Großinvestoren sind verärgert

Linde-"Buhmann" Reitzle verteidigt Fusionspläne mit Praxair

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Linde-Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle (l.) und Konzernchef Aldo Belloni bei der Hauptversammlung. Foto: Peter Kneffel

Der Linde-Aufsichtsratschef Reitzle treibt die Fusion mit dem US-Gasekonzern Praxair mit aller Macht voran. Dafür bekommt er auf der Hauptversammlung deutliche Worte zu hören - und gibt Contra.

München (dpa) - Aktionärsschützer und große Investoren haben dem Linde-Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle auf der Hauptversammlung die Leviten gelesen.

Sie unterstützten die geplante Fusion von Linde mit dem US-Gasekonzern Praxair zwar grundsätzlich als sinnvoll, äußerten aber die Sorge, dass die Linde-Aktionäre und die Beschäftigten dabei den Kürzeren ziehen. Der ehemalige Vorstandsvorsitzende Reitzle verteidigte den geplanten Zusammenschluss indes vehement.

"Wir haben eher das Gefühl, dass wir uns ein bisschen unter Wert verkaufen", sagte Daniela Bergdolt, Vizepräsidentin der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Mehrere Bankenfonds kündigten an, dem Aufsichtsratschef die Entlastung zu verweigern. Letztlich fiel die Entlastung mit 94,5 Prozent für Reitzle und 96,3 Prozent für Vorstandschef Aldo Belloni aber deutlich aus.

Belloni will den Fusionsvertrag mit Praxair "in den nächsten Wochen abschließen". Man sei sehr gut vorangekommen und hoffe, den Vertrag bis Ende Juni unterschreiben zu können. Praxair-Chef Steve Angel solle den neuen Konzern aus den USA heraus führen, und die Holding solle in Irland angesiedelt werden, sagte er.

Union-Investment-Manager Ingo Speich sagte: "Wir wollen die Fusion, aber nicht um jeden Preis." Sie verspreche "Größenvorteile, höhere Gewinne und jährliche Synergien von einer Milliarde Euro". Aber "es darf nicht sein, dass unter hohem Zeitdruck Unternehmensteile verschleudert werden", nur um "den Deal schnellstmöglich durchzupeitschen". Beschäftigte fürchteten um ihre Jobs, die Unsicherheit lähme das Dax-Unternehmen. "Selten wurde ein Konzern so ins Chaos gestürzt wie Linde durch die angestrebte Fusion mit Praxair", kritisierte Speich.

Bergdolt warf Reitzle vor, die Fusion "auf Gedeih und Verderb, auf Biegen und Brechen" voranzutreiben und Praxair zu große Zugeständnisse zu machen. Vielleicht gehe es nicht um industrielle Logik, sondern um sein Ego. Eine Hauptversammlung müsse über den Zusammenschluss entscheiden; die Zustimmung des Aufsichtsrats allein reiche nicht. Die DSW behalte sich eine Klage vor.

Reitzle sagte: "Ich habe mich in der Buhmann-Rolle eingefunden", verteidigte aber in einer leidenschaftlichen Rede die Fusion: "Wir machen aus zwei guten Unternehmen ein Weltklasse-Unternehmen." Wenn nötig, werde er die Fusion mit seiner Doppelstimme als Aufsichtsratschef durchsetzen, bekräftigte er. Dass alles Deutsche ganz toll und der Amerikaner ein furchtbarer Erzkapitalist sein solle, könne er nicht nachvollziehen. Mit Blick auf Mitarbeiter, Umsatz und Aktionäre sei Linde heute nur noch zu 10 Prozent ein deutsches Unternehmen und zu 90 Prozent global erfolgreich: "Seien Sie doch stolz darauf", rief Reitzle den 2500 Aktionären zu und bekam Beifall.

Belloni wies die Forderungen nach einer Zustimmung zur Fusion durch die Hauptversammlung zurück. Jeder Linde-Aktionär könne selbst entscheiden, ob er seine Aktien in Anteile des neuen Konzerns tauschen wolle. Die 100 größten Linde-Aktionäre halten 69 Prozent der Linde-Papiere und zugleich 42 Prozent der Praxair-Anteile.

Die 8000 Linde-Mitarbeiter in Deutschland seien bis Ende 2021 vor Kündigungen geschützt, sagte Belloni. Aber die Einsparung von Doppelfunktionen sei ein Vorteil des Zusammenschlusses. Gewerkschaften und Betriebsrat fürchten einen massiven Stellenabbau und den Verlust der Mitbestimmung. Der bayerische IG-Metall-Chef Jürgen Wechsler sagte: "Die beste Lösung für Linde wäre, die Fusion jetzt abzusagen, bevor es zu spät ist."

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