Vorteil nur für Türkei-Urlauber

Rekordtief! Nächste Lira-Krise in der Türkei - Experte liefert düstere Prognose und sieht nur einen Ausweg für Erdogan

Recep Tayyip Erdogan spricht vor mehreren türkischen Fahnen auf einem Podium.
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Will seine Landsleute beruhigen: Recep Tayyip Erdogan bleibt trotz der Lira-Abwertung äußerlich gelassen.

Die türkische Lira rauscht derzeit hinab in ein tiefes Tal. Präsident Recep Tayyip Erdogan scheint sich aber keinerlei Sorgen um diese Entwicklung zu machen. Ganz im Gegensatz zu seinem Volk.

  • Türkei: Die türkische Währung Lira befindet sich auf einem Rekordtief.
  • Das freut immerhin die Urlauber im Land.
  • Die Einheimischen sorgen dagegen vor - obwohl Recep Tayyip Erdogan die Ruhe selbst bleibt.

Update vom 13. August: Währungsschwankungen „passieren immer wieder, so etwas kommt und geht“, meinte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan. Das mag durchaus stimmen, doch ganz so einfach lässt sich der Extrem-Abfall der türkischen Lira nicht schönreden. Die volatile Währung befindet sich auf einem Rekordtief und die Krise im Land hat vielmehr hausgemachte Gründe.

Da ist zum einen die hohe Inflation zu nennen. Die wirtschaftlich unsichere Lage im Land sorgt nicht gerade dafür, dass ausländische Geldgeber in Lira finanzieren - es sei denn, sie wollen ihr Geld dahinschmelzen sehen. Ein weiteres Problem ist das Leistungsbilanzdefizit. Es begründet sich dadurch, dass die Türkei schlicht mehr importiert als exportiert. Um dieses Manko auszugleichen, bräuchte es wiederum Kapitalzufluss aus dem Ausland. Ein Teufelskreis in Zeiten der Inflation. Auch Touristen spielen hier eine große Rolle, bleiben wegen der unsicheren Lage im Land und zuletzt besonders aufgrund der Corona-Pandemie jedoch zusehends fern.

Türkei: Lira auf Rekordtief - geht es mit Zinserhöhungen aus der Krise?

Die eingeknickte Wirtschaft ist ein großes Problem - vor allem für die verunsicherten Menschen im Land, die einen Verfall ihres Geldes befürchten. Dabei ist die Lira-Krise zwar eine schwierige, aber nicht unmögliche Aufgabe. Eine Idee könnte eine simple Leitzinserhöhung. Der Leitzins bestimmt die Bedingungen, zu denen sich Kreditinstitute bei Noten- und Zentralbanken Geld beschaffen können und nimmt damit direkten Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung im Land.

In der Theorie gehen mit einer Leitzinserhöhung erhöhte Kreditvergabe und zunehmender Konsum einher. Ein nahezu unausweichlicher Schritt, um die Inflation einzudämmen. Positiver, nicht zu unterschätzender Nebeneffekt: Die Türkei und die Lira sind für Investoren wieder attraktiver. Es gibt zwar auch bei diesem Schritt bedenken ob des langfristigen Erfolges, doch besser als schlicht nichts zu tun, scheint die Zinserhöhung allemal.

Erdogan betonte zuletzt nämlich vehement, die Zinsen nicht erhöhen zu wollen. Die Wirtschaft solle vergleichsweise billig angekurbelt werden. Auch das mag an und für sich plausibel sein - aber eben nur unter der Bedingung einer stabilen Inflation. Stabil ist die Situation in der Türkei aber eben schon seit längerem nicht mehr. Die Krise wird also wohl noch eine Zeit lang andauern. Neben diesen wirtschaftlichen Aspekten schaufelte sich die Türkei zuletzt auch selbst ein Grab, in dem sie mit anderen Staaten zu sehr auf Konfrontationskurs ging (siehe Erstmeldung).

Lira-Krise in der Türkei: Experte hat düstere Prognose und erkennt nur einen Ausweg für Erdogan

Erstmeldung vom 11. August: Frankfurt/Main - Die Talfahrt der türkischen Währung geht weiter. Nachdem die türkische Lira bereits in der vergangenen Woche Tiefstände erreicht hatte, markierte der Kurs zum Wochenauftakt Rekordtiefs im Handel mit dem US-Dollar und dem Euro. In der Nacht zum Montag wurden für einen Dollar 7,4084 Lira gezahlt und damit so viel wie noch nie. Etwa zeitgleich wurde für einen Euro ein Spitzenwert von 8,7217 Lira gezahlt.

Laut Handelsblatt sah Recep Tayyip Erdogan* die Abwertung der Lira noch am Wochenende gelassen. „Schwankungen passieren immer, so etwas kommt und geht“, erklärte der türkische Staatschef die jüngste Entwicklung. Die Einwohner der Türkei scheinen sich mehr Sorgen um ihr Erspartes zu machen. So sei nach offiziellen Angaben der Türkischen Zentralbank allein in den vergangenen Wochen von Inländern Geld im Wert von neun Milliarden US-Dollar in Devisen umgetauscht worden.

