Gamescom in Köln

EA-Top-Managerin sicher: Netflix für Videospiele kommt - „Am Cloud-Gaming führt kein Weg vorbei“

Das Gamescom-Masskottchen Gamesbot: Wie 2020 ist Europas größte Spielemesse pandemiebedingt eine rein digitale Veranstaltung.
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Gamescom-Masskottchen Gamesbot: Wie 2020 ist Europas größte Spielemesse in Köln pandemiebedingt eine rein digitale Veranstaltung.

Die Games-Branche steht vor der nächsten Revolution. Mittelfristig wird Cloud-Gaming zum dominierenden Thema, erwartet der weltgrößte Videospiele-Anbieter EA. 

München/Köln – Im Veranstaltungskalender der Videospiele-Hersteller gehört die Gamescom zu den wichtigsten Messen weltweit. Doch statt der um diese Jahreszeit eigentlich üblichen Mega-Party mit hunderttausenden Fans herrscht in den Messehallen am Rheinufer in Köln* auch in diesem Jahr gähnende Leere. Wegen Corona findet die GC nur online statt.

Dabei gäbe es allen Grund zum Feiern. Denn die Corona-Pandemie hat der ohnehin boomenden Spiele-Branche einen zusätzlichen Schub beschert. Alleine im ersten Halbjahr 2021 legte der Games-Markt nur in Deutschland um 22 Prozent auf 4,6 Milliarden Euro zu. Es habe, sagte der Chef des Branchenverbands Game, Stefan Falk, „selten so einen starken Anstieg neuer Spieler gegeben“.

Merkur.de* sprach anlässlich der GC mit der Leiterin Entwicklungstechnologie des weltgrößten Videospiele-Anbieters Electronic Arts (EA) Marija Radulovic-Nastic über den GC-Frust, die neue Konsolen-Generation und den Trend zum Cloud-Gaming.

Marija, seit Mittwoch läuft die Gamescom. Doch wie im vergangenen Jahr findet Europas wichtigste Videospielmesse auch 2021 virtuell stattfinden. Wie bitter ist das?
Natürlich sind wir alle ein bisschen traurig. Aber die Lage ist weltweit weiter sehr dynamisch. Jetzt müssen wir das Beste aus der Situation machen. Das werden wir – auch mit Hilfe von Technologie.
Nun steckt die gesamte Videospiele-Industrie mitten im Plattform-Wechsel bei den Konsolen. Bis Ende Juli hat Sony zehn Millionen PS5 verkauft, die Xbox Series X soll sich bis zu sieben Millionen Mal verkauft haben. Wie zufrieden sind Sie mit dem Marktstart der Next-Gen-Konsolen PS5 und Xbox Series X?
Wir sind super-happy. Dank der hohen Nachfrage nach den neuen Konsolen, aber auch einer ganzen Reihe neuer, bahnbrechender Technologien ist die Branche derzeit so spannend wie wohl noch nie.
Aber es gibt schon ein paar Wermutstropfen: Das gilt vor allem für den Nachschub. Weltweit sind die neuen Konsolen auch knapp ein Jahr nach dem Start noch immer Mangelware. Vor allem die PS5 ist wegen der anhaltenden Engpässe bei Halbleitern immer noch sehr eingeschränkt lieferbar. Wie sehr belastet das Ihr Geschäft?
Die PS5* hat gerade den stärksten Konsolen-Start in der Geschichte hingelegt. Alleine bei EA haben wir im abgelaufenen Geschäftsjahr – also während der Pandemie – rund 42 Millionen neue Spielerinnen und Spieler gewonnen. Klar: Ohne die Engpässe bei Halbleitern wären es womöglich noch mehr gewesen. Aber auch so wächst die Zahl der neuen Gamer weiter - und zwar auf allen Plattformen, egal ob Konsole, Smartphone oder PC. Wir gehen davon aus, dass das so bleibt.

EA: Künstliche Intelligenz eröffnet völlig neue Möglichkeiten

Die Entwicklung von Videospielen wird auch technologisch immer anspruchsvoller. Vor allem die Möglichkeiten von Künstlicher Intelligenz eröffnen völlig neue Möglichkeiten. Wie wird KI die Art und Weise verändern, wie Spiele entwickelt werden?
KI hat einen riesigen Einfluss auf die Entwicklung von Spielen, angefangen von Entwickler-Werkzeugen, über Engines bis hin zu den Geschichten und der Art, wie wir sie erzählen.

Das heißt?

KI kann zum Beispiel auf der Grundlage des Storybooks und Emotionen konkrete Dialoge schreiben. Dazu hilft sie uns dabei, zu verstehen, welchen zusätzlichen Content sich Gamer wünschen. Eine zunehmend wichtige Rolle wird auch Hypermotion spielen. Dabei erfassen wir mit Hilfe von speziellen Anzügen die Bewegungen zum Beispiel von Fußballern, um die Aktionen der Spielerinnen und Spieler, aber auch der Mannschaften noch realistischer einfangen zu können. Dank KI und entsprechender Algorithmen können wir mit diesen Daten komplexe Spielsituationen nahezu in Echtzeit schreiben lassen.


