Folgen des Lockdowns sind enorm

Krise nach Coronavirus: Wie stark müssen künftige Generationen leiden? Stiftung schlägt Alarm

Schon früh prognostizierte die EU-Kommission die größte Wirtschaftskrise in der Geschichte der EU. Nun scheint der Einbruch wohl noch schlimmer zu werden. Experten schildern ein düsteres Szenario.

  • Die Corona*-Krise führt in den Ländern der Europäischen Union zu einem dramatischen Wirtschaftseinbruch.
  • Wie die EU-Kommission nun mitteilte, wird die Rezession wohl noch schlimmer als zunächst angenommen.
  • Die Wirtschaftsleistung in der Eurozone könnte demnach 2020 um 8,7 Prozent einbrechen.

Update vom 7. Juli, 17.17 Uhr: Die Stiftung Marktwirtschaft hat der Politik vorgeworfen, die finanziellen Lasten der Corona-Pandemie vor allem auf künftige Generationen abzuwälzen. Wolle man diese Belastung abmildern, müsse der Staat möglichst bald mit der Tilgung der nun auflaufenden Schulden beginnen, vor allem aber das Anwachsen der versteckten Staatsschulden dämpfen. Das sagte der Ökonom Bernd Raffelhüschen, Vorstandsmitglied der Stiftung, am Dienstag in Berlin.

Staatsfinanzen nach Corona: Wie sehr müssen künftige Generationen leiden?

„Die Corona-Pandemie ist ein echter Schock für die Staatsfinanzen“, sagte Raffelhüschen. Die Nachhaltigkeitslücke entspreche einem Gesamtschuldenstand der öffentlichen Hand von 11,9 Billionen Euro. Rund vier Fünftel davon (9,8 Billionen Euro) entfielen auf die heute noch nicht direkt sichtbare Staatsschuld. Dahinter würden sich alle durch das heutige Steuer- und Abgabenniveau nicht gedeckten staatlichen Leistungsversprechen für die Zukunft verbergen, etwa jene der Sozialversicherungen.

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey spricht bei einem Termin zu Kindern.

Corona-Krise: EU-Kommission korrigiert Prognose für Wirtschaftseinbruch

Ursprungsartikel: 

Nach der neuesten Prognose der EU-Kommission ist die Rezession wegen Corona noch tiefer als befürchtet - selbst wenn es ab jetzt wieder aufwärts geht. Ein historischer Absturz im ersten Halbjahr könnte die Wirtschaftsleistung in der Eurozone 2020 demnach aufs ganze Jahr gerechnet um 8,7 Prozent schrumpfen lassen, in der Europäischen Union insgesamt um 8,3 Prozent. Das ist etwa ein Prozentpunkt mehr Minus als noch im Mai erwartet wurde. Deutschland wird mit einem Rückgang von 6,3 Prozent im EU-Vergleich etwas weniger hart getroffen.

EU-Wirtschaftskommissar Paolo Gentiloni legte die neuen Zahlen am Dienstag in Brüssel vor. Im Mai war die Kommission noch von einem Minus von 7,7 Prozent für die 19 Staaten der Eurozone ausgegangen und 7,4 Prozent für die gesamte EU, also alle 27 Länder der Staatengemeinschaft. Die Verschlechterung der Prognose begründete die Kommission damit, dass die Aufhebung der Corona-Auflagen* in kleineren Schritten vorangehe als damals angenommen.

„Die Pandemie hat die europäische Wirtschaft härter getroffen als zunächst gedacht, auch wenn jetzt eine vorsichtige Erholung beginnt“, sagte Gentiloni. Auch die jetzige Prognose sei mit großer Unsicherheit verbunden, vor allem mit Blick auf den Verlauf der Pandemie*. Die Daten seien nur eine Momentaufnahme.

