250-Millionen-Investition

„Mutter Russland fährt Mercedes“ - Daimler baut Werk bei Moskau

+
Daimler baut sein erstes Werk in Russland.

Mit seinem ersten Werk in Russland will der deutsche Autobauer Daimler näher an seine Kunden heranrücken. Kommt der russische Markt nach einem Absatzeinbruch von 50 Prozent in Bewegung?

Moskau - Die schwarzen Flaggen mit dem silbernen Mercedes-Stern flattern schon im Wind. Sonst deutet in dem Wäldchen rund 40 Kilometer nordwestlich von Moskau bislang wenig darauf hin, dass hier in rund zwei Jahren serienmäßig Luxus-Limousinen von Daimler vom Band laufen sollen.

Vor den Toren der russischen Hauptstadt auf einem Ex-Militärgelände hat der Stuttgarter Hersteller mit dem Bau seines ersten Werks im größten Flächenstaat der Erde begonnen. „Mutter Russland fährt Mercedes“, sagt Markus Schäfer, Vorstandsmitglied bei Mercedes-Benz Cars. Bei Harfenmusik und teurem Edelwasser hat Daimler zur Grundsteinlegung geladen. Mit der Produktion in einem der größten Märkte der Welt mache sich Mercedes fit für die Zukunft, betont Schäfer.

Nach Jahren des Abschwungs auf dem einstigen Hoffnungsmarkt wertet Russland den Neubau als Prestigeprojekt. Der Zeitpunkt erscheint gut gewählt: Experten sehen Bewegung auf dem Markt. Doch noch ist der Aufschwung ein zartes Pflänzchen.

25.000 Autos pro Jahr sollen gebaut werden

Das Betonfundament ist schon gegossen. Etwas abseits stehen schwere Baufahrzeuge in Reih und Glied und warten auf ihren Einsatz. Auf einer Fläche von rund 85 Hektar soll das Mercedes-Werk im Industriepark Jessipowo entstehen. Das Ziel: 25 000 Autos sollen ab 2019 jährlich in dem flexibel für verschiedene Modelle einsetzbaren Werk vom Band laufen.

E-Klasse-Limousinen und Geländewagen - die bisherigen Bestseller in Russland - will Mercedes-Benz produzieren und so seine ohnehin starke Position im russischen Premium-Segment ausbauen. „Das sind die Autos, die unsere russischen Kunden lieben“, sagt Schäfer.

2016 hat Mercedes-Benz knapp 37 000 Neuwagen in Russland verkauft. Zwar war dies ein Minus von elf Prozent im Vergleich zu 2015, doch zuletzt legte der Absatz leicht zu. Im Lkw-Segment baut Daimler bereits seit einigen Jahren zusammen mit dem staatlichen Hersteller Kamaz Fahrzeuge für den russischen Markt.

Mit rund 2,9 Millionen verkauften Neuwagen lag Russland 2012 europaweit auf Platz zwei hinter Deutschland. Der Ölpreis- und Rubelverfall stürzten das Land in eine schwere Krise, viele mussten sparen. 2016 kauften die Russen noch 1,4 Millionen Autos.

Ist die Krise vorbei?

Erstmals seit mehr als vier Jahren Krise sehen sich die Autobauer nun wieder im Aufwind. Beflügelt von einer wirtschaftlichen Entspannung haben die Russen zwischen März und Mai erstmals wieder mehr Autos gekauft. Allein im Mai sieht die Vereinigung Europäischer Unternehmen (AEB) ein Plus von 14,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum.

Dies sei das erste zweistellige Wachstum seit Jahren, sagt AEB-Experte Jörg Schreiber. „Der Erholungsprozess wandelt sich in einen dauerhaften Trend“, meint er.

Ein Trend, von dem die russische Führung positive Effekte erwartet. Daimlers Investition von mehr als 250 Millionen Euro soll mehr als 1000 Arbeitsplätze schaffen. Das sei alles nur der Anfang, meint Russlands Industrieminister Denis Manturow. „Die folgenden Investitionen werden unserer Wirtschaft zu Gute kommen.“ Der Moskauer Gouverneur Andrej Worobjow sagt, es sei schon Gelände reserviert, damit sich Partner und Zulieferer von Mercedes ansiedeln könnten. Es ist die erste Neuniederlassung eines großen westlichen Autobauers in Russland seit zehn Jahren, wie die Agentur Tass schreibt.

Moskau: Keine Umsatzsteuer für Mercedes

Um Daimler die Investition zu versüßen, sparen die Behörden nicht mit Anreizen. Bis 2025 hat die Moskauer Gebietsverwaltung Mercedes-Benz von der Umsatzsteuer befreit. Bis 2029 steigt sie graduell auf 13,5 Prozent. Hinter vorgehaltener Hand vermuten Beobachter auch, dass Mercedes seinen Status als beliebte Marke für Funktionäre verteidigen will. 2014 hatte die Regierung festgelegt, dass Behörden ihre Fuhrparks nur mit Autos aus russischer Produktion bestücken dürfen.

Matthias Schepp, Leiter der Auslandshandelskammer, ist aber überzeugt: „Die russischen Regionen rollen Investoren in letzter Zeit den roten Teppich aus.“ Es werde geschätzt, dass deutsche Firmen trotz politischer Probleme an Russland festhalten. „Während amerikanische Konzerne wie General Motors Russland verlassen haben, sind deutsche Unternehmen geblieben und gehen sogar verstärkt rein.“

In der Tat springt Daimler mit seiner Produktion in Russland auf einen Zug auf, den Mitbewerber schon vor Jahren bestiegen haben. BMW ist seit 1999 in der Ostsee-Exklave Kaliningrad (früher Königsberg) vertreten, 2015 wurden dort 16 200 Fahrzeuge gefertigt.

Auch Volkswagen hatte zuletzt sein Engagement in Russland ausgebaut. Rund 500 Millionen Euro haben die Wolfsburger nach eigenen Angaben in den vergangenen Jahren in Russland investiert und unter anderem ein Motorenwerk gebaut. Erst vergangene Woche verlängerte VW eine Kooperation mit dem russischen Autobauer GAZ bis 2025.

dpa

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene Artikel

London wirft Fahrdienst Uber raus

Uber wollte dem Taxi Konkurrenz machen. Zumindest in London ist das vorerst schiefgegangen: Die Stadt will den Fahrdienst von ihren Straßen verbannen.
London wirft Fahrdienst Uber raus

London wirft Uber raus: Nicht "fähig und geeignet"

London (dpa) - Der Fahrdienst-Vermittler Uber erhält keine neue Lizenz für London. Das teilte die Nahverkehrsbehörde der britischen Hauptstadt mit. Uber vermittelt via …
London wirft Uber raus: Nicht "fähig und geeignet"

Adidas-Chef: Atempause für schwächelnde Tochter Reebok

Nürnberg (dpa) - Adidas-Chef Kasper Rorsted will die schwächelnde US-Tochter Reebok bis mindestens Ende 2018 behalten. Auf die Frage, ob Reebok zu diesem Zeitpunkt noch …
Adidas-Chef: Atempause für schwächelnde Tochter Reebok

Widerstand gegen Stahlfusion wächst

Nach dem Bekanntwerden der Fusionspläne für die europäischen Stahlsparten von Thyssenkrupp und Tata wächst im Ruhrgebiet die Empörung. Die Kritik entzündet sich auch an …
Widerstand gegen Stahlfusion wächst

Kommentare

Hinweise für das Kommentieren

Von Mo. bis Fr. in der Zeit von 18 bis 9 Uhr und am Wochenende werden keine neuen Kommentare freigeschaltet.
Bitte bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht.