Chinesischer Krisenkonzern

Evergrande zahlt Millionenzins: Pleite vorerst abgewendet – doch die Gefahr ist nicht gebannt

Fußgänger mit Regenschirmen gehen vor einer Evergrande-Wohnanlage in Peking vorbei.
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Fußgänger vor einer Evergrande-Wohnanlage in Peking: Der Konzern ist vorerst noch einmal davongekommen


Chinas Krisenkonzern Evergrande kann in letzter Minute eine millionenschwere Zinsschuld begleichen. Doch bis Jahresende stehen weitere Zahlungen an. Eine Insolvenz ist nicht vom Tisch. 

Shenzhen/München – Die Achterbahnfahrt des chinesischen Krisenkonzerns Evergrande geht weiter. Das Immobilienunternehmen zahlt nach einem Bericht der chinesischen Börsenzeitung Securities Times überraschend ausstehende Zinsen auf Anleihen im Ausland über 83,5 Millionen Dollar (etwa 71,8 Millionen Euro). Demnach würden alle Gläubiger ihr Geld bis zum morgigen Samstag erhalten. Mit der Zahlung direkt vor Ablauf einer Gnadenfrist konnte der Konzern somit in letzter Minute den Zahlungsausfall abwenden. 

Die Kuh ist damit allerdings längst nicht vom Eis. Insgesamt hat Evergrande in den Jahren einer aggressiven Expansion einen Schuldenberg von umgerechnet 260 Milliarden Euro angehäuft. Bis Ende 2021 sind weitere Zahlungen fällig - Experten gehen nicht davon aus, dass der hochverschuldete Konzern alle einhalten kann. Insgesamt sind nach Angaben des angesehenen chinesischen Wirtschaftsmagazins Caixin innerhalb der nächsten 12 Monate sagenhafte 106 Milliarden Euro fällig. Evergrande habe maximal ein Zehntel davon in liquiden Mitteln. Der Immobilienriese stehe vor einer dramatischen Umschuldung oder gar Insolvenz. 

“Eine Insolvenz wäre ein finanzieller Tsunami”, schreibt Caixin. Evergrandes „Verbindlichkeiten entsprechen etwa 2 Prozent des chinesischen Bruttoinlandsprodukts. Es hat mehr als 200.000 Mitarbeiter. Diese und viele ihrer Familienmitglieder haben Milliarden von Yuan in die Vermögensverwaltungsprodukte des Unternehmens investiert.” Mehr als 800 Evergrande-Wohnanlagen seien im Bau, von denen 500 wegen ausstehender Zahlungen an Baufirmen stillstehen, schreibt das Magazin in einem großen Report über den Krisenkonzern. Tausende Lieferanten, Dienstleister oder Kundenfirmen Evergrandes beschäftigten demnach jedes Jahr noch einmal 3,8 Millionen Menschen. Es ist kein Wunder, dass manche Analysten Evergrande bereits mit Lehman Brothers vergleichen — jener US-Bank, deren Zusammenbruch 2008 die globale Finanzkrise auslöste.

Ob der Vergleich trägt, ist unklar. Ein Zusammenbruch von Evergrande könnte im Immobiliensektor immensen Schaden anrichten, und möglicherweise auch die gesamte chinesische Wirtschaft* in Mitleidenschaft ziehen. Wie sehr, lässt sich nach jetzigem Stand nur erahnen.

Evergrande: Aktiensturz und fehlgeschlagener Verkauf der Mehrheit einer Tochterfirma am Donnerstag

Der Donnerstag war jedenfalls dramatisch. Evergrande hatte auf die Wiederaufnahme des Anfang Oktober ausgesetzten Handels seiner Aktien an der Hongkonger Börse gedrungen. Der Aktienkurs stürzte gleich um knapp 13 Prozent ab. Er hatte bis zur Zwangspause 80 Prozent gegenüber seinem Höchststand verloren. Auch musste Evergrande mitteilen, dass der geplante Verkauf von 50,1 Prozent der Anteile einer profitablen Tochterfirma* für Immobiliendienstleistungen an einen anderen chinesischen Entwickler namens Hopson Development Holdings gescheitert sei. Das Geschäft sollte umgerechnet 2,2 Milliarden Euro in die klammen Kassen spülen. Eine Woche zuvor war nach einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters auch der Verkauf des Hongkonger Evergrande-Hauptquartiers mit Hafenblick für knapp 1,5 Milliarden Euro fehlgeschlagen. Offenbar hatte die Provinzregierung von Guangdong — wo der Evergrande-Standort Shenzhen* liegt — die Transaktionen nicht genehmigt. Sie ist dafür verantwortlich, die Restrukturierung des Konzerns zu überwachen

Die Zentralbank bemühte sich in den letzten Tagen um eine Beruhigung*. Zuletzt betonte am Mittwoch Zentralbankgouverneur Yi Gang, die Gefahren durch Evergrande seien kontrollierbar. Es gibt Berichte, die Zentralbank habe die Kreditinstitute angewiesen, an gesunde Immobilienfirmen weiter Kredite zu vergeben. Auch sollen Behörden hinter den Kulissen Firmen zum Kauf von Evergrande-Vermögenswerten drängen, um dem Konzern liquide Mittel zu beschaffen. Was davon stimmt, ist unklar.

