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Chinas Krisenkonzern: Lässt Evergrande die Kleinanleger hängen? Debakel bedroht sogar die Partei

Luftaufnahme einer vom Immobilienkonzern Evergrande errichteten Wohnanlage in Huai An, Provinz Jiangsu, China
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Kleinanleger in Angst vor der Evergrande-Pleite: Wohnanlage des Konzerns in der ostchinesischen Provinz Jiangsu

Zehntausende Kleinanleger fürchten in China den Zusammenbruch des Immobilienkonzerns Evergrande. Auch die KP ist in Sorge: Wie Präsident Xi Jinping die Krise löst, wird seine Zukunft mitbestimmen.

  • Chinas Kleinanleger fürchten die Zerschlagung des überschuldeten Evergrande-Konzerns.
  • Zahlungsausfälle drohen, verzweifelte Gläubiger demonstrieren vor Evergrande-Zentrale.
  • Wird Peking Evergrande zerschlagen? Für die Kommunistische Partei steht einiges auf dem Spiel.
  • Dieser Artikel liegt IPPEN.MEDIA im Zuge einer Kooperation mit dem China.Table Professional Briefing vor – zuerst veröffentlicht hatte ihn China.Table am 1. Oktober 2021.

Shanghai/Berlin – Zinsen von 7,5 Prozent hatte Frau Liu aus Shanghai von ihrem Bankberater angepriesen bekommen, wenn sie Geld in Wertpapiere von Evergrande anlegt. Sie investierte, denn wenig andere Finanzprodukte bieten so hohe Rendite. Die Vermögensverwaltungsprodukte von Evergrande gelten als so gut „wie garantiert“, wie ihre Bank betonte – die sicherte ihr auch zu, dass Evergrandes Finanzprodukte für „konservative Anleger eine stetige Rendite“ abwerfen.

Seitdem bekannt ist, dass der Immobilienentwickler, der neben Anleihen für Großinvestoren und Banken eben auch Vermögensverwaltungsprodukte für kleine Privatanleger vertreibt, auf einem Schuldenberg von mehr als 300 Milliarden US-Dollar* sitzt, schläft Frau Liu schlecht. „Alle meine Ersparnisse habe ich investiert. Es ist für unsere Altersvorsorge. Wir haben hart dafür gearbeitet. Jetzt ist alles weg“, sagt sie zu China.Table.

Liu gehört zu den rund 80.000 Kleinanlegern, die ihr Geld in Finanzprodukte von Evergrande investiert haben. Wie sie haben Mitarbeiter von Evergrande, ihre Familienmitglieder, deren Freunde und Bekannte in den vergangenen fünf Jahren ihr Geld in Produkte von Evergrande Wealth Managment angelegt: Umgerechnet wurden mehr als 13,3 Milliarden Euro investiert. Evergrandes Vermögensverwaltungsarm ist durch seine Bauprojekte im ganzen Land bekannt und genoss durch die breite Sichtbarkeit des Immobilienriesen einen guten Ruf.

China: Wird Peking den Krisenkonzern Evergrande zerschlagen?

Evergrande-Gründer Xu Jiayin hatte noch vor kurzem öffentlich zugesichert, dass Evergrande seine Verpflichtungen gegenüber Immobilienbesitzern, Anlegern, Partnerfirmen und Banken erfüllen werde. In einem Brief an seine Mitarbeiter zum chinesischen Mondfest im September versuchte Xu, Zuversicht zu verbreiten. Es sei sicher, dass das Unternehmen „seine dunkelste Stunde“ hinter sich lassen werde. Aber das war nur Tage, bevor neue Gerüchte die Runde machten, dass Peking den Immobilienentwickler wohl fallen lassen wird. Noch ist das nicht geschehen, aber die Gerüchte halten sich hartnäckig.

