Arbeitsplätze in Gefahr

Experten: Langzeitfolgen des Brexit werden unterschätzt

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Großbritannien hatte sich in einem Referendum für den Austritt aus der EU entschieden. Foto: Michael Kappeler

Die britische Wirtschaft zeigt sich robust nach dem Brexit-Votum, auch die Lage am Arbeitsmarkt sieht auf den ersten Blick gut aus. Experten warnen aber, der Schein könnte trügen.

London - Der britische Arbeitsmarktexperte Richard Jackman glaubt, dass die hohe Beschäftigungsrate in den Großbritannien über die negativen Langzeitfolgen des Brexit-Votums hinwegtäuscht.

Dem Professor an der London School of Economics zufolge profitiert die britische Wirtschaft derzeit von den Vorteilen des nach dem Brexit-Votum stark gefallenen Pfund-Kurses. Beispielsweise, weil britische Waren und Dienstleistungen dadurch für ausländische Käufer billiger geworden sind. Die Nachteile des Brexit-Votums würden dagegen ihre Wirkung erst mit Verzögerung entfalten, sagte Jackman der Deutschen Presse-Agentur.

Die Beschäftigungsrate in Großbritannien war seit dem Votum der Briten für einen EU-Ausstieg am 23. Juni auf ein Rekordniveau gestiegen. Zuletzt betrug sie 74,5 Prozent. Brexit-Befürworter glauben daher, dass Ängste vor dem wirtschaftlichen Schaden des geplanten EU-Ausstiegs unbegründet sind.

Jackman dagegen warnt, der Arbeitsmarkt reagiere nur sehr langsam auf Veränderungen. Noch gebe es aber keinen Druck auf die Unternehmen, weil die Großbritannien die EU nicht verlassen habe. Das könne sich aber nach dem Vollzug des Brexit ändern.

Auch der britisch-amerikanische Arbeitsmarktexperte David Blanchflower glaubt, dass der Brexit unterm Strich Jobs kosten wird. Er spricht sogar von der "Ruhe vor dem Brexit-Tsunami". Weil insgesamt mehr Menschen eine Arbeit aufgenommen hätten, verberge die Rekordbeschäftigung, dass die Zahl der Arbeitslosen seit dem Brexit-Referendum beängstigend gestiegen sei. Die große Sorge, schrieb Blanchflower im "Guardian", sei dass die Preise ab kommendem Jahr schneller steigen würden als die Löhne. Spätestens dann würden die Brexit-Folgen bei den Menschen ankommen.

Bislang hat sich die britische Wirtschaft trotz Brexit-Votum recht robust gezeigt. Am Donnerstag veröffentlichte die britische Statistikbehörde eine erste Schätzung zum Bruttoinlandsprodukt des Landes im dritten Quartal. Mit einem Wachstum von 0,5 schnitt die britische Wirtschaft dabei besser ab als erwartet.

Nach der knappen Entscheidung der Briten zum Austritt aus der EU am 23. Juni hatten einigen Indikatoren einen Konjunkturdämpfer angedeutet. Die britische Notenbank hatte noch im August mit einem weit drastischeren Rückgang bis auf ein Mini-Wachstum von 0,1 Prozent gerechnet. Doch diese Befürchtungen bestätigten sich nicht.

Verantwortlich für das relativ gute Abschneiden ist demnach vor allem der Dienstleistungssektor, der zuletzt um 0,8 Prozent zulegte. Einen besonders starken Zuwachs gab es laut der Behörde in den drei Monaten bis September im Sektor Transport und Kommunikation. Andere Bereiche wie Bau, Agrar und Industrie schnitten schlechter ab.

Auch die anhaltend hohe Nachfrage trug Experten zufolge zu dem verhältnismäßig guten Ergebnis bei. "Es scheint sicher zu sein, dass das Wachstum im dritten Quartal auch zu einem großen Teil auf der Bereitschaft der Verbraucher basiert, weiterhin Geld auszugeben", sagte Howard Archer von der Denkfabrik IHS Global Insight der BBC. Verantwortlich dafür seien eine weiterhin starke Kaufkraft und eine hohe Beschäftigung. Beides Faktoren, die Arbeitsmarktexperten wie Jackman und Blanchflower zufolge bald schon einbrechen könnten.

Arbeitsmarktstatistik des "Office for National Statistics" - Englisch

David Blanchflower im "Guardian" - Englisch

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