Wie wird KI die Spiele denn konkret verändern: Werden wir noch komplexere und ausgetüfteltere Open-World-Szenarien sehen?

Daran arbeiten wir (lacht). Gerade in Open-World-Spielen sind Handlungsstränge und das Spielumfeld extrem aufwändig. Hier hilft KI enorm, etwa indem eine Szenerie auf der Basis bestehender Elemente vom Computer weiterentwickelt wird.
Die Entwicklung großer Spiele kann schon mal drei Jahre dauern. Wie viel Entwicklungszeit können Sie sich mit KI künftig sparen?
Wir sparen zwar jetzt Zeit für die Entwicklung der Spiel-Szenen, weil uns die KI hilft. Dafür konzentrieren wir uns nun noch stärker auf die Qualitätskontrolle, also die Zuverlässigkeit und die Vermeidung von Bugs. Die gesamte Entwicklungszeit von den ersten Ideen bis zum Launch bleibt damit vergleichbar.

Welche Vorteile bringt KI bei Fehlertests oder der Lokalisierung der Spiele?

Da sehen wir einen Riesen-Sprung. Nehmen Sie die Bug-Suche. Bei Battlefield können künftig 128 Gamer gegeneinander antreten. Ohne virtuelle Spieler, die von der KI gesteuert werden, könnte man solch ein Spiel kaum noch unter realistischen Bedingungen testen. Auch bei der Lokalisierung wird vieles erheblich einfacher. Dank KI wird künftig etwa die Übersetzung nahezu in Echtzeit möglich sein. Das ist ein Riesenvorteil. Gerade in Sprachen, in denen Sie schon viel Content haben, wie etwa Englisch, Spanisch oder Deutsch können Sie auf diese Weise extrem gute Ergebnisse erzielen.

Und eines Tages können Gamer dank KI dasselbe Level je nach Heimat des Spielers in einem deutschen, englischen oder brasilianischen Setting spielen?

Die Übersetzung ist sicherlich erheblich einfacher als die Lokalisierung des gesamten Settings. Aber technisch wird das machbar sein.

EA: Crossplay kommt

KI ist längst nicht die einzige einschneidende Neuerung in der Branche. Online-Gaming ist ein unverzichtbares Feature für neue Spiele. Aber es gibt noch ein paar Einschränkungen. Viele Spieler wünschen sich schon lange, dass sie etwa Fifa auch crossplay, also plattform-übergreifend zocken können, also beispielsweise zwischen einer Xbox Series und einer PS5. Wann wird das möglich sein?
Crossplay hat unterschiedliche Dimensionen. Es gibt cross-progression, wo Sie ihren Spielstand von einer Plattform zu einer anderen mitnehmen können, also zum Beispiel von PS4 zu PS5. Dann gibt es Head-to-Head-Crossplay, wo Sie etwa in Fifa gegen Spieler auf einer anderen Plattform derselben Generation antreten, also ein PS4- gegen einen Xbox-One-Zocker. Technisch ist das deutlich leichter darzustellen, als ein Crossplay zwischen Spielern mit Konsolen unterschiedlicher Generationen also Xbox One gegen PS5 oder unterschiedlicher Software-Versionen, wie Fifa 21 gegen Fifa 19. Und drittens gibt es den Crossplay-Fall, wobei Sie das gleiche Spiel auf unterschiedlichen Plattformen zocken, also zunächst auf der PS4 und dann zum Beispiel im Zug mit Ihrer Companion-App auf dem iPhone weiterspielen wollen. Cross-progression ist bei vielen Spielen längst möglich. Bei Head-to-Head ist die Ausgangslage deutlich schwieriger.
 
Wann werden wir bei Head-to-Head soweit sein?
 
Wir werden in den nächsten zwölf Monaten erste Spiele haben, bei denen User auch über die bislang bestehenden Konsolen-Grenzen hinweg gegeneinander antreten können.
 
 
Cloud-Computing hat viele Branchen verändert, ob das Firmensoftware mit Salesforce ist, die Musik-Branche mit Spotify oder Video mit Netflix. Wird Cloud-Gaming das nächste große Ding sein?
 
Cloud-Gaming gibt es schon.
 
Aber bislang funktioniert das technisch noch nicht wirklich gut. Wann wird das bei Videospielen möglich sein?
 
Cloud-Gaming treibt die ganze Branche. Wenn wir sicherstellen wollen, dass jeder jederzeit und überall spielen kann, dann geht das nur über ein Streaming-Angebot in der Cloud. Das entsprechende Angebot wird wohl nicht mehr lange auf sich warten lassen.
 
Wie wird das funktionieren? Brauchen wir dann einen unabhängigen neuen Akteur, der die gesamte Branche umgestaltet, oder wird sich die Videospielindustrie selbst neu erfinden?
 
Schwer zu sagen. Klar ist: Der Content ist ein zentraler Teil bei einem solchen Angebot, weniger das Streaming der Inhalte selbst. Wir können uns da viele Modelle vorstellen - ob wir das alleine anbieten, mit Partnern und Dritte. Aber am Cloud-Gaming wird künftig kein Weg vorbeiführen.

*Merkur.de, 24Rhein.de und ingame.de sind Teil von IPPEN.MEDIA.

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