Etwa die Hälfte der Verbindlichkeiten von Evergrande bestehen gegenüber Lieferanten und Handelspartnern, Kunden, Mitarbeitern und Banken. Doch Evergrande hat auch von mehr als 1,5 Millionen Hauskäufern Anzahlungen für Immobilien erhalten, die zum Teil noch nicht einmal gebaut sind. Die Hauskäufer haben nicht nur Sorgen um die Fertigstellung der Bauprojekte. Sie befürchten darüber hinaus, dass sie die Kredite, die sie für den Kauf von Immobilien aufgenommen haben, trotzdem bezahlen müssen – auch wenn sie am Ende mit leeren Händen dastehen.

Immobilien haben in China* eine enorme Bedeutung: Etwa 90 Prozent der Bevölkerung besitzen Eigentum. Das Betongold macht bis zu 70 Prozent des Gesamtvermögens der Menschen in Großstädten aus. Derzeit aber ruht mindestens die Hälfte der etwa 800 Immobilienprojekte von Evergrande; viele Baustellen sind schon seit Monaten verwaist. Rund 200 Milliarden US-Dollar haben Familien für Anzahlungen von Wohnungen von Evergrande ausgegeben, so schätzte Gabriel Felbermayr, Präsident des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel, im Deutschlandfunk. Schon seit Wochen kommt es immer wieder zu Protesten. Viele Menschen sind verzweifelt und wütend.

Evergrande-Angebot: Sachwerte statt Geld

„Im Moment ist es für Evergrande schwierig, 40 Milliarden Yuan (umgerechnet 5,3 Milliarden Euro) auf Einmal für die Vermögensverwaltungsprodukte zurückzuzahlen“, sagte Du Liang, Geschäftsführer von Evergrande Wealth Management zuletzt laut dem Wirtschaftsmagazin Caixin. „Investoren können mit Renditen rechnen, sobald die Immobilienprojekte von Evergrande verkauft worden sind“, fügte er hinzu.

Evergrande Wealth Management ging am 9. September mit einem Plan an die Öffentlichkeit. Er sieht vor, dass Anleger innerhalb von fünf Jahren ihr Geld in bar ausgezahlt bekommen. Doch die meisten von ihnen lehnten den Plan weitgehend ab – wohl wissend, dass fünf Jahre eine lange Zeit sind. Sie gehen damit das Risiko ein, dass die Zahlungen ganz ausbleiben, sollte Evergrande zerschlagen werden – weil es eben doch nicht „too big to fail“ ist, und eine Zahlungsunfähigkeit droht. 

Zuletzt sagte der Konzern Investoren zu, dass sie als Entschädigung zwischen Wohngebäuden, Wohnungen, Geschäftsimmobilien und Parkplätzen wählen könnten. Evergrande versprach laut dem China Securities Journal, die Zahlung von Sachwerten in der zweiten Hälfte jedes Monats abzuwickeln und eine zentralisierte Registrierung und Online-Wohnungsauswahl einzurichten. Erst Ende September wurden die Manager der Vermögensverwaltung von Evergrande von den Behörden vorgeladen, damit diese Einsicht in die Bücher bekommen und das Ausmaß des Schadens bewerten können.

Evergrande: Proteste aufgebrachter Kleinanleger und anderer Gläubeiger

„Ich will mein Geld zurück, sonst springe ich“ droht eine Frau, die von Sicherheitsleuten von einem Glasgeländer am Hauptsitz von Evergrandes Bürogebäude in Shenzhen* zurückgehalten wird. Um sie herum herrscht Tumult. Mit ihr sind andere Wohnungskäufer da, die nach Bekanntwerden der Probleme gekommen sind, um Verantwortliche zur Rede zu stellen. Ein Video dieser Szene wurde in den sozialen Medien an jenem September-Wochenende geteilt, an dem die Menschen mit der Familie das Mondfest begingen und das Land im Feiertagsmodus war. Eigentlich eine friedliche Zeit – doch dieses Jahr bewachten Polizisten Bürogebäude von Evergrande im ganzen Land. Sie fürchteten Demonstrationen und Proteste.

In der südchinesischen Stadt Chongqing etwa gingen Tausende Menschen erst vergangene Woche auf die Straße, um gegen Evergrande zu protestieren. Es sind nicht nur Anleger; oft sind darunter auch Lieferanten oder Subunternehmer, die auf die Zahlungen ihrer Rechnungen oder Gehälter von Evergrande warten. Die Videos und Bilder auf den sozialen Medien setzen nicht nur Evergrande unter Druck.

