsse „starke Unterstützung bereitstellen und das öffentliche Ladenetz des Landes weiter ausbauen“.

Ilaria Mazzocco, China-Energieexpertin vom US-amerikanischen Center for Strategic & International Studies, hält einen Verbrenner-Ausstieg für unwahrscheinlich. China sei der größte Automarkt der Welt, so dass ein Ausstieg nicht leicht zu erreichen wäre. Mazzocco betont zudem: „In China gibt es viele ärmere ländliche Regionen mit begrenzter NEV-Durchdringung, was einen Ausstieg zu einer großen Herausforderung macht.“ Reichere Provinzen und vor allem die Boom-Städte könnten bei der Dekarbonisierung des Verkehrssektors Maßnahmen wie ein Verbrenner-Verbot jedoch in Betracht ziehen, so Mazzocco gegenüber dem China.Table.

Auch in der EU* wird derzeit der Ausstieg aus dem Verbrennungsmotor diskutiert. Die EU-Kommission* hat im Juli dieses Jahres vorgeschlagen, die CO2-Emissionen von Neufahrzeugen bis 2035 um 100 Prozent zu senken. De facto wäre das ein Ausstieg aus dem Verbrennungsmotor ab 2035. Ein Verbrenner-Ausstieg in China wäre demnach kein industriepolitischer Vorteil mehr, da sich die internationalen Autokonzerne ohnehin umstellen müssten.

China erwägt neue Maßnahmen zur Emissionsreduktion

Um den Anstieg der CO2-Emissionen im Verkehrssektor zu bremsen, zieht China andere Instrumente in Betracht. Auf Ministeriumsebene wird diskutiert, den Verkehrssektor in den Handel mit CO2-Zertifikaten aufzunehmen. Die Nachrichtenagentur Reuters spekuliert, dass dadurch auch das „Green Car Credit System“ abgelöst werden könnte. Im Rahmen dieses Systems erhalten die Autohersteller derzeit Gutschriften für den Verkauf von Elektrofahrzeugen oder kraftstoffsparenden Fahrzeugen – mit denen sie Strafzahlungen für ihre kohlenstoffintensiveren Modelle ausgleichen können. Das Kredit-System ist bis mindestens 2023 in Kraft.

Schon in den letzten Jahren hatte China zudem die Abgasnormen für Verbrenner verschärft. Ab 2025 muss der Flottenverbrauchsdurchschnitt bei vier Litern auf 100 Kilometer liegen. Bis 2020 hatte die Vorgabe bei einem Durchschnitt der Neuwagen eines Anbieters bei fünf Liter Verbrauch auf 100 Kilometer gelegen. Chinas E-Autobauer hätten von diesen Maßnahmen stark profitiert, so Mazzocco. „Aus rein industriepolitischer Sicht ist es unklar, ob ein Verbot von Verbrenner-Verkäufen überhaupt notwendig ist.“

China: Elektroautos wegen Kohlestrom kurzfristig nicht klimafreundlich

Hinzu kommt: Klimapolitisch wäre wenig gewonnen, wenn China Verbrennungsmotoren bald verbieten würde. Zwar ist Chinas Transportsektor sehr energiehungrig. Schon heute ist er für zehn Prozent der CO2-Emissionen des Landes verantwortlich und liegt hinter der Industrie auf Platz zwei der größten Energieverbraucher. Die Emissionen des Transportsektors sind zwischen 2013 und 2018 um 23 Prozent angestiegen. Verbrennerautos machen den größten Anteil der CO2-Emissionen des Transportsektors aus. Umso dringender wird ein Umstieg auf E-Autos, wenn China seine Klimaziele erreichen will.

Doch dem emissionsfreien Verkehr steht eine Hürde im Weg: Chinas Abhängigkeit von der Kohle. Der klimaschädlichste aller Energieträger macht noch immer fast zwei Drittel des chinesischen Strommixes* aus. Sehr stark vereinfacht heißt das: zwei von drei Kilometern, die ein E-Auto derzeit in China fährt, verursacht es CO2-Emissionen. Selbst wenn es China gelänge, die wachsende Flotte von E-Autos ausschließlich mit erneuerbaren Energien aufzuladen, wäre den Klimazielen nicht gedient, wenn dadurch andere Sektoren länger fossile Energien verbrauchen, weil noch nicht genug Strom aus erneuerbaren Energien erzeugt wird. Das zeigt, vor welch immensen Herausforderungen China beim Aufbau der erneuerbaren Energien steht. Ein Verbrenner-Ausstieg müsste also mit weitreichenden Maßnahmen flankiert sein, um in Sachen Klima nicht nur Symbolpolitik zu sein.

Von Nico Beckert

Nico Beckert ist seit Januar 2021 Redakteur für die Table.Media Professional Briefings. Seine Themenschwerpunkte sind die deutsch-chinesischen Beziehungen, Wirtschaft und Finanzen, die Neue Seidenstraße sowie chinesische Klimapolitik. Zuvor schrieb Beckert als freier Autor für den Tagesspiegel und den Freitag.

Dieser Artikel erschien am 11. Oktober 2021 im Newsletter China.Table Professional Briefing – im Zuge einer Kooperation steht er nun auch den Lesern der IPPEN.MEDIA-Portale zur Verfügung. *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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