Demnach wird auch die Erholung nächstes Jahr etwas weniger robust ausfallen als noch im Mai gedacht. So prognostiziert die Kommission jetzt für 2021 in der Eurozone 6,1 Prozent Wachstum, für die EU als Ganzes 5,8 Prozent. Im Mai hatte sie Werte von 6,3 Prozent und 6,1 Prozent vorausgesagt. Für Deutschland nimmt die EU-Behörde 5,3 Prozent Wachstum für 2021 an.

Übrigens: Über ihre Prognose für die corona-bedingte Rezession informiert die EU-Kommission auch auf ihrem Twitter-Account.

Corona-Krise: Wirtschaftliche Lockdown-Folgen bereits im ersten Quartal erheblich

Schon im ersten Quartal seien die Auswirkungen der Pandemie erheblich gewesen, obwohl die meisten Staaten erst Mitte März Ausgangsbeschränkungen verhängt hätten*. Wegen der lange geltenden Auflagen sei dann der Rückgang der Wirtschaftsleistung im zweiten Quartal 2020 noch größer gewesen.

Unterm Strich werde für die Eurozone ein Rückgang des Bruttoinlandsprodukts im ersten Halbjahr um 17 Prozent angenommen, sagte Gentiloni. Allein im zweiten Quartal seien es im Vergleich zum ersten 13 und ein halbes Prozent.

Erste Daten für Mai und Juni deuteten darauf hin, dass das Schlimmste nun vorbei sein könnte, erklärte die Kommission weiter. Es werde erwartet, dass die Erholung im zweiten Halbjahr an Fahrt gewinne. Doch werde sie noch nicht vollständig sein und in den Mitgliedsstaaten unterschiedlich ausfallen. Auch der Pandemie-Schock treffe zwar alle EU-Staaten, aber in unterschiedlichem Maß.

Corona-Krise: Für Deutschland prognostiziert die EU-Kommission eine mildere Rezession

Neben Deutschland wird auch für die Niederlanden und Polen eine etwas mildere Rezession vorhergesagt als im EU-Durchschnitt. In Italien dürfte diesen Zahlen zufolge hingegen 2020 ein Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um 11,2 Prozent zu Buche stehen, in Spanien 10,9 Prozent und in Frankreich 10,6 Prozent. Alle drei Länder werden demnach nächstes Jahr nur einen Teil der Einbußen gutmachen.

Nicht einbezogen sind aber laut Gentiloni die möglichen Effekte des geplanten europäischen Konjunkturprogramms. Dafür hat die EU-Kommission ein Paket von 750 Milliarden Euro vorgeschlagen, über das derzeit verhandelt wird. Eine rasche Umsetzung eines solchen Programms würde den Ausblick aufhellen und das wirtschaftliche Vertrauen schnell stärken, meinte Gentiloni.

Corona-Krise birgt weitere große wirtschaftliche Risiken

So oder so bleiben nach Darstellung der Kommission viele Risiken. So habe man zugrunde gelegt, dass keine zweite Corona-Infektionswelle* komme. Obwohl bisher die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt wegen Kurzarbeiterprogrammen begrenzt waren, könnten sie aus Sicht der Kommission länger dauern als gedacht. Auch könnten Liquiditätsprobleme bei vielen Firmen zu Solvenzproblemen werden.

Turbulenzen auf den Finanzmärkte seien nicht ausgeschlossen, sagte Gentiloni. Ein weiteres Risiko: Sollten die Handelsgespräche mit Großbritannien scheitern, könnte das die Wachstumsaussichten dämpfen, vor allem im Vereinigten Königreich. Da die Handelsbeziehungen ab 2021 noch nicht klar seien, sei für die Prognose aus technischen Gründen angenommen worden, dass alles so bleibe wie bisher.

Familienministerin Franziska Giffey plant eine Reform des Wahlrechts. Jugendliche sollen bereits ab 16 wählen dürfen, fordert die Ministerin. Jetzt gibt es eine Studie zu dem Thema. (dpa) *Merkur.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

Rubriklistenbild: © dpa / Kay Nietfeld

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