Evergrande: Auch andere Immobilienkonzerne im Sog der Krise

Neben Evergrande geraten derweil weitere Immobilienfirmen in Schieflage: Unternehmen mit klingenden Namen wie Fantasia, Modern Land oder Sinic mussten Zahlungsfristen verstreichen lassen. Die meisten Firmen sind hochverschuldet. Potenzielle Wohnungskäufer werden daher zunehmend misstrauisch und zögern. Chinas* Wohnungspreise fielen zum ersten Mal seit sechs Jahren. Die Preise für Neubauten in 70 Städten — Sozialwohnungen ausgenommen — gingen im September gegenüber August um 0,08 Prozent zurück, wie das Nationale Statistikamt am Mittwoch mitteilte. Die Werte auf dem Sekundärmarkt gingen um 0,19 Prozent zurück. Im September und August lagen die Wohnungsverkäufe laut der Nachrichtenagentur Bloomberg 16,9 Prozent beziehungsweise 19,7 Prozent unter dem Niveau der jeweiligen Vorjahresmonate. Bloomberg vermutet bereits einen Teufelskreis: Die schlechte Finanzlage der Firmen führt zu sinkender Wohnungsnachfrage, was wiederum zu noch schlechteren Finanzen bei den Firmen führt. Die schwächsten geraten als erste in den Abwärtssog um Evergrande.

Gesamtwirtschaftliche Folgen lassen sich derzeit nur erahnen. Die Regierung äußert sich bislang kaum. Sie hatte durch härtere Finanzregeln für den Immobiliensektor* den Sturz Evergrandes in Gang gebracht. Die Regeln sollten Überschuldung und Spekulation stoppen. Für Evergrande bedeuteten sie, dass es keine Anleihen mehr ausgeben durfte, um Schulden zu bedienen. „Angesichts der Höhe der Schulden spiegelt jede Annahme, dass die Zentralregierung nichts unternehmen wird, ein mangelndes Verständnis dafür wider, wie die Dinge in China funktionieren“, sagte Chen Zhiwu, Professor für Finanzen an der Universität Hongkong, der New York Times. Helge Berger, Leiter der China-Mission des Internationalen Währungsfonds (IWF), sieht das ähnlich: „Die Leute verstehen, dass die Regierung über die Instrumente verfügt, um die Risiken in Zukunft einzudämmen“, sagte Berger am Mittwoch auf Bloomberg TV. Bisher seien die Risiken auf den Immobiliensektor begrenzt, aber die Behörden sollten die Lage weiterhin überwachen, falls sie eskaliere. 

Evergrande: Finanzierung durch Vermögenspapiere und mithilfe der Angestellten

Viele der akuten Probleme werden klarer, wenn man sich anschaut, wie Evergrande sich finanzierte. Schon seit Jahren war der Konzern klamm und musste kreativ sein, um sich über Wasser zu halten. Banken gaben dem Konzern nur dann Kredite für ein Projekt, wenn auch Manager Geld aus ihrer eigenen Tasche dafür investierten, schreibt Caixin. Evergrande drängte Mitarbeitende und ihre Familien dazu, Vermögensverwaltungsprodukte einer Tochterfirma zu kaufen, um an Geld zu kommen. Der Konzern versprach hohe Renditen, die er dann aber gar nicht zahlen konnte. Mitarbeiter mussten Zahlungsaufschübe hinnehmen: Derzeit sind laut Caixin rund 40 Mrd Yuan an solcher Papiere fällig, rund 5,3 Milliarden Euro.

Manche Baufirmen habe Evergrande mit Handelspapieren bezahlt, meist mit einer Laufzeit von sechs Monaten und versprochenen hohen Zinsen, schreibt das Magazin. Diese Papiere aber verloren rasch an Wert. Manche Betroffenen gingen daher vor Gericht oder handelten irgendeinen Vergleich aus. Zuletzt setzte Evergrande Wohnungen als Zahlungsmittel ein. Die Jiangsu Nantong Sanjian Construction Group baute mehrere Evergrande-Projekte. Mit Stand September schuldete der Konzern der Baufirma laut Caixin rund 20 Milliarden Yuan, knapp 2,7 Milliarden Euro.

Evergrande: Pleite trifft Wohnungskäufer, Investoren und Baufirmen

Das zeigt: Geht Evergrande pleite, trifft dies also nicht nur Wohnungskäufer und Investoren, sondern auch Baufirmen, die teils eigenes Geld in die Projekte gesteckt haben. Seit September überwacht daher Chinas Wohnungsaufsichtsbehörde laut Bloomberg die Evergrande-Bankkonten, um zu verhindern, dass für den Wohnungsbau bestimmte Gelder an Gläubiger umgeleitet werden. Baufirmen sollten zuerst bezahlt werden, um die Fertigstellung der Projekte sicherzustellen, heißt es. Zum Teil drängt Peking jetzt auch betroffene Kommunen, dortige Evergrande-Wohnanlagen irgendwie fertigzustellen*. 

Evergrande versucht derweil hektisch, irgendwie an Geld zu kommen. Doch bisher gelingt es kaum, Immobilien, Vermögenswerte oder Tochterfirmen abzustoßen. Und eines verkauft der Konzern nicht: Sein Land. Evergrande verfügt über Hunderte wertvoller Grundstücke, auf denen es eigentlich Bauprojekte plant. “In China sind Landreserven das wertvollste Vermögen überhaupt”, sagte Du Liang, Chef der Vermögensverwaltung von Evergrande laut Caixin auf einem Mitarbeiter-Meeting im September. ““Dies ist Evergrandes größter Vorteil und letzter Ausweg.“ Evergrande-Gründer Xu Jiayin geht demnach weiterhin davon aus, dass er den Konzern wiederbeleben kann, wenn er nur Häuser auf den Landflächen bauen und verkaufen kann. Die Hoffnung stirbt stets zuletzt. *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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