Am Bedarf vorbei

Studie: Auf dem Land werden zu viele Häuser gebaut, in Städten fehlen sie

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Ein Kran steht vor einem Wohnhaus in München.

In den Städten fehlen Zehntausende Wohnungen - doch auf dem Land werden weit mehr Wohnhäuser gebaut als nötig, meint das Institut der Deutschen Wirtschaft. Die negativen Folgen: Zersiedelung, Leerstände und Preisverfall.

Köln - Deutschlands Häuslebauer bauen in ländlichen Regionen nach Einschätzung des Instituts der Deutschen Wirtschaft viel zu viel. In einer neuen Studie konstatieren die Kölner Wissenschaftler, dass in vielen Landkreisen deutlich mehr gebaut wird als es sinnvoll ist - gemessen an der schrumpfenden Bevölkerung und der Tatsache, dass vielerorts bereits Häuser leerstehen. Das IW empfiehlt den Kommunalverwaltungen eine Reihe von Gegenmaßnahmen.

„Wir stellen mit Schrecken fest, dass in ländlichen Regionen immer noch sehr viele Einfamilienhäuser gebaut werden“, sagte IW-Immobilienexperte Michael Voigtländer. „Wir haben durch die neue Bautätigkeit eine verstärkte Zersiedelung.“ Falls die Bauherren von heute ihre Häuser in der Zukunft wieder verkaufen wollen, werden sie sich nach Einschätzung Voigtländers sehr schwer tun: „Da die Bevölkerung schwindet, fällt die Nachfrage langfristig weg. Das wirkt sich natürlich auf die Preisentwicklung aus.“ Darüber hinaus erwarten die IW-Forscher eine ganze Reihe negativer Folgen: zunehmende Zersiedelung, verödende Dorfzentren und neue Leerstände.

Am Bedarf vorbei gebaut. Das zeigt diese Grafik.

Die Entwicklung ist keineswegs auf Norddeutschland begrenzt: In weiten Teilen des wirtschaftsstarken Bayern wird laut IW ebenso zu viel gebaut wie im Schwarzwald, in der Eifel oder in Nordhessen.

In Bayern gilt das laut Studie sogar für die Mehrheit der Landkreise: Wohnungen fehlen demnach in den Großräumen München und Nürnberg, in Kitzingen sowie ganz im Süden in den drei Alpen-Landkreisen Garmisch-Partenkirchen, Miesbach und Berchtesgadener Land. Überall anders ist nach Einschätzung der IW-Forscher der Bedarf entweder gedeckt oder zu viel gebaut worden, so im Bayerischen Wald und in Teilen der Oberpfalz, aber auch im ländlichen Mittelfranken oder im Oberallgäu. Zum Großteil handelt es sich dabei um große Wohnungen oder Einfamilienhäuser.

Für den Oberpfälzer Landkreis Neustadt an der Waldnaab etwa haben die Wissenschaftler einen Bedarf von 83 Wohnungen ausgerechnet - gebaut wurden zwischen 2011 und 2015 jedoch 252.

In den Ballungsräumen hingegen fehlen weiter Wohnungen. In Berlin etwa sind laut Studie in den vergangenen Jahren nur 40 Prozent der eigentlich benötigten Wohnungen gebaut worden, in München 43, in Hamburg 59 Prozent.

Die Kölner Immobilienforscher stehen mit ihrer Einschätzung nicht allein da: „Wir haben ein Stadt-Land-Gefälle in der Bautätigkeit“, sagt auch Stephan Kippes, Marktforschungsleiter beim Immobilienverband Deutschland Süd in München. „In der Summe hätten wir eigentlich genug Wohnraum in Deutschland - wenn er an der richtigen Stelle wäre.“ Nach einer 2016 veröffentlichten Schätzung des Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung stehen in ländlichen Regionen Deutschlands fast zwei Millionen Wohnungen leer.

Befördert wird die ungünstige Entwicklung laut IW-Studie von den Niedrigzinsen der vergangenen Jahre, die den Kauf einer Immobilie vergleichsweise günstig machen. Das Gebrauchthaus ist offensichtlich nicht übermäßig beliebt. „Viele Familien bauen lieber etwas Neues“, sagte Voigtländer. „Das ist verständlich, aber man müsste gleichzeitig leerstehende alte Häuser abreißen. Sinnvoll wäre eine Fokussierung auf den Bestand.“

Das IW empfiehlt Kommunen mit ausuferndem Neubau ein rigoroses Vorgehen: keine neuen Baugebiete ausweisen, Neubauten an den Abriss von Altbauten koppeln und die Ortskerne attraktiver machen.

Hier gelangen Sie zur interaktiven Grafik

dpa

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