Wie groß die Wut der Menschen ist, die ihr Geld bei Evergrande – sei es in Wohnungen oder Vermögensverwaltungsprodukte – investiert haben, ist derzeit in einem Onlinevideo zu beobachten, in dem eine Frau den Evergrande-Gründer Xu Jiayin bei einer Gläubigerversammlung wüst beschimpft. Wie er es geschafft habe, sich so zu verschulden und so verantwortungslos mit dem Geld der Menschen zu zocken, schreit sie den Milliardär Xu vor versammeltem Publikum an und haut dabei – wie es eigentlich sonst nur für Chefs üblich ist – demonstrativ mit der flachen Hand auf den Konferenztisch.  Es ist eher als Verzweiflung denn als Drohgebärde zu sehen. Viele der Kleinanleger und Kleinanlegerinnen, die in Evergrande investiert haben, warten seit Monaten vergeblich auf Zinszahlungen. Geld, womit sie bei ihren Investitionen geplant haben und das im Alltag gebraucht wird. 

China in der Evergrande-Krise: Erfolgsgeschichte der KP in Gefahr

Aber auch die Zentralregierung in Peking* gerät immer mehr unter Druck. Die Bürger wollen einen starken Staat, der sie beschützt. Das hat in der Coronakrise, trotz teils harscher Einschränkungen, gut funktioniert. Die Bevölkerung honoriert die Maßnahmen zu ihrem Schutz mit hohen Zustimmungsraten. Wenn es aber an die Substanz geht, ist es nicht weit her mit der Leidensfähigkeit und der Geduld. Die Botschaft, die die Kommunistische Partei* offensichtlich senden will, ist klar: Auch größte Player in der chinesischen Wirtschaft sind nicht too big to fail. Auch sie müssen sich den Direktiven aus Peking beugen. Zuletzt hat die chinesische Regierung das in der Technologiebranche* an den großen Namen wie Alibaba*, Didi und Tencent* demonstriert.

Trägt die Regierung diesen Konflikt allerdings auf dem Rücken der Kleinanleger aus, geht sie ein großes Risiko ein. Sie trifft damit die Bevölkerung, wo es am meisten schmerzt – dem Geldbeutel. Und da hört jeder Spaß auf. Den wichtigsten Teil ihrer Legitimität zieht die Kommunistische Partei nach wie vor aus der Tatsache, dass sie Millionen von Chinesen aus der Armut gehoben hat. Es ist ein Narrativ, das auch Staats- und Parteichef Xi Jinping* nicht müde wird, immer und immer wieder zu betonen. Nicht auszudenken, was passiert, wenn die KP Tausende Kleinanleger und -anlegerinnen über die Klinge springen lässt, sie um deren Altersfinanzierung, angespartes Finanzpolster oder Eigentumswohnungen bringt.

Es gab schon kleinere Anlässe, die die Partei in Aufruhr versetzt haben. Aber Xi Jinping pokert höher. Seine Zukunft hängt auch daran, wie er diesen Konflikt auflösen wird. Zuletzt sprachen Analysten sogar davon, dass die Finanzprodukte von Evergrande womöglich einem Schneeballsystem unterlagen. Das dürfte zu noch mehr Aufregung führen.

Von Ning Wang

Die Journalistin Ning Wang arbeitet seit 2020 als Redakteurin für die Table.Media Professional Briefings und schreibt über Themen zu Wirtschaft, Politik, Kultur und Gesellschaft. Davor berichtete sie aus Peking als China-Korrespondentin für den Tagesspiegel, schrieb für die Neue Züricher Zeitung am Sonntag und Zeit Online.

Dieser Artikel erschien am 1. Oktober 2021 im Newsletter China.Table Professional Briefing– im Zuge einer Kooperation steht er nun auch den Lesern der IPPEN.MEDIA-Portale zur Verfügung. *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA. *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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