"Hohe Zeit für den Ausstieg"

Druck auf EZB wird größer: Wann endet der Billiggeldkurs?

+
Der Druck auf EZB-Chef Mario Draghi steigt, das Ende der Nullzinsphase einzuläuten. Foto: Arne Dedert

Nullzinsen, Strafzinsen, Anleihenkäufe - die EZB hat in der Krise alle Register gezogen. Doch wann kehrt die Notenbank wieder zurück zur Normalität?

Frankfurt/Main (dpa) - Die Forderungen nach einem Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) werden lauter.

"Es ist jetzt an der Zeit für die EZB, eine Strategie zu kommunizieren wie sie sich zurückziehen wird aus dieser sehr expansiven Geldpolitik", sagte Deutschlands oberster Wirtschaftsweiser, der Präsident des Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung, Christoph Schmidt, bei einer Konferenz am Donnerstag in Frankfurt.

Klar sei aber auch, dass die Rücknahme der Anti-Krisen-Maßnahmen ein Drahtseilakt sei, sagte Schmidt. Mit Nullzinsen und milliardenschweren Anleihenkäufen habe die EZB den Reformdruck von hoch verschuldeten Staaten genommen.

Viele Regierungen hätten sich in der Welt des billigen Geldes eingerichtet, bekräftigte der Präsident des Münchner ifo-Instituts, Clemens Fuest: "Die EZB nimmt die südeuropäischen Staaten sehr stark in den Blick und hofft, dass die niedrigen Zinsen dazu führen, dass sich diese Staaten irgendwann entschulden. Aber das wird nicht passieren." Bislang sei die Notenbank ein Ausstiegsszenario schuldig geblieben.

Nullzinsen und Strafzinsen für Bankeinlagen bei der EZB belasten die Finanzbranche. Dass die Notenbank zudem noch bis mindestens Ende 2017 Monat für Monat Milliarden in den Kauf von Staats- und Unternehmensanleihen steckt, verhindert nach Ansicht von Kritikern ein normales Funktionieren von Kapitalmärkten.

"Es ist hohe Zeit für den Ausstieg", sagte DZ-Bank-Chef Wolfgang Kirsch. Immerhin machten jüngste Äußerungen von EZB-Präsident Mario Draghi Hoffnung, "dass die EZB die Glocken endlich läuten hört", sagte Kirsch - "wenn wir uns auch ein entschlosseneres Vorgehen wünschen würden".

Draghi hatte Anfang dieser Woche im portugiesischen Sintra von einer "graduellen Anpassung" der EZB-Politik gesprochen, zugleich jedoch betont: "Anpassungen müssen schrittweise gemacht werden - und nur, sofern die verbesserte (wirtschaftliche) Dynamik, die sie rechtfertigt, hinreichend sicher ist." Eine abrupte Kehrtwende ist von der Zentralbank nicht zu erwarten. Draghi bekräftigte: "Wir brauchen Ausdauer in unserer Geldpolitik."

Volkswirte erwarten für diesen September konkretere Hinweise der Währungshüter zum weiteren Kurs der EZB. Mehrheitlich rechnen Ökonomen damit, dass die Notenbank 2018 zunächst ihr gewaltiges Anleihenkaufprogramm allmählich auslaufen lassen wird und erst danach die Zinsen langsam wieder anhebt.

DZ Bank Kapitalmarktkonferenz

EZB-Kaufprogramme

Zeitreihe Leitzinsen der EZB

Geldpolitische Beschlüsse der EZB vom 8.6.2017

Eingangsstatement EZB-Präsident Draghi 8.6.2017

Rede Draghi 27.6.2017

Mehr zum Thema

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene Artikel

SEC brummt Deutsche-Bank-Töchtern Millionenstrafe auf

Washington (dpa) - Die Deutsche Bank kommen Regelverstöße in den USA abermals teuer zu stehen. Die US-Börsenaufsicht SEC brummte zwei US-Töchtern des Geldhauses wegen …
SEC brummt Deutsche-Bank-Töchtern Millionenstrafe auf

Dax schließt nach Trumps Rundumschlag klar im Minus

Frankfurt/Main (dpa) - Der jüngste Rundumschlag von Donald Trump hat den Dax am Freitag deutlich ins Minus gedrückt. Der US-Präsident heizte den Handelskonflikt weiter …
Dax schließt nach Trumps Rundumschlag klar im Minus

Ford ruft in Deutschland knapp 190.000 Autos zurück

Köln (dpa) - Der Autobauer Ford muss wegen Problemen an der Kupplung in Deutschland fast 190.000 Fahrzeuge zurückrufen.
Ford ruft in Deutschland knapp 190.000 Autos zurück

Merkel äußert sich zu drohender Thyssenkrupp-Zerschlagung

Berlin (dpa) - Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat sich indirekt gegen eine drohende Zerschlagung des Industriekonzerns Thyssenkrupp ausgesprochen.
Merkel äußert sich zu drohender Thyssenkrupp-Zerschlagung

Kommentare

Hinweise für das Kommentieren

Von Mo. bis Fr. in der Zeit von 18 bis 9 Uhr und am Wochenende werden keine neuen Kommentare freigeschaltet.
Bitte bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht.