Reicht eine Quote?

Viele Börsen-Firmen ohne Frauen im Vorstand

Dax-Werte Frankfurter Börse
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Laut einer Studie gibt es in einem Großteil der Börsen-Konzerne keine Frauen im Vorstand.

Eine aktuelle Studie zu deutschen Großkonzernen zeigt: Noch immer ist in den Vorständen und Aufsichtsräten in Sachen Gleichberechtigung viel Luft nach oben. Aber es tut sich was.

Berlin (dpa) - Mit Absichtserklärungen alleine scheint es nicht zu gehen, oder nur viel zu langsam: Einer aktuellen Studie zufolge hat mehr als die Hälfte der großen börsennotierten Unternehmen in Deutschland keine Frau im Vorstand.

Wie die Initiative Frauen in die Aufsichtsräte (Fidar) auf der Grundlage von 186 börsennotierten Konzernen herausfand, gab es in 103 der untersuchten Firmen keine einzige Frau in der Vorstandsetage.

Für den aktuellen Women-on-Board-Index ausgewertet haben die Studienautoren Konzerne in den Börsenindizes Dax, MDax und SDax sowie die im regulierten Markt an der Börse notierten, paritätisch mitbestimmten Unternehmen (Stand 22. März 2021).

„Wir untersuchen die DAX-Unternehmen seit nunmehr zehn Jahren. Das Ergebnis ist nur dort zufriedenstellend, wo die gesetzlichen Regelungen zahlenmäßig wirken“, sagt Fidar-Präsidentin Monika Schulz-Strelow.

In der Gruppe der Unternehmen, für die bereits seit 2015 eine Frauenquote für Aufsichtsräte gilt, liegt der Frauenanteil auch in Vorständen mit 14,1 Prozent etwas höher als in den restlichen Konzernen ganz ohne gesetzliche Quote, wo er bei 11,3 Prozent liegt. Insgesamt stieg der durchschnittliche Frauenanteil in den Vorständen im Vergleich zum Vorjahr um 2,3 Prozentpunkte auf 13 Prozent.

Das Bundeskabinett hatte Anfang des Jahres nach langem Ringen eine verbindliche Frauenquote für Unternehmensvorstände auf den Weg gebracht. Nach Angaben des Bundesfrauenministeriums könnte der Bundestag das Gesetz in der übernächsten Woche absegnen. Laut Fidar hat es bereits vor Inkrafttreten einen Effekt: Seit Bekanntgabe des Vorhabens hätten die Konzerne Adidas, Bayer, Eon, Infineon, Fielmann und Südzucker eine Frau in den Vorstand berufen. Das seien 6 von 66 Konzernen, für die die geplanten neuen Regeln für Vorstände gelten würden, rechnen die Autoren der Studie vor. 25 Konzerne in dieser Gruppe haben demnach noch keine Frau im Vorstand. 12 von ihnen haben bislang auch nicht vor, Frauen in ihre Vorstände zu berufen - sie haben sich die sogenannte Zielgröße Null gesetzt.

Auch die Gesamtbetrachtung offenbart Lücken: 62 von 186 Börsen-Unternehmen planen der Erhebung zufolge weiter ohne Frauen im Vorstand. Als Beispiele für diese Zielgröße-Null-Politik nennt Fidar auch die Dax-30-Unternehmen Delivery Hero und RWE.

Wie aus einer Erklärung des Energiekonzerns hervorgeht, hatte sich der Aufsichtsrat von RWE in seiner Sitzung vom 23. Juni 2017 für die Zeit bis Mitte 2022 für den Frauenanteil im Vorstand tatsächlich die Zielgröße Null gesetzt. Der Beschluss ist von der Realität aber schon überholt worden, wie ein Konzernsprecher auf Anfrage erklärte: Seit 1. November 2020 ist einer von drei Vorstandsposten bei RWE von einer Frau besetzt. Dies habe sich im Zuge der Vorstandsvergrößerung von zwei auf drei Posten ergeben, heißt es weiter. Das sei auch sonst im Konzern, etwa mit Blick auf Tochtergesellschaften, „nichts Außergewöhnliches“, betonte der Sprecher.

Der Fall zeigt: Zielgröße Null auf dem Papier heißt nicht automatisch, dass die Konzerne auch tatsächlich keine Frauen in ihren Vorstand berufen.

Insgesamt ist die Zahl der börsennotierten Konzerne, die mit null Prozent Frauen im Vorstand planen, der Studie zufolge seit 2020 von 75 auf 62 gesunken.

Auch die verpflichtende Frauenquote für Aufsichtsräte macht sich demnach bemerkbar, zumindest deuten die Zahlen darauf hin: Die aktuell 106 Unternehmen, die der verpflichtenden Frauenquote für diese Posten unterliegen, verzeichnen im Aufsichtsrat mit aktuell durchschnittlich 35,9 Prozent Frauen (plus 0,7 Punkte seit 2020) einen Höchststand. Die 80 nicht unter die Quote fallenden Dax-Unternehmen bewegen sich dagegen mit 24,5 Prozent (plus 1,7) weiter unter der 30-Prozent-Marke.

Die Initiative Fidar fordert seit längerem, die bereits existierende Frauenquote für Aufsichtsräte deutlich zu erweitern. Bislang sind lediglich Firmen ab einer bestimmten Größe - in der Regel ab 2000 Beschäftigten - dazu verpflichtet, seit Anfang 2016 frei werdende Aufsichtsratsposten mit Frauen zu besetzen, bis mindestens ein Frauenanteil von 30 Prozent erreicht ist.

Diesen Kreis zu erweitern, hatte auch der ursprüngliche Entwurf zur geplanten Gesetzesnovelle vorgesehen. Aus dem SPD-geführten Bundesfrauenministerium heißt es dazu, dass die Regelung im Zuge der Verhandlungen mit der Unionsseite gestrichen worden sei. Dennoch betont die neue Frauenministerin Christine Lambrecht, dass mit dem geplanten Gesetz „die richtigen Weichen“ gestellt würden.

Das Gesetz sieht auch vor, dass Firmen künftig speziell begründen müssen, wenn sie für den Vorstand, die beiden obersten Führungsebenen unterhalb des Vorstands und den Aufsichtsrat ohne Frauen planen. Die Sanktionen bei Verletzung der Berichtspflichten sollen schärfer werden. Es sei „höchste Zeit für die Mindestbeteiligung von Frauen in Vorständen“, sagt Lambrecht.

Was, wenn es erreicht wäre, wohl auch gelegentlich für weniger Medienwirbel sorgen würde - etwa wenn es, so wie vor kurzem, erstmals eine Frau alleine an die Spitze eines DAX-Konzerns schafft. Seit Mai dieses Jahres führt die Spanierin Belén Garijo das Pharma-und Chemieunternehmen Merck. Von Frauenquoten hält sie nichts.

© dpa-infocom, dpa:210527-99-763554/3

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