Bürger in der Türkei müssen wegen der Währungsschwäche deutlich mehr für importierte Waren zahlen und können sich bei Auslandsaufenthalten entsprechend weniger leisten. Vorteilhaft ist die Lira-Entwicklung dagegen für Türkei-Urlauber, denn so springt beim Umtausch mehr Geld heraus. Das könnte neben möglichen Corona-Rabatten ein weiterer Anreiz für eine Reise an den Bosporus sein.

Türkei: Lira-Krise - Schwäche wegen Spannungen mit Griechenland

Marktbeobachter erklärten die aktuelle Kursschwäche der türkischen Währung mit neuen Spannungen zwischen der Türkei und Griechenland im Streit um Erdgas im östlichen Mittelmeer. Ein türkisches Forschungsschiff soll in den kommenden Tagen nach Erdgas südlich der griechischen Insel Megisti (Kasteloriso) suchen.

Athen kündigte als Reaktion eine Sondersitzung des Regierungsrates für Außenthemen und Verteidigung (KYSEA) unter Vorsitz von Regierungschef Kyriakos Mitsotakis an. Zahlreiche Schiffe der Kriegsmarinen der beiden Nato-Staaten sind in dieser Region unterwegs, hieß es aus Quellen der Regierung in Athen.

Weniger wert als jemals zuvor: Der türkischen Lira geht es aktuell nicht gut.

Lira-Krise in der Türkei: Kreditvergaben an Unternehmen werden beschränkt

Als Reaktion auf den jüngsten Kursverfall der Lira beschränkte die Türkei am Montag ein Stück weit die Kreditvergabe an Unternehmen. Devisenexperten sehen in den Maßnahmen wenig Aussicht auf Erfolg: „Egal, welcher Cocktail aus Bankensystemkosmetik oder partiellen Kapitalkontrollen zusammengemixt wird - den Trend der Lira wird er nicht umkehren können“, sagte Analyst Tatha Ghose von der Commerzbank. Strengere Kapitalkontrollen können seiner Einschätzung nach allenfalls für einen gewissen Aufschub sorgen.

Focus Online zufolge erwartet der Experte einen weiteren Abwärtstrend der Lira. Ghose umschreibt die Entwicklung als Ausbruch „mit Wucht“ aus dem Seitwärtshandel: „Welcher Interventionsmechanismus auch immer den Wechselkurs flach gehalten hat - er ist wohl gescheitert.“

Seit geraumer Zeit leidet die Lira unter der Geldpolitik der türkischen Notenbank. Trotz einer vergleichsweise hohen Inflation mit einer Jahresrate von zuletzt etwa 12 Prozent hatte die Notenbank mehrfach die Zinsen gesenkt, um die Wirtschaft stärker in Schwung zu bringen.

Doch auch eine Zinserhöhung hätte Ghose zufolge nur einen temporären Effekt. Als einzigen Ausweg sieht er etwa ein IWF-Programm, „welches das Ende von Erdogans unorthodoxem geldpolitischen Experiment bedeuten würde“. Dies sei eine Option, „um die Glaubwürdigkeit wichtiger Institutionen wie der Zentralbank am Markt wiederherzustellen“.

Lira-Krise in der Türkei: Griechenland-Konflikt wegen Gas-Förderung vor der Küste der Türkei

Kontraproduktiv ist auch der Umstand, dass die Türkei deutlich mehr importiert als exportiert. Was vor allem an der Einfuhr von Öl oder Gas liegt. Und eben auch deshalb soll laut Handelsblatt der Konflikt mit Griechenland wieder schwelen. Denn laut internationalem Recht werde der Großteil der Gewässer vor der türkischen Küste Griechenland zugerechnet - einer entsprechenden Seerechtskonvention zufolge. Erdogan würde aber eben gern das Gas in dieser Region selbst fördern.

Ein weiteres Problem der Lira: Der Türkei wird von verschiedenen Seiten vorgeworfen, Waffen nach Libyen zu liefern und den dortigen Bürgerkrieg somit weiter anzuheizen. Mit dieser Art von Exporten macht sich das Land wenig Freunde. Nach dpa-Informationen sollen sich Deutschland, Frankreich und Italien darauf verständigt haben, diesem Vorgehen mit EU-Sanktionen zu begegnen. Es gebe bereits eine Liste mit Unternehmen und Personen, die etwa Schiffe, Flugzeuge oder andere Logistik für den Waffen-Transport bereitstellen würden. Die Betroffenen würden gegen das seit 2011 bestehende UN-Embargo verstoßen. (dpa, mg) *merkur.de ist Teil des Ippen-Netzwerks.

Derweil gibt es überraschende Neuigkeiten zu Karl-Theodor zu Guttenberg. Kommt nun das Polit-Comeback des Ex-Ministers?

Auch aus Russland reisen nach den Lockerungen wieder vermehrt Menschen in die Türkei ein:

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