Bilanzskandal wird zum Agententhriller

Wirecard-Skandal zieht weitere Kreise: Hatte Ex-Vorstand Formel für Nervengift? Detail bringt Ermittler auf die Spur

Die Anlegergemeinschaft SdK fordert die Aufklärung über die Rolle der Ermittler im Wirecard-Skandal. Foto: Peter Kneffel/dpa/Archiv
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Die Anlegergemeinschaft SdK fordert die Aufklärung über die Rolle der Ermittler im Wirecard-Skandal. Foto: Peter Kneffel/dpa/Archiv

Im Skandal um die Insolvenz des Zahlungsdienstleisters Wirecard soll der flüchtige Vorstand Jan Marsalek streng geheime Unterlagen zum tödlichen Nervengift Nowitschok besessen haben – aus einem Ministerium in Österreich. 

  • Wirecard-Skandal wird zum Agententhriller.
  • Ex-Wirecard-Vorstand soll mit streng geheimem Nowitschok-Dossier geprahlt haben.
  • Gift-Formel stammt aus österreichischen Bundesministerium - Staatsanwaltschaft ermittelt

München - Der Skandal um die Megapleite des Zahlungsdienstleisters Wirecard wächst sich immer mehr zum handfesten Agenten-Thriller aus. Nach einem Bericht der österreichischen Tageszeitung OE24 soll der zuletzt für das Tagesgeschäft zuständige Vorstand Jan Marsalek ein streng geheimes Dossier zum Nervengas Nowitschok gehabt haben. Die Spur für die Quelle der hochbrisanten Unterlagen führt ausgerechnet in Marsaleks Heimat Österreich. Das ergibt sich aus einem internen QR-Code auf dem Dossier.

Wirecard: Alpenrepublik ist alarmiert

Die Alpenrepublik ist entsprechend alarmiert. Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft und nimmt dabei drei österreichische Ministerien ins Visier: Das Außenamt, das Wirtschafts- und das Verteidigungsministerium.

Das fragwürdige Dossier soll bereits 2018 aufgetaucht sein. Nach einem früheren Bericht der renommierten Wirtschaftszeitung Financial Times (FT) soll der flüchtige Wirecard-Vorstand, dem schon länger Geheimdienstkontakte nachgesagt werden, 2018 vor Investoren in London mit den streng geheimen Nowitschok-Papieren geprahlt haben.

Wirecard-Manager hatte Geheimformel für Nowitschok

Bei den Unterlagen soll es sich um vier streng geheime Berichte der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) zum Giftgasanschlag auf Sergej Skripal handeln, darunter auch die chemische Geheimformel von Nowitschok. Das in den 70er Jahren in der früheren Sowjetunion entwickelte Nervengas gilt als eines der gefährlichsten Gifte der Welt. Berichten zufolge ist bereits der Hautkontakt mit einem Milligramm tödlich.

2018 war der russische Überläufer und Doppelagent Sergej Skripal in der englischen Stadt Salisbury mit Nowitschok ermordet worden. Hinter dem Anschlag soll der russische Geheimdienst gestanden haben. Seit dem heimtückischen Mord sind die britisch-russischen Beziehungen auf einem Tiefstand.

Wirecard-Vorstand Marsalek wollte mit Nowitschok Investoren beeindrucken

Mit dem streng geheimen Nowitschok-Dossier habe Marsalek laut FT in der Londoner City Eindruck machen wollen, um die Investoren wieder auf Linie zu bringen. Sie hatten zuvor mit sogenannten Shortselling-Attacken den Aktienkurs von Wirecard unter Druck gesetzt.

Beim Shortselling leihen sich Investoren Aktien gegen eine Gebühr und verkaufen sie anschließend, um sie später wieder günstiger zurückzukaufen und die geliehenen Aktien zurückzugeben. Häufig schüren sie dafür negative Nachrichten zum jeweiligen Unternehmen.

Wirecard: Zahllose Berichte über fragwürdige Buchungen

Wirecard war in den vergangenen Jahren immer wieder Gegenstand von Berichten um fragwürdige Umsätze oder überteuerte Zukäufe gewesen. Auch am Geschäftsmodell von Wirecard und den Bilanzen hatte es immer wieder massive Zweifel gegeben. Vor allem die FT hatte auf zahlreiche Ungereimtheiten hingewiesen. Doch trotz aller Kritik stieg das Unternehmen aus Aschheim bei München im September 2018 in den Dax auf.

Im Juni 2019 flog der Schwindel auf. Nachdem sich 1,9 Milliarden Euro Eigenkapital als Luftbuchung erwiesen hatten, musste der Zahlungsdienstleister Insolvenz beantragen. Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft München neben des Verdachts der Kursmanipulation, der Bilanzfälschung und der Geldwäsche auch wegen „gewerbsmäßigen Bandenbetrug“. Der frühere Wirecard-Chef Markus Braun, der ehemalige Finanzvorstand Burkhard Ley und der ehemalige Chefbuchhalter sind in Haft. Insgesamt könnten mehr als drei Milliarden Euro verloren sein. Dazu kommen Milliarden-Schadenersatz-Ansprüche geprellter Wirecard-Anleger.

Auch gegen die Wirtschaftsprüfer des Unternehmens EY wird ermittelt.

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